Popkultur

Wer macht eigentlich diese Online-Grußkarten, die dir deine Tante immer schickt?

Wo zur Hölle findet Tante Gerlinde diese 3D-Schutzengel, die dir einen knuddeligen Montagmorgen wünschen? Und wer ist dafür verantwortlich? *lach* ;-))

von Franz Lichtenegger
19 August 2017, 6:45am

Grußkarte via Iris-Zschirnt.de

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Es eine Reihe wichtiger Fragen im Leben eines jeden Millennials: Komme ich damit klar, wenn meine Mama ein Smartphone hat? Wie gehe ich damit um, wenn mein Onkel mir konsequent völlig zusammenhangslose Emoji-Kolonnen schickt? Wie erkläre ich meiner Tante, dass jedes Mal ein kleiner Teil von mir stirbt, wenn sie "das WhatsApp" sagt? Wie werde ich mit meinem Papa und einer Kettenbrief-Situation fertig? Und vor allem: Wann werden sie alle damit aufhören, mich mit diesen Spruch-Bildchen zu belästigen? –

"Euch allen einen zauberhaften Dienstag ;-))"? Sind das e-Cards? Viren? Vorboten des Untergangs? Warum sind da lauter Hundewelpen, Teddybären und Katzenbabys drauf? Sind das Elfen? Engel? Feen? Orks? In 3D? Kommen diese Photoshop-Skills direkt aus den 90ern? Sind Emoticons noch ein Ding? Warum flasht das so arg? Gibt es Word-Art überhaupt noch? Was – ist – das? Nachdenkliche Sprüche mit Bilder, nur in echt? Die düstere Welt der Babyboomer-Memes?

Wem beim Anblick von "Tante Gerlinde hat ein Bild gesendet" ein kalter Schauer über den Rücken läuft, weiß genau, wovon die Rede ist: Online-Grußkarten aus der Hölle. Aus irgendeinem Grund scheint diese Art von Content unsere Eltern auf einem ähnlich hohen Connectivity-Level abzuholen, wie wir das ansonsten nur von purem Internet-Konzentrat gewöhnt sind: Memes.

Und während "Nachdenkliche Sprüche" inzwischen zu einer ganz eigenständigen Institution geworden sind, scheint unsereiner das Original, die Inspirationsquelle, die authentische Alternative völlig zu ignorieren.

Im Grunde genommen gibt es nur zwei wichtige Figuren in der digitalen Welt deiner Tante: Conny Dambach und Iris Zschirnt. Letztere setzt sich für Tiere ein, hat eine fiktive sechste Staffel Queer As Folk geschrieben und betreibt das legendäre "Grußkarten-Paradies", das einem virtuellen Trip recht nahekommt und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den meist aufgerufenen Seiten deiner Tante Gerlinde gehört. Danke, Iris!

Conny Dambach ist das Mastermind hinter der Facebook-Seite "Das-sage-ich", auf der sie Dinge sagt – nicht etwa zu sich selbst, sondern zu fast 100.000 Fans. Wir reden hier von Verified-Haken-Niveau. Die beiden haben nichts miteinander zu tun, abgesehen davon, dass sie die beiden regierenden Internet-Chefinnen aller Menschen Ü40 sind.

Wer bislang dachte, Grußkarten schickt man nur aus dem Urlaub, zum Geburtstag oder bei Todesfällen, liegt falsch – Iris Zschirnt bietet E-Cards für jeden, wirklich jeden (JEDEN!) Anlass.

Im Sortiment finden sich unter anderem der Christopher Street Day, die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg, ein vermeintlich positives HIV-Testergebnis, Brexit, generell Flüchtlinge und der Kampf gegen Terror ("Terror und Amok" hat mittlerweile sogar eine eigene Kategorie bekommen) – wer also seiner Oma mal eben "Alles Gute zum Brexit!" oder "Schöne Grüße im Kampf gegen Terror!" zukommen lassen möchte, der kann sich hier bedienen. Es gilt: Wenn es existiert, gibt es eine Grußkarte dafür.

Iris Zschirnt wollte uns leider keine Fragen zu ihrer künstlerischen Arbeit beantworten, hat aber immerhin eine schöne Restwoche gewünscht, was jetzt nicht gerade von Unfreundlichkeit zeugt. Conny Dambach hingegen hat sich bereit erklärt zu erzählen, wie sie zur Meme-Queen unserer Tanten avanciert ist: "Ich erstelle gerne Grafiken. So kam es dazu, dass irgendwann Illustrationen dazukamen. Um meine Arbeiten zu zeigen, entstand die Facebook-Seite. Ich arbeite mit einem Grafikprogramm und einer Poser-Software, sonst gibt es da nicht viel zu erklären." Leuchtet ein!

Iris Zschirnt und Conny Dambach sind für unsere aufdringlichen Tanten das, was Accounts wie The Fat Jew oder Fuck Jerry für uns sind. So gesehen muss man ihnen dafür danken – zumindest im Namen unserer Mamas, Papas, Onkels und Tanten, deren Tage sie wohl ähnlich besser machen, wie ein dummer Post vom Fat Jew die unsrigen.

Internet-Königin Conny Dambach kann währenddessen nur mit ihren virtuellen Achseln zucken, wenn man sie darauf anspricht, dass ihre Bilder (von Menschen wie uns) oft ironisch und mit spöttischem Unterton geteilt werden: "Ich mache meine Arbeiten und mir ist egal, was andere davon halten und denken. Sie brauchen ja nicht auf meiner Seite rumzuturnen. Man kann es im Leben nie jedem recht machen, so ist das nun mal." Gesprochen wie eine waschechte Grußkarten-Königin. Never change, Conny.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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