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Popkultur

Warum du nicht auf Alkohol verzichten musst, wenn du abnehmen willst

Auf dem Weg zum Astralkörper darfst du dir ruhig das eine oder andere Gläschen gönnen.

von Christian Finn
01 Dezember 2018, 4:56am

Montage: VICE || Bier: imago | CHROMORANGE || Mann: imago | blickwinkel

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Wenn du es mit der Plackerei im Fitnessstudio halbwegs ernst meinst, hast du bestimmt auch schon mal gehört, die Finger besser komplett vom Alkohol zu lassen. Die paar Drinks am Wochenende würden sich sofort in Fett verwandeln, das würde wiederum deine mühsam herausgearbeiteten Bauchmuskeln ruinieren und die ganzen gestemmten Eisen wären ratzfatz für die Katz. Folglich bliebe dir nur Eines: totale Abstinenz. Oder vielleicht doch nicht?

Tatsächlich wird nur ein Bruchteil des konsumierten Alkohols als Fett gespeichert, nämlich weniger als fünf Prozent. Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass sich regelmäßiger Alkoholkonsum – in manchen Fällen sogar täglicher – und Gewichtsverlust nicht ausschließen. Das gilt natürlich nicht, wenn du jeden zweiten Abend auf der Couch vier halbe Liter leerst, aber dann ist es vielleicht sowieso an der Zeit, deinen Konsum zu hinterfragen. Hier ist der aktuelle Stand der Forschung in Sachen Alkohol und Fettverbrennung.


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Auch wenn Alkohol selbst kaum auf die Hüfte schlägt, reduziert er die Fettmenge, die dein Körper zur Energiegewinnung verbrennt. Nur zwei Wodka mit Light-Limonade können die Lipidoxidation, also Fettverbrennung, des Körpers um über 70 Prozent reduzieren.

Anstatt als Fett eingelagert zu werden, wird Alkohol in eine Substanz namens Acetat umgewandelt. Dieses gelangt in den Blutkreislauf und hat vor der Verstoffwechselung von Proteinen, Kohlenhydraten und Fett Vorrang. Dein Körper reagiert damit ähnlich auf Alkohol wie auf überschüssige Kohlenhydrate. Auch wenn Kohlenhydrate sofort zu Fett werden können, geschieht das nicht, solange du dir nicht unfassbare Mengen davon einverleibst.

Stattdessen ersetzen überschüssige Kohlenhydrate vor allem das Fett als Energiequelle. Die dadurch unterdrückte Fettverbrennung kann dazu führen, dass Fette aus deiner Ernährung leichter eingelagert und weniger abgebaut werden. Auf die gleiche Weise vergrößert Alkohol den Fettvorrat nur, wenn du mehr Kalorien zu dir nimmst, als du verbrennst. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass du Alkohol trinken und trotzdem abnehmen kannst.

In einem Versuch ließen Forschende der Colorado State University eine Gruppe Männer jeden Abend zwei Gläser Wein zum Abendessen trinken. Nach sechs Wochen war nicht viel passiert. Das Gewicht der Männer veränderte sich nicht und sie hatten kein Fett zugenommen. Im Fazit liest sich das so:

"Unsere Studie stützt die Annahme, dass moderater Alkoholkonsum (zwei Gläser Wein pro Tag) bei Teilnehmern, die ihren Alltag frei gestalten, nicht das Körpergewicht, die Köperzusammensetzung, den Ruhe-Metabolismus oder die Substratnutzung auf irgendeine Weise beeinflusst, die über einen Zeitraum von sechs Wochen in irgendeiner Weise die Entwicklung von Übergewicht fördert."

Eine andere Studie der gleichen Forschungsgruppe führte zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Zwei Gläser Wein an fünf Tagen der Woche über einen Zeitraum von zehn Wochen wirkten sich nicht auf das Körpergewicht oder den Fettanteil einer Gruppe übergewichtiger Frauen aus.

Deutsche Forschende von der Universität Hohenheim rekrutierten 49 übergewichtige Versuchspersonen, denen sie eine von zwei 1500 Kalorien-Diäten vorschrieben. Eine Diät beinhaltete täglich ein Glas Weißwein, die andere ein Glas Traubensaft. Nach drei Monaten hatte die Weißweingruppe etwas mehr Gewicht als die Traubensaftgruppe verloren, nämlich 4,73 Kilogramm im Gegensatz zu 3,75 Kilogramm. Statistisch signifikant ist der Unterschied damit aber nicht.

Kurz gesagt: Alkohol macht von sich aus nicht sonderlich fett. Fett kommt vor allem davon, ständig über deinen Energiebedarf zu essen. Solange dich deine Diät also insgesamt in einem Kaloriendefizit hält, kannst du dir zwischendurch auch ein Gläschen gönnen.

Aber warum hat Alkohol in Sachen Abnehmen so einen schlechten Ruf? Das Problem sind weniger die Kalorien als die Art und Weise, wie Alkohol dein Essverhalten beeinflusst. Verantwortlich dafür ist vor allem seine "enthemmende Wirkung", die auch die eisernste Disziplin hintergehen kann.

Studien zeigen, dass du tendenziell mehr isst, wenn es zu einer Mahlzeit Alkohol gibt als bei einer mit einem Softdrink. Du bekommst es also gleich doppelt: einmal von den Kalorien in deinem alkoholischen Getränk und nochmal von der erhöhten Kalorienaufnahme.

Als eine Gruppe Frauen gebeten wurde, Kekse zu probieren, nachdem sie Wodka mit Diätlimonade oder ein ähnlich schmeckendes Placebo getrunken hatten, aßen die Wodkatrinkerinnen mehr. Von den drei wichtigsten Lebensstil-Faktoren, die spontane Nahrungsaufnahme stimulieren, steht Alkohol ganz oben, gefolgt von Fernsehen und Schlafentzug.

Stell dir einfach Folgendes vor: Es ist Freitagabend und du triffst dich mit ein paar Freunden zum Essen. Du freust dich auf einen gediegen-ausgelassenen Abend, alles in Maßen versteht sich. Vor dem Essen gibt es einen kleinen Aperitif. Dabei soll es auch bleiben, sagst du dir. Weil es sich auf einem Bein dann aber doch irgendwie schlecht steht und sowieso "einer ist keiner" gilt, schenkst du dir noch ein Glas ein.

Als nach Getränk drei schließlich das Essen auf den Tisch kommt, haben sich alle deine guten Vorsätze bereits in Negroni aufgelöst. Der "Was soll's"-Effekt setzt ein und dein strenges Diätregime hat keine Chance mehr. Von hier an geht es feuchtfröhlich bergab und endet kulinarisch mit einem McDonald's-Besuch am frühen Samstagmorgen.

Damit ist die Sache aber noch nicht gegessen. Dein für Samstag geplantes Workout verschiebst du zugunsten von Bett und Netflix. Du bist verkatert, hungrig und ärgerst dich vor allem, dass du dich dermaßen hast gehen lassen. Um die schlechte Laune zu vertreiben, isst du noch mehr. Und wie wir alle wissen, hast du verkatert vor allem Lust auf Junkfood. Nach der Vier-Käse-Pizza ist dann irgendwie auch alles egal. Du tust für den Rest des Wochenendes einfach, worauf du gerade Bock hast.

Wenn es ganz dicke kommt, entscheidest du dich dazu, dein Dreambody-Projekt kurz auszusetzen und einen Neuanfang zu starten. Nächste Woche dann, sagst du dir. Oder nächsten Monat? Vielleicht nächstes Jahr?

Kurz gesagt, die Vorstellung, dass Alkohol sofort zu Fett wird und auf deinen Hüften landet, ist falsch. Alkohol bremst die Fettverbrennung ab, während er von deinem Körper verstoffwechselt wird. Er hält dich allerdings nicht weniger davon ab, Gewicht zu verlieren, als überschüssige Kalorien von Kohlenhydraten oder Fett.

Solange du ihn in deinem Kalorienbudget mit einbeziehst, hat moderater Alkoholkonsum keinen negativen Einfluss auf die Fettverbrennung. Viel wahrscheinlich wird er deine Fitnesspläne durch seinen Dominoeffekt torpedieren, den er auf deine Essen- und Trainingsgewohnheiten in den nachfolgenden Stunden und Tagen haben kann. Zu viel Alkohol hat ohne Frage das Potenzial, deine Fortschritte in einer Art zu stören, die über den bloßen Kalorieninhalt hinausgeht.

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