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Wir haben Menschen, die Hartz IV bekommen, gefragt, ob sie sich von RTL II verarscht fühlen

"Wenn das 1,5 Millionen Menschen schauen, ist das Brainwash", sagt Matthias über Sendungen wie 'Armes Deutschland' und die lästernden Reaktionen darauf.

von Maria Christoph
20 Mai 2019, 3:30am

Hartz-IV-Empfänger sprechen über Stereotype in den Medien | Alle Fotos: Shirin Siebert

Donnerstagvormittag. Berlin. Regen. Alle paar Minuten treten Menschen aus dem Jobcenter in Pfützen: Männer, Frauen, alt, jung, mit Kind, ohne Kind, mit Hund, ohne Hund. Die meisten stecken in Regenjacken, halten Dokumente in Klarsichtfolien in den Händen. All diese Menschen leben mit Hartz IV.

"Das kotzt mich an", sagt Thorsten*, 49, der seit einem Monat Hartz IV bekommt, weil das Geld, was er in der Sicherheitsfirma verdient, sonst nicht zum Leben reicht. Er nimmt sich ein paar Minuten Zeit für uns. Viele andere haben "kein Interesse" oder "andere Probleme". Sie kennen Sendungen wie Hartz und herzlich und Armes Deutschland, schon die Worte "RTL II" verärgern sie, und wir sind schließlich auch von den Medien. Sie wissen, was über sie erzählt wird, welche Klischees in den Köpfen einiger Leute stecken: Als Hartz-IV-Empfänger bist du das Gesocks ohne Job, faul, mit Stopfmaschine auf dem Wohnzimmertisch, am Körper tätowiert, schlechte Zähne, Kippe im Mund, Cola im Kühlschrank.

Alle Interviewten wollen anonym bleiben, manche nicht mal ihren Vornamen nennen.

Elisabeth, 29, ist mit ihrem 5-jährigen Sohn beim Jobcenter, hat einen Hochschulabschluss und bekommt seit zwei Monaten Hartz IV

Elisabeth, 29, hat einen Hochschulabschluss
"Nein, es ist nicht das Beste für eine Frau, ein Kind auf dem Arm zu haben. Ein unbefristeter Job, Gesundheit und Unabhängigkeit sind in erster Linie besser", hat ein Twitter-User zu 'Hartz und herzlich' kommentiert

"Das sind Klischees, die die Bevölkerung spalten. Wer solche Twitterkommentare schreibt und selbst in Lohn und Brot steht, kann auch ganz schnell abrutschen und im Jobcenter stehen, um Hartz IV zu beantragen. Die meisten in Deutschland sind ja abhängig beschäftigt. Wie schnell kann mal eine Firma Pleite gehen? Oder es gibt nur befristete Verträge! Ich selbst hab einen Hochschulabschluss und bin auf der Suche. Man spricht immer vom Fachkräftemangel. Aber ich habe fast hundert Bewerbungen geschrieben und noch keinen Job. Gerade mal zehn Prozent meiner Bewerbungen haben zu Jobinterviews geführt. Von irgendwas muss ich gerade leben. Was kommt für Sie zuerst: Leben oder Arbeiten?"


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Jens, 38, bekommt seit eineinhalb Jahren Hartz IV. Damit gilt er laut Jobcenter als langzeitarbeitslos

Jens, 38, bezieht seit zwei Jahren Hartz IV
"Intelligente Menschen hätten sich einen Job in einem Imbiss gesucht, um zu lernen und zu schauen, ob der Job einem liegt. Zusätzlich wäre Geld in die Haushaltskasse gekommen. Intelligente Menschen machen aber auch nicht bei 'Armes Deutschland' mit!", hat jemand auf Twitter geschrieben

"Die Leute auf Twitter gehen davon aus, dass man mit Hartz IV spontan zum Krösus wird. In Wirklichkeit muss man am Ende des Monats jeden Cent umdrehen. Wenn es so aussieht, als würde die Hygiene nachlassen, liegt das daran, dass man sich nur noch eine gewisse Anzahl an Kleidungsstücken kaufen kann.

An manchen Tagen fühle ich mich tatsächlich richtig faul. Immer dann, wenn die ganzen Bewerbungsunterlagen zurückkommen. Dann bin ich total kaputt, weil ich mit meinem halb abgeschlossenen Studium überall abgelehnt werde. Selbst bei Stellen wie dem Telefondienst. Einmal wurde mir gesagt, ich hätte nicht sagen sollen, ich sei eine Nachteule. Dabei wollte ich nur klarmachen, dass ich auch nachts arbeiten kann.

Ich habe 2007 angefangen zu studieren. Ich steckte im Magister für Nordamerikawissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaften, als das System auf Bachelor und Master umgestellt wurde. Das hat mir das Studium erschwert. Mein höchster Bildungsabschluss ist jetzt das Abitur."

Thorsten*, 49, ist Sicherheitsmitarbeiter und bezieht seit einem Monat Hartz IV

Thorsten*, 49, hat bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet
"Wenn das Gesocks nur halb so viel Energie in produktive Tätigkeiten investieren würde", heißt es zu 'Hartz und herzlich' auf Twitter

"Das kotzt mich an. Leute, die sowas auf Twitter schreiben, gehen davon aus, dass alle Hartz-IV-Empfänger gleich sind. Dabei werden manche Leute auch in Hartz IV gedrängt, obwohl sie das nicht wollen. Für eine alleinlebende Mutter oder einen alleinlebenden Vater ist der bürokratische Aufwand hier sehr stressig. Man muss alle zwei, drei Monate so viele Anträge stellen. Manche schaffen das nicht. Da ist es auch kein Wunder, dass sie vorläufig in Hartz IV feststecken.

Wir brauchen einfach ein stabiles Grundeinkommen, damit die Leute nicht mehr zum Jobcenter gehen müssen. Denn ich finde nach wie vor: Auch das Jobcenter muss Geld verdienen, und das verdienen die über die Hartz-IV-Empfänger. Deswegen lassen die dich da nicht so einfach wieder raus."

Frederike*, 44, Kauffrau für Tourismus und Freizeit, macht gerade eine Umschulung und bezieht Hartz IV

Frederike* ist Kauffrau für Tourismus
Ein User schreibt: "Simone ist der typische Hartzler, dem man hundertmal was erklären kann, der aber niemals nichts kapiert. #hartzundherzlich"

"Man darf die ganzen Leute nicht ausblenden, die Hartz IV kriegen, obwohl sie arbeiten. Die bekommen einen zu geringen Lohn und müssen mit Hartz IV aufstocken. Oder sie machen gerade eine Ausbildung oder eine Umschulung, so wie ich, und sind auf Hartz IV angewiesen, weil sie sonst gar nicht von ihrer Arbeit leben könnten. Hartz IV wird immer so pauschal gesehen, dabei gibt es unter den Empfängern so viele Leute, die echt ackern."

Matthias*, 37, Freiberufler, war schon "ganz oben" und ist gerade "ganz unten"

Matthias* ist Freiberufler
"Und Schatz, was hast du heute gemacht? – War in der Warteschlange … Nicht wegen Arbeiter, aber Hauptsache Warteschlange." Dafür gibt es 19 Likes

"Meine Familie hat sehr viel Geld gehabt, wir waren 'oben'. Als ich 18 Jahre alt wurde, haben wir alles verloren. Jetzt bin ich Teil der Unterschicht. Ich kenne die Vorurteile in beide Richtungen. Ich habe kein Abitur gemacht, mich hat niemand gefördert, denn ich wollte nicht jeden Tag nur auswendig lernen. Stattdessen habe ich von Minijobs gelebt, bei allen möglichen Zeitarbeitsfirmen gearbeitet.

Seit elf Jahren bin ich freiberuflicher Veranstaltungstechniker und werde aufgestockt. Als Selbstständiger bekomme ich 12 Euro die Stunde. In meinem Beruf wird man ausgebeutet: Wenig Geld, dafür immer auf Abruf, wie ein Söldner. Ich hatte schon 36-Stunden-Schichten, habe ein kaputtes Knie. Eigentlich darf ich nicht schwer tragen, mache es aber.

Die fehlende Wertschätzung für Arbeit ist in Deutschland das Hauptproblem. Man sagt immer, hier haben alle die gleichen Chancen und jeder ist selbst schuld an seiner Situation. Hat er sich halt nicht genug angestrengt. Aber im Grunde ist es doch ganz anders, es kommt darauf an, welchen Job du machst: Wenn ich Architekt bin, habe ich ein gewisses Ansehen. Das haben die meisten anderen Jobs nicht. Und wenn man Hartz IV bekommt, ist man gleich Sozialschmarotzer. Die Leute werden in Deutschland immer gegeneinander ausgespielt, das Bild vom Hartz-IV-Schmarotzer hat sich über die Jahre entwickelt und in die Köpfe eingebrannt. Wenn diese Sendungen 1,5 Millionen Menschen schauen, ist das Brainwash. Den Leuten sollte man lieber bessere Ideen für die Zukunft ohne Hartz IV zeigen."

Nadja, 31, Lehrerin, hat gerade ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen und muss sich über die Sommerferien arbeitslos melden

Nadja ist Lehrerin und muss sich über die Sommerferien arbeitslos melden

"Ich finde es unmenschlich zu sagen, dass man sich bestimmte Sachen nicht leisten darf oder sollte, bloß weil man Hartz IV oder andere Bezüge empfängt. Das sind menschliche Bedürfnisse. Gelnägel oder die 'teure Fertigsoße'. Das sind für mich Stereotypen. Es gibt auch Hartz-IV-Empfänger, die sich durchaus bewusst ernähren. Jeder, der nicht gleich eine Ausbildung bekommt oder ins Arbeitsverhältnis startet, rutscht in Hartz IV, weil die ja noch gar keine Einzahlungen gemacht haben. Für mich ist das völliger Quatsch."

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