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Stanic – Die Kolumne

Warum es gut tut, dass jemand namens Saša Stanišić den Deutschen Buchpreis gewonnen hat

Dank Stanišić fühle ich mich in der deutschsprachigen Literaturszene repräsentiert.

von Alexandra Stanic
16 Oktober 2019, 12:02pm

Foto: imago images | Future Image || Bearbeitung: VICE 

Bücher waren schon immer mein Ein und Alles, als Jugendliche las ich im Durchschnitt zwei pro Woche. Damals habe ich mich noch nicht damit beschäftigt, inwieweit mich Autoren und Autorinnen repräsentieren. Aber je feministischer ich wurde, umso kritischer habe ich meine Bücher ausgewählt. Ich fing an, ganz bewusst Werke von Autorinnen, vor allem von Women of Color, zu kaufen – Solidarität auch bei der Bücherwahl. Ich verzichtete größtenteils auf neue Literatur von Männern, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, weil ich mich von ihnen nicht verstanden fühlte. Sie hatten einfach nichts mit meiner Lebensrealität zu tun. Vor etwa drei Jahren entdeckte ich den Roman Wie der Soldat das Gramofon repariert von Saša Stanišić – und fühlte mich so repräsentiert wie noch nie.

Der österreichische Journalist Michael Fleischhacker würde sagen, ich sei ein "Mensch, dessen südosteuropäischer Migrationshintergrund deutlicher erkennbar ist als sein literarischer Konsumationsvordergrund". Übersetzt heißt das: Ich bin ein Jugo, der keine Ahnung von Büchern hat. Hat mein südosteuropäischer Migrationshintergrund also alles verbockt. Ich habe keinen Anspruch auf Literaturkritik. Dafür dürfen wir putzen und auf den Bau, wie es sich für Jugos gehört. Kritik äußern sollte nur, wer Herbert oder eben Michael heißt.

Über den südosteuropäischen Migrationshintergrund hat sich Fleischhacker ausgelassen, nachdem der österreichische Schriftsteller Peter Handke den Literaturnobelpreis erhalten hatte und diese Entscheidung von vielen heftig kritisiert worden war – unter anderem von Menschen aus Ex-Jugoslawien wie Stanišić. Handke verharmlost Kriegsverbrechen, ist befreundet mit serbischen Nationalisten. So besuchte er etwa den serbischen Politiker Slobodan Milošević im Gefängnis in Den Haag. Milošević war wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Er starb, bevor es zu einem Urteil gegen ihn kam.

In seiner Dankesrede hat Stanišić Handkes Auszeichnung scharf kritisiert. Er spricht davon, dass er das Glück hatte, "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt". Stanišić musste, wie viele andere während des Jugoslawienkriegs, vor jenen flüchten, die Peter Handke verteidigt. Es tut gut, dass Stanišićs Kritik Gehör findet. Jeder einzelne seiner Tweets gegen Handke lässt mich "Genau so und nicht anders" rufen (und manchmal auch das eine oder andere bosnische Schimpfwort).

Siegfried-Theodor-Anton-Nordpol-Ida-Cäsar: Würde man mich aus dem Schlaf reißen, nach einer übel durchzechten Nacht, ich könnte meinen Nachnamen korrekt buchstabieren. Ich frage mich, ob Stanišić die gleichen Wörter verwendet, um seinen Namen zu erklären, wenn das Gegenüber am anderen Ende der Leitung nicht versteht oder nicht verstehen will.

Siegfried-Theodor-Anton-Nordpol-Ida-Siegfried-Ida-Cäsar – fast so wie meiner, plus zwei i und ein š. Wusstet ihr, dass Saša auch eine Abkürzung für Alexandra sein könnte? Nie hat der Begriff Namensvetter besser gepasst. Müssen nur noch die Redaktionen von Spiegel bis Kronen Zeitung lernen, Stanišić richtig zu schreiben. Bislang gelang ihnen das nicht.

Ich jedenfalls freue mich – fast so sehr wie Stanišićs Mutter –, dass er dieses Jahr den Deutschen Buchpreis für seinen Roman Herkunft erhalten hat. Vielleicht nicht ganz so sehr wie sie, ich will mir nicht anmaßen, ihre Freude mit meiner gleichzusetzen. Sie ist vor Krieg und Elend geflüchtet und hat in einem fremden Land ihren Kindern eine sichere Zukunft ermöglicht. Sein Erfolg ist auch ihr Erfolg.

Natürlich sollte Stanišićs Migrationshintergrund nicht das Entscheidende sein. Er hat den Preis für seine literarische Arbeit erhalten und das ist gut so. Dennoch ist da dieser Gedanke: Einer von uns hat eine wichtige Auszeichnung für deutschsprachige Literatur erhalten. Einer von uns! Einer mit -ić am Ende seines Nachnamens.

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