"Fußball ist Leben": So feiern Wiens Nigeria-Fans die WM
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"Fußball ist Leben": So feiern Wiens Nigeria-Fans die WM

Wenn du glaubst, dass Leute in Österreich fußballfanatisch sind, dann warst du vermutlich noch nie in Nigeria.
26.6.18

Alle Fotos von Chrisopher Glanzl

Wenn du glaubst, dass Leute in Österreich wirklich fußballfanatisch sind, dann warst du vermutlich noch nie in Nigeria. Bars und Lokale in Lagos, der mit 21 Millionen Einwohnern größten Stadt des Landes (und Heimatstadt meiner Familie), sind an Tagen, an denen die Premier League übertragen wird, zum Bersten voll. Und wenn du in denselben Bars an einem Champions-League-Abend probierst, einen Platz zu finden, an dem du auch nur ein Eck von einem Bildschirm zu sehen bekommst, wünsche ich dir wirklich viel Glück – auch wenn ich bezweifle, dass es dir helfen wird.

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FIFA-Präsident Gianni Infantino (eine sonst eher fragwürdige Figur) hat den dortigen Fußball-Fanatismus bei einem Besuch in Nigeria ziemlich gut auf den Punkt gebracht: "Mir wurde gesagt, dass Fußball hier eine Religion ist, aber das ist eine Lüge. Er ist mehr als das. In Nigeria ist Fußball Leben."

Für die kritischeren Beobachter ist Fußball in Nigeria das neue Opium für das Volk, das die Leute von den unzähligen Problemen ablenkt, und ihre Liebe für die europäischen Top-Clubs gilt häufig als ein Symptom neokolonialer Abhängigkeit. Für die Enthusiastinnen und Enthusiasten hingegen ist Fußball das Einzige, das die unzähligen Völker, die in diesem gigantischen Land leben, zusammenhält – und das gilt natürlich besonders dann, wenn es um die nigerianische Nationalmannschaft, die "Super Eagles", geht.

In meiner Kindheit war Nigerias National-Elf der Shooting-Star des afrikanischen Kontinents: Ausnahmespieler wie Jay-Jay Okocha (ihr wisst schon, der Typ, der einmal eines der absurdeste Tore der Geschichte gegen Oliver Kahn erzielt hat) machten die Super Eagles bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 zu einem der beliebtesten Teams überhaupt. Und Julius Aghahovas' Torjubel, der aus einem gemütlichen fünffachen Flick-Flack mit Rückwärtssalto bestand, sorgte bei der WM 2002 dafür, dass meine kleine Kinnlade runterfiel.

Gerade die letzten Jahre waren für Nigeria, das in nahezu jeder denkbaren Krise steckt, aber auch fußballtechnisch nicht sehr glorreich. Bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 konnte man nicht glänzen, aus Rang 5 in der Weltrangliste Mitte der Neunziger ist zwischenzeitlich Platz 84 geworden. Als ich Anfang des Jahres in Nigeria war, hat mir meine Familie erklärt, dass man die Super Eagles hier seit ein paar Jahren lieber "Super Chickens" nennt.


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All das soll sich das bei der aktuellen WM In Russland wieder ändern. Mehr und mehr nigerianische Spieler profitieren von der Spiel-Routine bei europäischen Top-Clubs , die Strukturen hinter dem Sport werden langsam besser. Die Hoffnung, dass der afrikanische Fußball bei dieser WM endlich die Erfolge feiert, die er verdient, und das stereotype Bild von afrikanischen Mannschaften, die zwar mit kindlicher Begeisterung spielen, aber denen die Disziplin und Struktur fehlt, endlich in die Mülltonne der Fußball-Geschichte landet, sind groß – auch bei uns nigerianischen Österreicherinnen und Österreichern.

Wir sind hier übrigens gar nicht so wenige: Offiziell leben etwa 8.000 Menschen aus Nigeria in Österreich. Zählt man aber etwa die Kinder nigerianischer Einwanderer wie mich selbst dazu, sind es natürlich noch viel mehr, die ihre Wurzeln in dem westafrikanischen Land haben. Wieviele genau, scheint zwar irgendwie niemand zu erfassen, aber es ist ziemlich offensichtlich, dass die nigerianische Liebe zum Fußball auch in zweiter oder dritter Generation kein Ende nimmt – gut erkennbar an österreichischen Nationalspielern wie Rubin Okotie oder Nationalheiligtum David Alaba.

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Die wirklich großen nigerianischen Public Viewings sind in Wien bei den ersten Vorrundenspielen (fürs Erste) zwar ausgeblieben, dafür gab es aber einen Haufen kleinerer Viewings – wie zum Beispiel im Afripoint, einem Lokal im 6. Bezirk.

Die Tatsache, dass die Fans dort teilweise schon die neuen Naija-Trikots und Trainingsanzüge tragen, sollte einem sagen, dass wir hier von richtigen Fans sprechen.

Die Leinwand wird dort beim ersten Vorrundenspiel gegen Kroatien in einer Mischung aus nigerianischem Englisch und wienerischem Deutsch angeschrien. Und die Tatsache, dass die Fans dort teilweise schon die neuen Naija-Trikots und Trainingsanzüge tragen, sollte einem sagen, dass wir hier von richtigen Fans sprechen: Das neue Dress der Eagles erlebt momentan einen ungeahnten Hype, wurde weltweit absurde 3 Millionen Mal vorbestellt und war letztendlich zwei Minuten nach dem Launch weltweit ausverkauft. In Österreich war es erst gar nicht erhältlich und wird es laut einem Nike Store-Mitarbeiter vermutlich auch nie sein. Wer ein so ein Trikot hat, hat also vermutlich ziemlich viel Aufwand dafür betrieben.

Im letzten Gruppenspiel am Dienstag, dem 26. Juni, geht es für Nigeria bei der WM übrigens bereits um alles – ausgerechnet gegen den ewigen WM-Nemesis Argentinien. Die Super Eagles haben die Chance, Lionel Messis Team frühzeitig aus dem Turnier zu werfen und sich selbst für die K.o.-Runde zu qualifizieren. Ich bezweifle zwar, dass es diesmal einen fünffachen Flick-Flack mit Rückwärtssalto zu sehen geben wird, aber hoffe inständig, dass die Super Eagles endlich mal wieder meine Kinnlade zum Runterfallen bringen werden.

Das neue Trikot der Eagles (links) hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Mode-Phänomen entwickelt.

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