Popkultur

"Power is Power": Ein Liebesbrief an Cersei Lannister

Vergesst den Night King und seine White Walker: Cersei ist die gefährlichste Figur in 'Game of Thrones' – und auch die komplexeste.

von Lisa Ludwig
23 April 2019, 3:24pm

Foto: imago | Cinema Publishers Collection | Helen Sloan

"Wir brauchen weniger Frauen wie Cersei Lannister", hat Elizabeth Warren für die Kultur-Website The Cut getitelt. Die US-Präsidentschaftskandidatin erklärt in ihrem Artikel stattdessen großer Fan von Daenerys Targaryen zu sein. Schließlich würde diese ihre Macht in Game of Thrones dazu nutzen, andere zu befreien, anstatt sie weiter zu unterdrücken.

Wir brauchen mehr Frauen wie Cersei Lannister, sage ich. Denn auch Cersei zerstört das System, in dem sie lebt. Nur eben anders.

Wenn das Publikum von Game of Thrones Inzest, Eiszombies, Drachen und die zweitunnötigsten Nacktszenen nach Dogs of Berlin ertragen kann, dann auch eine Frau, die sich mit allen Mitteln das Recht erkämpft, über ihr eigenes Leben entscheiden zu dürfen – und dabei angemessen viel Wein trinkt. Oder?

(Anmerkung: Sämtliche Namen und Zitate in diesem Text beziehen sich auf die englische Originalversion der Serie. Wer Game of Thrones auf Deutsch guckt, begeht einen großen Fehler und hat jedes Recht verwirkt, sich zu beschweren. Außerdem enthält dieser Text Spoiler für die Staffeln 1 bis 7, sowie für das mögliche Ende der 8. Staffel.)


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Cersei Lannister ist böse, das vermittelt uns Game of Thrones von Anfang an. Sie betrügt ihren Mann, Robert Baratheon, mit ihrem Bruder Jaime. Sie lässt all jene aus dem Weg räumen, von denen sie sich bedroht fühlt. Und sie ist die Mutter von Joffrey, der ein für allemal die Frage beantwortet: Was, wenn Brechdurchfall ein Charakter in einer Fantasy-Serie wäre? Sie liebt dramatische Power-Moves, unterteilt die Menschen um sich herum in "Familie" und "Feinde", und entspricht im Allgemeinen der Blaupause der klassisch-charismatischen Superbösewichtin: beneidenswerte Outfits, grenzenlose Arroganz und die besten One-Liner der gesamten Show.

Jon Snow mag der offizielle Held von Game of Thrones sein. Aber erinnert ihr euch an irgendein episches Zitat von ihm, was die Essenz der Serie so sehr auf den Punkt gebracht hat wie Cerseis "When you play the game of thrones, you win or you die. There is no middle ground"? Nein? Na seht ihr.

Schon als eindimensionale böse Königin wäre Cersei Lannister also eine Figur, die man dafür lieben könnte, wie abgrundtief man sie hasst. Gerade weil der sonstige Cast von Game of Thrones zu großen Teilen aus Männern zwischen 30 und 60 besteht, die sich vor allem durch ihre unterschiedlichen Bartschattierungen unterscheiden. Tatsächlich gibt es aber keine andere Figur in der Serie, die so viel emotionale Tiefe, so viele Facetten hat wie die regierende Königin von King’s Landing – was nicht zuletzt auch an der fantastischen Performance der Schauspielerin Lena Headey liegt.

Cersei Lannister sprengt eben nicht nur Kirchen in die Luft oder lässt Menschen, von denen sie sich gedemütigt fühlt, zu Tode foltern. In einer fantastischen Szene der ersten Staffel konfrontiert sie ihren Mann Robert Baratheon ehrlich verletzt damit, dass er ihre anfängliche Liebe nie erwidert habe. Als sie in Staffel zwei auf das Ende der Schlacht am Blackwater warten, eröffnet die betrunkene Cersei der eingeschüchterten Sansa Stark, warum die sich nicht allzu sehr auf die geplante Ehe mit König Joffrey freuen sollte – offenbart dabei aber vor allem ihr eigenes Trauma. Und als Cersei zusammenbricht, nachdem sie von der religiösen Sekte, der sie selbst zum Aufstieg verholfen hat, nackt durch King’s Landing getrieben und öffentlich gedemütigt wird, zeigt sich: Die Frau ist ein Monster, aber sie ist eben auch ein Mensch.

Cersei ist machthungrig, weil sie sich ihr ganzes Leben lang ohnmächtig fühlen musste. Sie traut niemandem, weil sie gelernt hat, dass ihre Bedürfnisse für den Großteil ihres Umfelds keine Rolle spielen. Sie ist sadistisch und brutal, weil das die einzige Art von Machtausübung ist, die sie jemals erfahren hat. Die Art von sichtbarer Dominanz, die sich viele Menschen wünschen, die sich lange ohnmächtig gefühlt haben. Oder wie Cersei selbst sagt, als Petyr "Wissen ist Macht" Baelish aka Littlefinger sie bedroht: "Power is power", Macht ist Macht.

Schreckliche Systeme bringen schreckliche Menschen hervor. Das ist keine Rechtfertigung ihrer Taten, sondern Kontext, der uns verstehen lässt, warum sie handelt, wie sie handelt.

Eine "starke" Frauenfigur, die sich für ihr Streben nach Macht nicht entschuldigt – das klingt nach klassischer feministischer Heldin. Doch auch das ist Cersei Lannister nicht. Das wäre zu einfach.

Cersei hasst andere Frauen, sieht sie als Konkurrenz. Frauen sind in ihren Augen schwach, weil sie selbst von ihrem Umfeld wegen ihres Geschlechts kleingehalten wurde. Immer wieder dringt durch, dass sich Cersei wünscht, ein Mann zu sein. Sogar glaubt, ein besserer Mann sein zu können als die Männer, die über ihr Leben entscheiden. Trotzdem führt sie einen emanzipatorischen Kampf.

Sie wuchs mit ihrem Zwillingsbruder Jaime im selben Schloss auf, sah ihm sogar so ähnlich, dass man die beiden kaum unterscheiden konnte. Trotzdem hat ihr Vater Tywin Lannister sie unterschiedlich behandelt. Jaime ist ein Mann, darf sich Ehre und Respekt im Kampf verdienen und selbst über sein Leben entscheiden. Cersei hingegen fällt als Frau nur eine Rolle zu: die der fremdbestimmten "Zuchtstute", wie sie es gegenüber ihrem Vater ausdrückt. Das macht Cersei wütend, zu Recht. Und diese Wut entlädt sich in einigen der grausamsten Szenen der ganzen Serie.

Ich mag Cersei nicht. Aber ich liebe sie dafür, wie komplex sie sein darf; wie unsympathisch und doch menschlich. Ich weiß, dass sie sterben muss, weil man im "Game of Thrones" eben stirbt oder gewinnt und jemand wie Cersei am Schluss nicht gewinnen darf. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass mich dieser Tod mehr treffen wird als die Red Wedding.

Cersei nimmt sich als Frau das, was in ihrer Welt nur Männern zusteht. In einer patriarchalen Gesellschaft ist das eine der größten Sünden. In einer Welt, in der Frauen nur dann eine Agenda haben dürfen, wenn die anderen hilft, ist diese Art von Egoismus aber eben auch eins: ein revolutionärer Akt. Da erscheint es nur passend, dass es – Stand: jetzt – nicht der Night King und seine White Walker-Armee die Bedrohung zu sein scheinen, denen sich die "Guten" um Jon Snow, Daenerys Targaryen am Ende von Game of Thrones stellen müssen. Es ist Cersei Lannister.

Und bis diese finale, alles entscheidende Schlacht um die Herrschaft über Westeros stattfindet, während die anderen Anwärterinnen und Anwärter auf die Krone im Norden gegen die White Walker kämpfen, sitzt die gefährlichste Person der sieben Königreiche überheblich lächelnd auf ihrem eisernen Thron und trinkt zu viel Rotwein. Von allen verlassen, aber zum ersten Mal in ihrem Leben vollkommen selbstbestimmt.

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