Menschen

Meine Eltern haben mich als Braut verkauft, als ich 12 war

Ich liebe meine Familie trotzdem.
Alexa Bejinariu
aufgeschrieben von Alexa Bejinariu
6.11.20
Eine einsame Frau mit langen Haaren blickt auf einen See, sie steht symbolisch für die Autorin, die von ihren Eltern für 25.000 Euro an einen Jungen verlobt wurde, als sie zwölf war.
Symbolfoto: Adobe Stock | Farknot Architec

In Rumänien werden viele Roma-Kinder jung von ihren Eltern verheiratet und beenden niemals die Schule. Arrangierte Ehen sind in den Gemeinden der Roma immer noch weit verbreitet. Bis vor einigen Jahren war es sogar üblich, dass die Eltern ihre Kinder schon mit zwölf oder 13 Jahren an die Kinder anderer Familien versprechen. 2014 verkündete allerdings der selbsternannte König der Roma, Dorin Cioabă, dass arrangierte Ehen unter 16 Jahren verboten sind.

Monica ist eine Romni, die sehr jung verlobt wurde. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat sie es geschafft, die Schule zu beenden und die Universität mit einem Master abzuschließen. Das ist ihre Geschichte.

Warnung: Dieser Text enthält Passagen mit expliziten Gewaltschilderungen.

Als ich zwölf war, haben meine Eltern mich für 50.000 Euro verkauft. Wenn du das liest, fragst du dich bestimmt, wie Eltern so etwas tun können. Um das Geld ging es ihnen jedenfalls nicht. In meiner Gemeinde haben wir ein Sprichwort: "Alle guten Kerle heiraten jung." Sie hatten Angst, dass ich als sogenannte Jungfer enden könnte – oder noch schlimmer: an einen schrecklichen Mann gerate, der mich zu Sexarbeit zwingt. Würde ich an eine schlechte Familie geraten, könnte es sein, dass ich geschlagen, beleidigt, betrogen und von den Verwandten wie eine Sklavin behandelt werde.

Ich kannte den Jungen, an dessen Familie ich verkauft wurde, seit klein auf. Er heißt Marius. Wir waren Nachbarn und mir war aufgefallen, dass er mich mag. Die Mädchen in meinem Ort durften nicht alleine auf die Straße. Wir gingen nur raus, wenn meine Oma vorne am Tor saß und ein Auge auf uns hatte. Marius verfolgte mich immer.


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Während eines Essens bei uns kamen seine Eltern vorbei. Sie wollten um meine Hand anhalten. Ich war zwölf. "Unser Sohn ist in eure Tochter verliebt und er leidet", sagten sie. Ihr Angebot: Sie wollen mich kaufen und erziehen, bis ich 18 bin, und dann mit ihrem Sohn verheiraten. Mein Vater lehnte ab: Ja, wir könnten uns treffen und uns verloben, aber ich müsse bis zur Hochzeit bei meinen Eltern leben. Sex durften wir eh noch keinen haben – wir durften uns ja noch nicht mal küssen.

Mein Vater verlangte 50.000 Euro, weil ich von seinen ganzen Töchtern seiner Meinung nach die schönste und fleißigste war. Sie einigten sich darauf, dass Marius' Eltern die Hälfte bei der Verlobung und den Rest am Hochzeitstag bezahlen, wenn ich 18 bin. Meine Eltern würden das Geld nicht behalten, sondern dann meinem Mann und mir gehen, damit wir uns ein Haus und ein Auto kaufen können. Manche Eltern behalten das Geld, meine Eltern nicht.

Vor zehn Jahren waren 50.000 Euro sehr viel Geld für eine Braut. Heute zahlen bescheidene Familien wie meine etwa 40.000 Euro an die Familie der Braut. Die ärmeren – wie Roma, die in Zelten leben – geben 1.000 Euro. Bei sehr reichen Roma-Familien können es auch mal 100.000 Euro sein.

Eine Woche nach meiner Verlobung ging ich mit meiner zukünftigen Schwiegermutter einkaufen. Sie kaufte mir Anziehsachen, Ohrringe und eine Goldkette: alles für die Verlobungsfeier. Die Party findet traditionell im Garten der Familie des Mannes statt. Die ganze Verwandtschaft ist eingeladen und es gibt Live-Musik.

Früher gab es in meiner Gemeinde, wenn das Mädchen 17 oder 18 war, noch das Hemd-Ritual. Dabei zog sich das frisch verheiratete Paar bei der Hochzeitsfeier in ein Zimmer zurück, das Mädchen in ein weißes Hemd gekleidet, und schlief miteinander. Wenn das Hemd danach mit Blut befleckt war, präsentierte der Junge es den Hochzeitsgästen als Beweis für ihre Jungfräulichkeit. Dann tanzten alle um das Hemd herum. Seit ich zwölf bin, gibt es diesen Brauch bei uns nicht mehr.

Heutzutage machen wir dieses Ritual am Tag vor der Hochzeit. Der Junge bringt das Hemd ordentlich zusammengefaltet und mit einer roten Schleife verziert vorbei. Manche Eltern verlangen immer noch eine jungfräuliche Braut. Wenn sie dann kein Blut auf dem Hemd finden, behandeln sie das Mädchen schrecklich. Bei solchen Familien gibt es zwei Optionen. Entweder liebt der Junge das Mädchen so sehr, dass er das Hemd selbst mit etwas Rotem befleckt oder das Mädchen lässt sich vor der Hochzeitsnacht ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen.

Nach unserer Verlobung durfte ich nur noch in Begleitung von Marius aus dem Haus gehen. Ich sagte ihm, dass ich ihn liebe. Dabei hatte ich keine Ahnung, was Liebe ist. Jahre später wurde mir bewusst, dass ich Marius eigentlich nie wirklich gemocht habe. 

Meine Lehrerinnen waren rassistischer als meine Klassenkameraden

Vor dem Gymnasium hatte ich Angst. In der Grundschule waren alle Kinder in der Klasse Romnija und Roma. Im Gymnasium war neben mir nur eine weitere Romni in meiner Klasse. Meine Eltern waren sehr stolz auf mich, aber Marius' Familie gefiel meine Leidenschaft fürs Lernen gar nicht. Jedes Mal, wenn ich sie besuchen ging, musste ich meiner zukünftigen Schwiegermutter beim Kochen und Putzen helfen. Sie wollte, dass ich eine Hausfrau werde. Sie überredete sogar meine Eltern dazu, mich eine Woche lang nicht in die Schule gehen zu lassen.

Ich hatte eine coole Physiklehrerin, mit der ich mich sehr gut verstanden habe. Sie kannte meine familiäre Situation. Als sie bemerkte, dass ich in der Schule fehlte, sagte sie meiner Klassenlehrerin, dass sie meine Eltern anrufen und ihnen sagen soll, dass ich die zehnte Klasse beenden muss oder sie würde das Jugendamt einschalten. Mein Vater fragte mich, ob ich zur Schule gehen möchte. Ich sagte Ja, weil ich zu Hause langsam anfing, durchzudrehen.

Wirklich gefallen hat es mir in der Schule trotzdem nicht. Abgesehen von meiner Physiklehrerin waren die anderen Lehrerinnen alle rassistisch und behandelten mich schlecht. Einmal bekam ich 9,5 Punkte in einem Test und die Lehrerin schrieb mir eine neun statt einer zehn auf. Sie fragte mich, wie ich es überhaupt geschafft habe zu lernen. Ich sei doch eine "Zigeunerin" und "Zigeuner hängen doch den ganzen Tag auf Parkplätzen rum und klauen Geld". Ich bin richtig sauer geworden und habe danach extra hart für jeden Test gelernt. Jedes Mal hat sie das gleiche gesagt: dass ich keine guten Noten verdient hätte.

Er verliebte sich in eine andere 

Am Ende der zehnten Klasse sagte ich einer anderen Lehrerin schließlich, dass sie sich ins Knie ficken soll. Ich war es einfach leid, immer wieder vorgeworfen zu bekommen, dass ich schummele. Sie war außer sich. Ich entgegnete ihr nur, dass sie mich nie wiedersehen muss. Ich hatte die Schnauze voll von der Schule.

Nach diesem Vorfall wurden meine Eltern zu einem Gespräch in die Schule eingeladen. Hier lobte meine Klassenlehrerin mich zum ersten Mal. Sie wusste, dass ich kurz davor war, die Schule zu verlassen, und bat meine Mutter, dass ich noch bis zum Abitur bleibe. Die Hochzeit sei eh erst in zwei Jahren. Meine Eltern waren sofort überzeugt, aber Marius war angepisst. Das bedeutete nämlich, dass er auch noch weiter zur Schule gehen musste.

In der 11. Klasse verliebte sich Marius in ein anderes Mädchen und wollte mich nicht mehr sehen. Seine Familie war gegen die Neue – wenn man einmal eine Hochzeitsvereinbarung getroffen hat, kann man keinen Rückzieher machen, ohne den eigenen Ruf schwer zu schädigen. Ehre spielt in unserer Gemeinschaft eine sehr wichtige Rolle. Da er die Verlobung nicht auflösen konnte, versuchte Marius mich dazu zu bringen, dass ich mich von ihm trenne. Er fing an, mich schlecht zu behandeln, beschimpfte mich und schlug mich sogar. Am Anfang gab er mir nur Backpfeifen, aber in der zwölften Klasse ging er dazu über, mich zu treten und mit Zigaretten zu verbrennen. Er schlug mich so heftig, dass ich keine Luft mehr bekam. Er tat es sogar vor seinen Schwestern. Die mischten sich allerdings nicht ein, weil er sie sonst auch geschlagen hätte. Meinen Eltern erzählte ich nichts, weil ich Angst hatte, dass das alles nur schlimmer macht.

Ein anderer Junge in meiner Klasse war in mich verknallt. Als er meine blauen Flecken sah, sagte er, dass er mich entführen und heiraten wolle. Wenn du in meiner Gemeinde ein Mädchen haben willst, kannst du es quasi klauen. Aus diesem Grund ist mein Vater, als ich jünger war, bei Hochzeiten nie von meiner Seite gewichen – damit kein Mann mich entführt und vergewaltigt. Wäre das passiert, hätte ich bei ihm bleiben müssen. Der Junge in meiner Klasse sagte, er werde sich einen Job suchen, damit er sich um mich kümmern kann. Obwohl ich nichts lieber wollte als weg, sagte ich ihm, dass ich ihm nur sein Leben ruinieren würde. Außerdem würde ich ihn nicht lieben. Er versuchte weiter, mich zu überreden, aber ich konnte es einfach nicht tun.

In meinen Abiturprüfungen bekam ich bessere Noten, als alle erwartet hatten – inklusive mir. Die Schulleiterin sagte meinem Vater, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder kann ich erfolgreich Karriere machen oder ich ende als junge Ehefrau, die wahrscheinlich von ihrem Mann geschlagen wird.

Mein Vater schrieb mich an der medizinischen Hochschule ein, aber ich wollte unbedingt Geografie studieren. Schon als ich klein war, habe ich endlos in Atlanten und Büchern über geografische Entdeckungen und Expeditionen gelesen und mir spannende Sachen aufgeschrieben. Mein Vater war extrem sauer, aber er ließ mich Geografie studieren. Um ihn doch noch stolz zu machen, habe ich nach meinem Abschluss noch einen Master in Ingenieurwissenschaften gemacht.

Er bedrohte mich mit einem Messer

In meinem ersten Jahr an der Uni hatte ich wieder Angst. Sobald meine Kommilitonen herausfinden, dass ich eine Romni bin, werden sie bestimmt nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, dachte ich mir. Um diese Angst aus dem Weg zu räumen, habe ich es in jedem Gespräch einfach direkt gesagt. Einige waren fasziniert und wollten mehr über unsere Traditionen erfahren. Andere, vor allem Typen, die auf mich standen, suchten das Weite. Ich glaube, sie hatten Angst.

Als ich einer Studierendenvereinigung beitrat, änderte sich alles. Ich begann, heimlich mit anderen Typen auszugehen. Marius trennte sich allerdings von seinem Mädchen und wollte wieder mit mir zusammenkommen. Da war ich aber schon in einen anderen verliebt. Ich verbrachte nicht viel Zeit zu Hause und Marius schrieb mir ununterbrochen SMS. Eines Nachts wachte ich auf, weil er in meinem Zimmer stand. Er wollte sich mit mir vertragen. Als ich mich weigerte, boxte Marius mir in den Bauch und ging. Ich erzählte alles meinem Vater. Er konnte es nicht fassen. Es war Januar und er sagte Marius, dass wir bis März eine Beziehungspause einlegen müssen.

Eine Woche später stand Marius wieder nachts in meinem Zimmer. Als ich aufwachte hielt er mir ein Messer an den Hals. Wenn ich mich nicht mit ihm vertragen werde, wird er mich umbringen, sagte er. Ich antwortete irgendetwas, das ihn ein bisschen beruhigte. Sobald ich es aber aus dem Bett geschafft hatte, begann ich ihn zu beschimpfen. Er wurde wütend und würgte mich, bis ich das Bewusstsein verlor.

Am nächsten Tag erzählte ich alles meinen Eltern und mein Vater ging zu Marius' Eltern, um die Verlobung aufzulösen. Sie wollten allerdings nicht, schließlich hatten sie schon 25.000 Euro für die Verlobung bezahlt, und schlugen eine Verlängerung der Beziehungspause vor. Ich war in der Zwischenzeit in Kontakt mit dem Jungen geblieben, in den ich mich verliebt hatte. Wir wollten zusammen abhauen, ans Meer. Mein Vater war außer sich, aber meine Mutter gab mir 100 Euro und wir suchten das Weite. Als Marius Eltern davon erfuhren, annullierten sie die Verlobung.

In meiner Gemeinde kam es dann zu einer Verhandlung über die 50.000 Euro Brautgeld. Unser Oberhaupt, wir nennen ihn Bulibașa, fällte schließlich folgendes Urteil: Ich bekomme die restlichen 25.000 Euro nicht mehr, weil ich mit einem anderen Mann durchgebrannt bin; das bereits gezahlte Brautgeld darf meine Familie aber behalten, weil Marius mich so schlimm geschlagen hatte. Die Polizei schalten wir bei Streitigkeiten nicht ein – die Strafe wird in der Regel vom Bulibașa verhängt.

Heute hat meine Familie kein Problem mehr mit meiner Partnerwahl. Früher musste es für sie ein Rom sein, heute ist es egal. Meine Mutter will nur, dass der Mann mich liebt und respektiert – und genug Geld verdient. Er muss mich nicht mehr kaufen, aber er sollte einen guten Job haben, damit ich meine Eltern nicht nach Geld fragen muss.

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