Menschen

Wir haben blinde Menschen gefragt, wie sie online daten

"Was bringt es mir zu wissen, dass jemand grüne Augen hat? Ich habe ja noch nie eine Farbe gesehen."

von Nora Pauelsen
02 Oktober 2019, 3:30am

Foto: imago images | Westend61 | bearbeitet

Es ist ein ungemütlicher Herbstabend. Du liegst alleine in deinem Bett und wünschst dir jemanden neben dir. Du öffnest Tinder. Schon erscheint der erste Typ. Ein Foto mit seinen Freunden zusammen im Club. Hoffentlich ist er der Kerl ganz links, der breit gebaut ist. Nächstes Foto: Nein, leider war es wohl sein Kumpel. Erwartung zerstört, swipe nach links. Nächster Typ. Kurze, braune Haare, trägt einen dunkelroten Carhartt-Pulli. Starrt ernst in die Kamera. Auf dem zweiten Foto kuschelt er mit einem Labradorwelpen. Das zieht aber auch immer. Swipe nach rechts. Match! Beim Online-Dating bewerten wir blitzschnell das Aussehen von potenziellen Partnern. Aber wie entscheidet eine blinde Person, wer attraktiv ist? Sind äußerliche Merkmale dann komplett irrelevant?

Bis zu 1,2 Millionen Menschen sollen in Deutschland nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation blind oder sehbehindert sein. Wir haben mit drei von ihnen über ihre Erfahrungen beim Online-Dating gesprochen.

Mo, 27 Jahre alt, kommt aus Zürich, von Geburt an blind

Junger Mann, Potraitfoto, leichtes Lächeln, leichter Bart, trägt Sonnenbrille
Mo erzählt seinen Dates erst nach zwei Tagen, dass er blind ist

Ich habe in den letzten Jahren ziemlich oft Frauen gedatet. Online-Dating ist für mich als blinde Person natürlich einfacher. In Discos sehe und höre ich nichts und Flirten passiert über Blickkontakt. Das ist für mich ja eher ungünstig. Ich lerne meine Dates über Tinder, Lovoo oder Parship kennen. Bei Tinder wische ich einfach neun, zehn Mal nach rechts und irgendwann kommt dann ein Match. Da habe ich dann anfangs wirklich gar kein Ausschlusskriterium. Manchmal wischt ein Kumpel für mich und beschreibt mir, wie die Frau aussieht.

Wenn ich sagen würde, dass mir das Aussehen der Frau egal ist, würde ich lügen. Klar, ob jemand blonde oder braune Haare hat, macht keinen Unterschied für mich. Aber ich stehe zum Beispiel auf sportliche Frauen mit langen Haaren. Auch wenn ich es nicht sehe, kann ich das ja fühlen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, erst nach zwei Tagen Chatten zu sagen, dass ich blind bin. Mit dem Hinweis: "Bevor du dich unsterblich in mich verliebst, sollte ich dir vielleicht noch etwas erzählen." Würde ich es sofort sagen, macht sich die Frau ein Bild über mich, ohne mir eine Chance zu geben. Das war selten erfolgversprechend. Aber wenn wir schon zwei Tage geschrieben haben, kann die Frau einschätzen, dass ich ein cooler Typ bin. Und dann kommt die Erblindung eher wie ein Special Effect noch hinzu. Sie ist aber nicht der erste Eindruck über mich.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Ein Teil der Frauen wollte nichts mehr von mir wissen. Das stört mich aber nicht. Manche können damit halt nicht umgehen. Das ist ja wie, wenn du jemanden datest, der raucht und du das nicht magst.

Manchmal zeigen die Frauen auch Mitleid. Aber das ist nur am Anfang so und hört dann auf. Das stört mich auch nicht mehr, weil ich weiß, dass Menschen, die nie mit Blinden Kontakt hatten, automatisch so reagieren. Der andere Teil der Frauen nimmt mich nach meinem Geständnis als den interessantesten Typen der Welt wahr. Das führt meist dazu, dass Diskussionen viel tiefgründiger werden. Dates laufen dann gar nicht so anders ab als mit Sehenden. Wir gehen einen trinken, etwas essen oder spazieren.

Tamara Aslan, 24 Jahre, seit Geburt blind

Portrait einer jungen Frau, mittellange rote Haare, steht draußen in der Natur und lächelt leicht
Tamara möchte das Aussehen ihres Dates erst nach ein paar Tagen wissen

Die meisten Datingseiten sind nicht unbedingt barrierefrei gestaltet. Deswegen suche ich Partner in Facebook-Gruppen wie "Singles mit Handicap" oder "Singles aus Duisburg". Ich sage dann auch immer direkt, dass ich blind bin. Der andere muss ja wissen, wo er dran ist. Früher habe ich das erst kurz vor einem Date erzählt. Dann hat der Typ sich nicht mehr gemeldet. Daraus habe ich gelernt. Jetzt spiele ich von Anfang an mit offenen Karten.

Das Aussehen ist mir erst einmal egal. Ich achte darauf, wie sich der Typ beim Chatten ausdrückt. Ein totales No-Go sind da Sätze wie: "Du bist ja hübsch" oder "Toll, wie du mit deinem Handicap umgehst". Ich bestehe auch schnell darauf, die Stimme zu hören. Das sagt einiges über die Person aus. Ich kann an der Stimme das Alter heraushören und ob er groß, klein, schlank oder unsportlich ist. Das merke ich am Atmen. Außerdem muss die Stimme sich für mich attraktiv anhören. Erst nachdem wir ein paar Tage gechattet haben, möchte ich wissen, ob der Mann so aussieht, wie ich es mir vorstelle. Nur weil ich nicht sehe, heißt es ja nicht, dass ich keine Wunschvorstellungen von einem Mann habe. Ich möchte keinen Typen, der extrem schlank ist. Um das zu wissen, habe ich eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der Sehende beschreiben, wie ein Foto aussieht.

Mich interessieren nicht viele äußerliche Merkmale. Was bringt es mir, zu wissen, dass jemand grüne Augen hat? Ich habe ja noch nie eine Farbe gesehen. Ich möchte aber anderen erklären können, wie mein Partner aussieht. Deswegen habe ich auch immer ein Foto von ihm dabei.

Beim ersten Date gehe ich gerne ins Kino. Ja, ich weiß, als Blinde ins Kino zu gehen, klingt erst einmal komisch. Aber ich höre ja, wie der Film verläuft. Und manchmal frage ich dann mein Date, ob er mir bestimmte Szenen beschreiben kann. Das geht immer ganz gut. Die Typen gewöhnen sich auch schnell an mein Handicap.


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Axel, 50 Jahre, hatte mit 16 eine Netzhautkrankheit, wegen der seine Sehkraft immer weiter abgenommen hat

Mann, 50 Jahre alt, schaut leicht nach links, Portraitfoto, lächelt, kurze graue Haare, trägt ein schwarzes Hemd
Für Axel ist es völlig in Ordnung, wenn jemand ihn wegen seiner Blindheit ablehnt. Er kann sich auch nicht vorstellen, mit einer Frau im Rollstuhl zusammen zu sein

Ich war auf FriendScout24 und bin in Singlegruppen auf Facebook aktiv, um Partnerinnen zu finden. Da sage ich auch direkt, dass ich blind bin. Ich mach da kein Staatsgeheimnis raus. In mein Profil hab ich geschrieben: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Und darunter dann: Ich sehe nur noch ein Prozent. Am Anfang vom Chatten kommt immer die übliche Fragestunde: Wie bedienst du denn dein Handy? Wie lange bist du schon blind? Das sind Standardfragen. Die bin ich mehr als gewöhnt. Aber nach dem dritten Mal Ausgehen wird es wichtigere Themen geben als das.

Und wenn jemand nur Interesse an meinem Handicap hat, würde ich das merken. Mitleid brauche ich nicht. Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen. Ich nenne das immer "mit Narben umgehen". In einer Beziehung kann die Blindheit ja nicht das Wichtigste sein. Die Frau hat sich nach ein, zwei Monaten daran gewöhnt. Und dann hat sie dieses Mitleid nicht mehr und haut ab. Rücksicht muss man doch auf jeden nehmen, oder? Ich brauche beim Ausgehen ein bisschen mehr Unterstützung als normale Menschen. Da lernt man mit der Zeit mit umzugehen.

Eine Frau hat mir mal gesagt, dass sie sich niemals vorstellen könnte, mit mir zusammen zu sein, weil ich blind bin. Aber das ist für mich keine Diskriminierung, sondern einfach eine Tatsache. Ich könnte mir es auch nicht vorstellen, mit jemandem im Rollstuhl zusammen zu sein. Das wäre echt schwierig.

Bei meinen Dates verabrede ich mich fast immer an Bushaltestellen. Da weiß ich den Weg und man kann sich nicht verfehlen. Bei neuen Orten, die ich noch nicht kenne, muss die Frau mich zur Haltestelle zurückbringen. Oft sind die Frauen am Anfang unsicher, wenn sie mich führen. Das ergibt sich aber nach der Zeit.

Mit einer Sache muss ich als Blinder halt klarkommen: Wenn eine Frau einen Beschützer haben möchte, kann ich das nicht bieten. Letztens wurde eine Freundin von mir von einem Typen dumm angeguckt und belästigt. Das habe ich natürlich nicht mitbekommen. Aber ich habe das dann vielen Freunden in der Bar erzählt und der Typ hat aufgehört. Solche Situationen sind immer schwierig. Aber man muss sich zu helfen wissen, dann geht das schon.

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