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Drogen

Deutsche Arzneimittel-Behörde will Kiffen auf Rezept wieder abschaffen

Stattdessen sollte es Cannabis künftig nur noch in verarbeiteter Form geben, sagt der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

von Tim Geyer
23 April 2019, 12:33pm

Symbolfoto || Hanf: Pixabay || Pillen: imago images/Science Photo Library 

Cannabis als Medizin ist für manche deutsche Behörden ein ähnliches Thema wie der Klimawandel für die Autoindustrie: nervig, aber man muss sich damit beschäftigen. Besonders die Behörde, die in Deutschland Arzneimittel zulässt, macht den Eindruck, dass sie das Kiffen auf Rezept am liebsten wieder verbieten würde. Karl Broich, der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erklärte jetzt in einem erstaunlich reaktionären Interview mit dem Handelsblatt, wie er das Thema sieht. Ihn und seine Behörde störe demnach vor allem, dass Patientinnen und Patienten in Deutschland legal Cannabis-Blüten konsumieren dürfen. Das würde er gerne ändern.

"Unser Ziel ist es, dass wir mehr cannabisbasierte Fertigarzneimittel bekommen", sagt Broich im Interview und meint damit offenbar verarbeitete Arzneien in Form von Pillen, Tropfen und ähnlichem. Bei diesen Standardprodukten könne man in Studien dann die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erforschen. Dass Cannabis-Patienten momentan Gras von der Apotheke holen können, halte er für eine Übergangslösung: "Von diesem Sonderweg wollen wir als Zulassungsbehörde möglichst schnell weg."


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Dieses Interview zeigt einmal mehr, dass Cannabis ein ideologisch aufgeladenes Thema ist, zu dem extreme Meinungen kursieren: Manche Menschen sehen es als Allheilmittel, andere warnen davor, als wäre es Rattengift. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Broich vertritt in dem Interview zumindest eine ziemlich konservative Weltsicht.

Broich kritisiert, dass bei der Cannabis-Diskussion wirtschaftliche Interessen über denen der Patienten stehen und damit indirekt auch, dass Lobbyisten den Diskurs bestimmen. Damit hat er teilweise Recht. Aber auch Broich ist ein Lobbyist im Dienste seiner Behörde. Deren Interesse muss sein, möglichst umfassend alles in ihrem Zuständigkeitsbereich zu kontrollieren – und das ist natürlich OK. Aber aus dieser Perspektive wäre ein Zukunftsszenario, in dem sich Patienten ihre Medizin auf dem Balkon züchten, ein Alptraum. Und damit es gar nicht erst soweit kommt, schwingt Broich schwere rhetorische Keulen.

"Jedes regulär zugelassene Arzneimittel, das solche Nebenwirkungen zeigt, würden wir sofort vom Markt nehmen", sagt Broich im Interview und bezieht sich auf Studien, die nahelegen, dass Cannabis Psychosen auslösen kann. Wie stark vereinfachend diese Aussage ist, erwähnt er nicht. Viel irritierender ist allerdings, dass Broich eigentlich wissen müsste, dass es andere Medikamente gibt, die Psychosen auslösen können und die seine Behörde trotzdem nicht verboten hat. Besonders bei der Behandlung von Parkinson sind von Medikamenten ausgelöste Psychosen eine bekannte Nebenwirkung. Aber Broich scheint selbst eine selektive Wahrnehmung zu haben, gerade wenn es um Studien geht.

"Cannabis wird ohne Wirksamkeitsnachweis eingesetzt", sagt Broich und verallgemeinert auch hier auf eine Weise, die für jemanden in seiner Position irritierend ist. Erst als ihn die Interviewerin daran erinnert, dass es doch einige Studien zu der medizinischen Wirksamkeit von Cannabis gebe, lenkt er ein. Ja, es gebe gute klinische Befunde, dass Cannabis bei Spastiken, gegen Schmerzen und in der Krebstherapie helfe. "Aber die Diskussion läuft ja teilweise in die Richtung, dass man Cannabis geben muss, wenn man nicht ausschließen kann, dass es doch helfen könnte", sagt Broich. Hier verschweigt er allerdings die umfangreichen Begründungen, die Ärztinnen und Ärzte jedes Mal liefern müssen, wenn sie Cannabis verschreiben. Und dass sie verpflichtet sind, bei jedem Patienten Daten über die Wirksamkeit zu sammeln und an Broichs Behörde zu liefern. Auch das müsste er eigentlich wissen.

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