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Popkultur

Domian ist zurück – aber ich bin total enttäuscht

Die erste Folge 'Domian live' war so langweilig, dass ich nur noch seine alten Folgen auf YouTube gucke werde.

von Lisa McMinn
09 November 2019, 2:50pm

Foto: imago images | teutopress 

Domian trat früh in mein Leben. Meinen ersten Fernseher bekam ich mit 15. Es war ein Weihnachtsgeschenk, ein grauer Röhrenfernseher von Aldi. Ich wuchtete ihn auf das IKEA-Regal neben meinem Bett, entdeckte den Sleep-Timer und damit ein neues Leben. Fortan lullte der Fernseher mich allabendlich in den Schlaf und weil ich schlecht einschlief, landete ich um 1:00 Uhr nachts meist bei der Call-in-Sendung Domian.

Eine Stunde lang saß Jürgen Domian damals, legeres Hemd, stoppeliges Haar, einfach nur da, in pinkem Pufflicht, ein Headset auf dem Kopf, und telefonierte mit Menschen, die ihm von ihren Sorgen berichteten. Ich lauschte und lernte nebenbei alles, was ich über Sex, Gewalt und Liebe wissen musste, um auf ein erwachsenes Leben vorbereitet zu sein. Doch dann wurde YouTube erfunden, Podcasts und Netflix und 2016 wurde Domians Late-Night-Talk eingestellt. Nach 21 Jahren.

Aber jetzt ist er wieder da. Nur ist dieses Mal alles anders.

Domian live ist nämlich, anders als seine legendäre Call-In-Sendung von früher, wirklich eine Fernsehsendung. Die Gäste rufen nicht an, sondern kommen ins Studio – viel Glas, bläuliches Licht, zwei graue Sessel auf der Bühne und drumherum ein Publikum. Ein Gast nach dem nächsten, alle gecastet, nehmen neben Jürgen Domian, 61, Platz, nur weiß der nie, wer ihm als Nächstes gegenüber sitzen wird.


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Der erste Gast heißt Christian, 36, und hat eine seltene tödliche Krankheit. Christian ist ruhig, er ist freundlich, er ist ehrlich. Sein Körper ist von Tumoren zerfressen, er hat seinen Job verloren, ist seit drei Jahren Single und wenn er abends ins Bett geht, sagt er, kriecht die Angst vorm Sterben in ihm hoch. Domian lässt sich alles genau erklären, ist aber vorsichtig mit ihm. Dann doch eine kantige Frage: Ob er schon mal über Sterbehilfe nachgedacht hätte? Ja, sagt Christian, aber das sei nichts für ihn. Lieber möchte er reisen, nach Ägypten, Amerika, Skandinavien, so lang er noch kann. "Liebe ist die beste Therapie", gibt Domian ihm noch mit auf den Weg, dann darf Christian im Publikum Platz nehmen.

Danke, der Nächste bitte.

Hinein kommt Francis, 49. Sie sei 2015 nach über 20 Jahren aus der Sekte der Zeugen Jehovas ausgestiegen, sagt sie. Da horcht Domian auf. Was sie überzeugt hätte? "Bilder vom Paradies", sagt Francis. Domian wagt daraufhin seine erste wirklich kritische Frage: "Wie kann das, ich sag das jetzt mal despektierlich, sein, dass du darauf reingefallen bist?"

Dass Domian nachhakt und daraufhin Menschen ihre Geschichten erzählen, das ist gut. Weil man mitfühlt. Weil es möglicherweise anderen in einer ähnlichen Situation hilft. Weil es Scham nimmt und Mut macht.

Francis Geschichte ist grausam. Sie lernte einen Mann kennen, der sie in ihrer Ehe vergewaltigte, und schaffte es dennoch erst Jahre später, sich von ihm und schließlich von der Sekte zu lösen. Doch Francis' Geschichte ist auch auserzählt. Die Frau, die dort heute sitzt, ist selbstbewusst und anscheinend psychisch stabil. Sie hat es – zum Glück – rausgeschafft. Doch die Menschen, die bei Domian anriefen, die steckten in ihren Problemen oft noch mitten drin. Oft waren sie verzweifelt oder verschämt. Sie haben gerade deshalb angerufen, weil sie eben nicht erkannt werden wollten. Und genau das machte es spannend, ihnen zuzuhören. Es fühlte sich verboten an, weil es Geheimnisse von Unbekannten waren, deren Äußeres man höchstens noch an der Stimme erraten konnte.

War Domian überhaupt Trash?

Ihre Geschichten waren oft tragisch, aber manchmal waren sie auch einfach unglaublich komisch. Eine Sendung Domian war eine Reise durch alle Gefühle, von Schock bis Lachanfall.

War Domian Trash? Hatte es deshalb so viele Fans? Natürlich setzte die Redaktion immer wieder absichtlich Themen wie "Ekel" oder besser gleich "Abartig", damit Leute wie Steffen anrufen konnten, der sich an seinem Gummibaum reibt, bis er kommt, oder Edwin, der lieber Sex mit Hackfleisch hat als mit Frauen. Natürlich konnte man sich über diese Leute lustig machen. Nur war das eben deren Leben. Domian hat ihnen einfach zugehört. Und ich und Tausende andere, wir haben gelauscht.

Rund 20.000 Menschen haben in 21 Jahren bei Domian angerufen, rund 200.000 andere jede Nacht eingeschaltet. Zig Fans haben die Videos auf YouTube hochgeladen, manche kommen auf über eine Million Views. Die Leute lieben ihn.

Der WDR und ein paar andere, die vorweg über Domian live berichtet hatten, kürten den Moderator in ihren Ankündigen deshalb zum "Kult-Talker" und wahrscheinlich war es ab dem Moment vorbei. Wer erstmal Kult ist, der hat es schwer.

"Warum bist du bei mir?", fragt Domian seinen nächsten Gast, Marikka, 66.

"Wenn ich das wüsste", sagt sie und kichert, "es ist ein guter Abschluss. Und außerdem wollte ich dich sehen."

Trotzdem wird es mit Marikka, blonder Pony, silbrig glitzernder Schal, Seidenstrümpfe, noch ein bisschen edgy. Sie erzählt von einer früheren Affäre mit einem Mann: "Der hat mich ausgepeitscht und das war wunderschön."

Ein bisschen Sadomaso, OK. Aber auch das ist es nicht, was Domian hatte und dieser Sendung leider fehlt. Der Kult steckte nicht nur in dem, was frühere Gäste zu erzählen hatten, sondern in der absurden Situation, in der man als Zuschauer steckte. Das Besondere an Domian war, dass man nur ihn, den Moderator, und den weißen Porzellanhirschen sah, der übrigens nach Ende der Sendung für 43.000 Euro bei eBay versteigert wurde. Man sah nur diesen Mann und man sah seine Mimik. Mitfühlendes Nicken. Ein geflüstertes "Hmm", das der Zustimmung diente, oder auch mal ein "Nein!", zu dem er sich weit nach vorne lehnte, über seinen Tisch, und fast hinaus aus dem eigenen Fernseher. Und das war es doch: dass er nur für den Zuschauer da war. Man war mit ihm allein. Ich war mit Domian allein. Er stecke da in meiner Kiste. Für mich.

Heute sitzt Domian auf einem skandinavisch-schicken Sessel und führt freundlich mitfühlend Gespräche mit Menschen, die zwar was zu sagen haben, aber es eben auch sagen wollen. Sind sind gecastet. Sie überwinden sich zwar, im Fernsehen zu sein – da gehört einiges an Mut zu –, aber sie kommen gern. "Live und ohne Tabus" sei die Sendung, sagt Domian in seinem Trailer. "Live, sehr freundlich, aber leider etwas verklemmt" hätte besser gepasst.

Kurz vor Schluss dann noch ein Fan: Regina, 73, geboren in Pankow, 1966 aus Ostberlin geflüchtet. "Mein Mann hat mich im Tank versteckt, dafür musste ich 40 Kilo abnehmen." Eine schöne Geschichte, herzlich, dramatisch, passend zur Nacht vom 8. auf den 9. November, 30 Jahre Mauerfall. Aber vielleicht passt es eben einfach zu gut.

Mehrmals sagt Domian in dieser Nacht, dass man ja auch anrufen könne, für Fragen. Aber es ruft niemand an.

Nächstes Mal vielleicht. Noch drei Mal kann man Domian live sehen, immer freitags, den ganzen November lang. Vielleicht hilft es ein bisschen, das Bild auszuschalten und nur den Ton zu hören. Aber besser ist wohl, man schaut sich bei YouTube einfach eine der vielen großartigen alten Folgen an.

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