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Interviews

"Spaß haben ist hierzulande ein Privileg für Reiche" – Der türkische DJ und Produzent Ozoyo im Interview

Wir haben mit Ozoyo über das Leben als Musiker in der Türkei, den Vergleich zwischen der türkischen und der deutschen Szene und natürlich über Döner gesprochen.

von Tamara Güclü; Übersetzt von Daniel Stächelin
20 März 2018, 12:56pm

Alle Fotos: Yannick Müller

Journalisten regierungskritischer Zeitungen wie der "Cumhuriyet" werden in der Türkei derzeit ins Gefängnis gesperrt, viele Autoren stehen unter ständiger Beobachtung, 2017 war der Stand entlassener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Staatsdienst auf über 5000 gestiegen. Aber wie leben Musiker aktuell dort? Wir haben mit dem DJ und Produzenten Ozoyo gesprochen. Ozoyo ist 27 Jahre alt, in der Türkei geboren und hat als Jugendlicher acht Jahre lang mit seiner Familie in Deutschland gelebt. Seit fast zehn Jahren ist er zurück in seiner Heimat Türkei, als Musiker und Student lebt er in Istanbul. Er macht vor allem instrumentale Musik. Entspannte Beats, die gespickt sind mit HipHop-Samples, aber auch Jazz und elektronische Musik fließen in seinen smoothen Sound mit ein. Wir haben mit Ozoyo über die lokale Musikszene gesprochen, das Leben zwischen den verschiedenen Kulturen und warum Döner in Deutschland bis heute einfach geiler schmeckt.


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Wie beschreibst du deinen Sound?
Die Musik, die ich mache, klingt ziemlich entspannt. Als ich mit dem Musikprojekt als Ozoyo anfing, habe ich sehr viel Jazz gehört. Und mit HipHop bin ich aufgewachsen. Ich bin aber niemand, der auf einem ganz bestimmten Genre hängenbleibt. Ich bin offen für neue Sounds und probiere gerne Sachen aus. Die ersten beiden EPs waren zwar entspannt, aber das nächste Projekt wird auf jeden Fall etwas härter werden, was den Sound angeht.

Was für Einflüsse inspirieren dich?
Das, was ich erlebe, das, was ich noch erleben will und alles, was auf mich wartet. Klingt sehr philosophisch, aber so fühle ich das. Vor zwei Jahren habe ich meine EP Wanderlust veröffentlicht. Damals wollte ich reisen, aber hatte nicht die Zeit dazu. Also habe ich mir vorgenommen, eine EP zu produzieren, die eine Geschichte erzählt übers Reisen und von der Sehnsucht nach weit entlegenen Orten. Wenn man sich die Tracklist genauer anschaut, sieht man, was für eine Reise ich mir vorgestellt habe.

Von den Protesten im Gezi-Park 2013 über den Putschversuch im Sommer 2016 bis hin zur Inhaftierung vieler Regime-kritischer Künstler und Journalisten: Die Türkei hat sich in den vergangenen Jahren politisch stark verändert. Wie empfindest du das aktuelle politische Klima vor Ort?

Die Proteste sind nicht spurlos an mir vorbeigezogen. Bei Gezi 2013 versammelten sich die Menschen anfangs, um friedlich die Abholzung der Bäume dort im Park zu verhindern. Natürlich gab es auch manche Gruppierungen, die sich fragwürdig benommen haben. Aber allgemein ging es um Solidarität mit einer positiven Grundidee. Dem Bewahren von etwas Altem, also der Grünfläche mitten in der Stadt und gegen den Bau eines weiteren, großen Einkaufszentrums. Es ist sehr tragisch, dass am Ende Menschen dabei gestorben sind.

Inwieweit haben sich die Lebensbedingungen für dich verändert in Istanbul?
Mein Leben hat sich nicht drastisch verändert, aber man spürt, dass die Preise krass steigen. Alles wird immer teurer. Der Mindestlohn liegt bei 1400 Lira (umgerechnet 290 Euro) im Monat und ein Bier in einer normalen Bar kostet 15 Lira (etwa drei Euro). Natürlich ist Alkohol nicht soo gesund, aber Spaß haben ist hierzulande ein Privileg für Reiche. Auch das Reisen ist sehr schwer und kostspielig geworden. Anfangs muss man sich einen Reisepass zulegen, dann kommen noch Kosten für ein Visum und aktuell ein katastrophaler Währungskurs hinzu. Für einen Euro muss man etwa 4,7 Lira hinblättern. Da bleibt nicht viel übrig für Luxus wie Urlaub. Die Musik ermöglicht mir zum Glück momentan zu reisen. Für einen großen Teil der Bevölkerung ist das aber nicht möglich, was unheimlich schade ist.

Wie machen sich die politischen Veränderungen in deinem Alltag bemerkbar?
In meinem Alltag hat sich nicht viel verändert. Ich bin 2008 mit meiner Familie freiwillig in die Türkei zurückgekehrt nach acht Jahren in Deutschland. Seitdem ich hier bin, versuchen allerdings viele Menschen in der Türkei nach Deutschland, England oder nach Österreich zu ziehen. Deshalb werde ich auch sehr oft gefragt, warum ich zurückgekehrt bin. Ich studiere zur Zeit in Istanbul Sprachwissenschaften und wahrscheinlich werde ich dieses Jahr fertig. Nach der Uni wird sich zeigen, wo ich leben werde.

Was vermisst du an Deutschland, was nicht? Was sind vielleicht Vorteile deines Lebens in der Türkei, was die Nachteile?
Döner in Deutschland schmeckt viel besser als in der Türkei, dafür mag ich das Wetter in Deutschland nicht so. Aber ich muss echt noch mehr Städte in der Türkei und in Deutschland sehen. Erst dann kann ich mir eine gute Meinung über die beiden Länder bilden. Ich hab damals im Raum Stuttgart gelebt und jetzt in Istanbul, aber mir fällt es schwer, Menschen zu verallgemeinern. Jeder Mensch wächst anders auf, dort und hier.

Wie würdest du die Musikszene in Istanbul beschreiben?
Wie wahrscheinlich überall ist die Szene aufgeteilt in verschiedenen Genres. Popmusik verkauft sich natürlich immer noch am besten. Aber es gibt viele Menschen, die sich auch für Musik interessieren, die nicht so populär ist. Dank Spotify können alle Musiker auch hierzulande der Welt zeigen, was sie drauf haben. Was Istanbul im Speziellen angeht: Ich bin cool mit den ganzen HipHop-Leuten, aber gleichzeitig auch mit der Community, die sich mit elektronischer Musik beschäftigt. Aber eher mit den Leuten, bei denen es nicht nur ums krasse Feiern geht, sondern die auch ein echtes Interesse an der Musik haben.

Wie leicht ist es in Istanbul, sich zu vernetzen?
Genau wie überall sonst auf der Welt kann man sich hier durchs Internet sehr gut vernetzen. Durch Soundcloud, Facebook oder Instagram kontaktiert man einfach Menschen und connected sich direkt. Es gibt eine große Community für elektronische Musik hier in der Stadt, aber leider sind die meisten eher auf Klischee-Genres wie House und Techno hängengeblieben. Das heißt jetzt nicht, dass ich Techno oder House nicht mag – im Gegenteil. Ich würde es nur noch besser finden, wenn die Menschen offen wären für andere Arten von elektronischer Musik. Immerhin: Ein kleiner Teil interessiert sich für Subgenres von Elektro oder andere Sounds.

Wenn das so ist: Kannst du mit deiner Musik denn irgendwo auftreten?
Mittlerweile werde ich auch gebucht, ja. Hier in Istanbul spiele ich ab und zu live und lege auf. Letztes Jahr habe ich in Berlin, Essen und München gespielt und diesen Sommer werde ich wahrscheinlich wieder in Berlin irgendwo auflegen können.

Wo spielst du am liebsten?
Überall, wo es gute Musik gibt. Wenn ich in Clubs auflege, spiele ich tanzbare Musik, von Trap bis House oder Techno. Manchmal gibt es Veranstaltungen, auf denen ich Jazz und nur instrumentale Beats auflege. Ein DJ und Producer sollte sich nicht dem Diktat eines bestimmten Genres unterwerfen, sondern für jeder Art von Musik offen sein und sie auch spielen.

Dein Sound ist unheimlich smooth, du arbeitest verstärkt mit HipHop-Samples und die Beats haben einen sehr entspannten Vibe. Was inspiriert dich dazu?
Bisher hat meine Musik vor allem die ruhige Seite Istanbuls gespiegelt, aber mein nächstes Projekt wird auch die dunkle Seite dieser großen Stadt zeigen. Die nächste EP ist schon fertig. Diesmal wird es nicht nur simple Loops geben, sondern ganze Songs. Ich bin gespannt, wie es die Leute finden.

Istanbul ist eine Stadt extremer Kontraste. Nicht nur durch seine Aufteilung in Asien und Europa. Auch die Stadtteile bilden Gegenpole: Fatih ist sehr religiös, Beyoglu sehr aufgeschlossen und liberal. Wie erlebst du das Miteinander der Kontraste dort? Haben sich die Fronten verhärtet?
Viele Menschen kamen Ende der 80er nach Istanbul, um zu arbeiten. Menschen verschiedener Herkünfte und sexueller Orientierung. Manchmal funktioniert das Miteinander gut und manchmal schlecht. Manchmal kommt es dazu, dass eine Frau belästigt wird, weil sie einen kurzen Rock an hat und manchmal werden bedeckte Frauen von Menschen aufgrund ihrer Verschleierung dumm angemacht. Die Menschen sind wie überall gut und schlecht zugleich.

Welche Unterschiede siehst du, wenn du die deutsche Musikszene mit der türkischen vergleichst?
Die Beat-Szene und die elektronische Musikszene in Deutschland ist echt groß. Deshalb möchte ich auch unbedingt eine Zeit lang in Berlin leben. Die meisten Communitys in Istanbul nehmen sich ein Beispiel an Berlin. Ich wünsche mir, dass die Musikszene in Istanbul irgendwann genau so groß und offen wird, wie in Berlin.

Glaubst du, es wäre gerade leichter für dich in Deutschland an Musik und deiner Karriere zu arbeiten?
Wahrscheinlich wäre es das, ja. Abseits von der Größe der Szene in Deutschland, hat man dort auch keine Probleme mit Visa. Man kann einfach herumreisen, wie man möchte.

Was hält dich dennoch in der Türkei? Was macht das Leben dort für dich aus?
Mein Studium, meine Familie und das gute Wetter. Außerdem entdeckt man in Istanbul immer wieder neue, schöne Ecken.

Was für Projekte stehen derzeit bei dir an? Gibt es länderübergreifende Kooperationen zwischen dir und anderen Musikern?
Weil ich seit fast zehn Jahren in Istanbul lebe, kann ich nicht mehr so einfach irgendwo hinreisen. Bevor ich reise, muss ich mir ein Visum zulegen, deshalb laufen Kooperationen meistens übers Internet, ohne dass ich dafür meinen Wohnort verlassen muss. Ansonsten habe ich gleichermaßen Kooperationen mit Musikern aus Deutschland und aus der Türkei laufen. Im Mai oder Juni werde ich meine neue EP veröffentlichen, es wird musikalisch eine Mischung aus Trap und Lo-Fi-Jazz-Beats. Ansonsten studiere ich weiterhin und will dieses Jahr endlich mein Diplom machen. Und dann hoffentlich noch ganz lange an Musik arbeiten, um die Welt reisen und neue, kreative Menschen kennenlernen.

Wer mehr über Ozoyo erfahren will, kann ihm gerne auf Spotify, SoundCloud, Facebook oder Instagram folgen. Und Noisey natürlich auch. Außerdem haben wir noch Facebook und Snapchat.