Drogen

Wie der Skandalfall Anis Amri Berlins Kampf gegen U-Bahn-Dealer beeinflusst

Das LKA muss Beamte aus den Ermittlungen gegen die mobile Rauschgiftkriminalität abziehen. Bekommen Berliner Koks-Taxis jetzt wieder Konkurrenz aus dem ÖPNV?
16 August 2017, 12:32pm
Eine Doppelstreife von Polizei und BVG an der U8 | Foto: imago | Olaf Selchow

"Der Tod reist mit der U-Bahn an." Kleiner ging es nicht, als der Berliner Kurier vor fünf Jahren über den Drogenhandel in den Zügen und Bahnhöfen der U7 und U8 schrieb. Jahrelang galt der Berliner ÖPNV als einer der Hauptumschlagsplätze für Gras, Heroin und andere Mittelchen. Das Berliner LKA richtete deshalb bereits 2007 eine Sonderkommission ein und intensivierte zuletzt die Bemühungen, Bahnhöfe wie den Stuttgarter Platz oder den Hermannplatz zu befrieden.

Für den "Stutti" scheint das geklappt zu haben, der Hermannplatz blieb aber ebenso wie das Kottbusser Tor ein Brennpunkt. Eine Station weiter, am Moritzplatz, rauchen Konsumenten in aller Öffentlichkeit Crack auf Folie oder spritzen sich Heroin. Kein Wunder, dass Medien weiterhin Tickets für U-Bahn-Reportagen lösen. Glaubt man der Berliner Morgenpost, dürften noch einige hinzukommen, denn die Zeitung will Informationen haben, denen zufolge beim Berliner LKA die zwei Kommissariate mit "rund 30 auf den Drogenhandel in Bus und Bahn spezialisierten Beamten […] deutlich verkleinert oder sogar faktisch vollständig aufgelöst werden".


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Auf Anfrage von VICE dementiert Thomas Neuendorf von der Polizei diese Zahlen. Lediglich sechs Mitarbeiter sollen abgezogen werden und das auch nur "temporär". Die Beamten würden woanders gebraucht: in der "Taskforce Lupe". Sie sollen dort helfen, das Behördenversagen im Fall des Attentäters vom Breitscheidplatz, Anis Amri, aufzuarbeiten. Die bisherigen Kräften seien mit der Beantwortung zahlreicher Anfragen durch den Sonderermittler Bruno Jost, aber auch von Politikern und Journalisten, mehr als ausgelastet. Jost ermittelt zu den Aktenmanipulationen beim LKA. Zwei Beamte hatten Berichte über Amri im Nachhinein bearbeitet, möglicherweise um so eigene Fehler zu vertuschen.

Die Morgenpost berichtet darüber hinaus allerdings auch, dass weitere Kräfte abgezogen werden sollen: Statt um Rauschgift, Casinos und Graffiti sollen sie sich nun um islamistische Gefährder kümmern. Polizeisprecher Neuendorf dazu: "Die Polizei Berlin sieht […] die Notwendigkeit, die Bereiche zur Bekämpfung des islamistischen Terrorismus personell zu verstärken." Und das auch kurzfristig. Die Planungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen.

Dass die Berliner Koks-Taxis jetzt wieder Konkurrenz von Bus und Bahn bekommen, glaubt man bei der Polizei nicht. Das bisherige Einsatzkonzept bleibe bestehen. Auch BVG-Pressesprecher Jannes Schwentuchowski bestätigt auf Anfrage, dass die seit Anfang 2017 bestehenden "Doppelstreifen" aus je zwei Mitarbeitern des BVG-Sicherheitsdienstes und zwei Polizeibeamten von der Umstrukturierung nicht betroffen seien.

Was den Drogenhandel im ÖPNV betrifft, dürften die Streifen weiterhin gut zu tun haben. Die Anzahl der erfassten Straftaten stieg im ersten Halbjahr 2017 um knapp 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an. Thomas Neuendorf führt das allerdings auf die verstärkten Kontrollen zurück.

Möglicherweise können die sechs umgewidmeten Kriminalbeamten aber bewährtes Fachwissen an neuer Stelle einbringen, denn Anis Amri selbst war als Dealer unter anderem im Görlitzer Park und an der U8 unterwegs. Als solcher hätte er bereits mehrfach vor dem Attentat festgesetzt werden können. Und wie ein zweiter Fall aus dem Mai zeigt: Amri war nicht der einzige Islamist, der mit Drogen dealte.

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