Politik

Kindermord von Solingen: Der Bildblog-Chef erklärt, warum die Bild ein "Drecksblatt" ist

"Dass da keiner in der Redaktion sitzt und sagt: 'Moment mal, Leute, das können wir nicht bringen' – unverständlich."
09 September 2020, 8:44am
Chefredakteur Moritz Tschernak von Bildblog vor dem Bildblog-Logo, spriicht mir uns über die Berichterstattung der Bild zu der Mutter in Solingen, die fünft ihrer Kinder getötet hat
Moritz Tschermak, Chefredakteur von Bildblog | Bild: privat, Collage: VICE

Eine Mutter soll in Solingen fünf ihrer sechs Kinder getötet haben. Und Bild veröffentlicht WhatsApp-Hilferufe vom einzigen überlebenden Kind an einen zwölfjährigen Freund, den die Zeitung unverpixelt zeigt, im Schock interviewt und die ganze Geschichte hinter die Paywall stellt, um damit noch mehr Geld zu machen.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sieht darin überhaupt kein Problem. Trotzdem hagelte es, mal wieder, Kritik und 51 Beschwerden beim Deutschen Presserat, bis Bild.de den Artikel schließlich von der Website löschte. "Kurzum: Bild ist ein ekelhaftes, menschenverachtendes Drecksblatt", twitterte der Watchblog Bildblog.de dazu.

Seit über einem Jahrzehnt beobachtet der Bildblog, was Deutschlands größte Zeitung neben "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht" (Die Ärzte) so treibt. Akribisch nehmen Chefredakteur Moritz Tschermak und sein Team auseinander, welche Rechte anderer Menschen die Redaktion in ihrer Berichterstattung verletzt. Wir wollen von Moritz wissen: Bringt es was?

VICE: Die Bild sammelt Presserats-Rügen wie andere Leute Instagram-Likes und verkauft sich mit den gleichen Methoden immer noch gut. Wie frustrierend ist es zu sehen, dass die ganze Kritik nichts verändert?
Moritz Tschermak: Ich würd da gerne einstimmen in den Chor, aber das würde unsere Arbeit bei Bildblog ad absurdum führen. Natürlich ist das sehr frustrierend, wenn wir berichten, dass Bild sich ohne Erlaubnis Fotos von Facebook klaut oder Verdächtige zu Tätern erklärt und es dann direkt zwei Tage später wieder passiert.

Ich finde es aber wahnsinnig heikel festzulegen, was Presse darf und was nicht. Pressefreiheit ist eins der zentralen, großen, tollen Güter, die wir in Deutschland haben. Deswegen ist sowas wie der Presserat grundsätzlich ‘ne gute Idee. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass er als zahnloser Tiger gilt und dieses Label auch nicht zu Unrecht trägt. Letztlich muss das eben über redaktionelle Verantwortung geschehen. Bild hat die Hälfte aller Presserügen kassiert in diesem Jahr und es ändert nichts. Sie machen trotzdem weiter und werden noch schlimmer. Ich bin da auch leider ein bisschen ratlos.

Da du dich schon so lange intensiv mit der Bild beschäftigst, wie würdest du die Solingen-Story einordnen: Ist das selbst für Bild besonders schäbig?
Sowohl als auch. Mir begegnen täglich Fälle, in denen auf Persönlichkeitsrechte gepfiffen wird oder wo bei Facebook irgendwelche Fotos rausgekramt werden. Es kommt auch immer mal wieder vor, dass sie unverpixelte Bilder veröffentlichen, selbst bei schrecklichen Verbrechen. Aber es ist schon selten, dass Bild so rücksichtslos vorgeht, wenn Kinder involviert sind. Und ich glaube, die Geschichte hat auch deswegen so hohe Wellen geschlagen: Da ist dieses Kind, das sich in einer wahnsinnig schrecklichen Situation befindet und da wird nochmal draufgehauen von der Redaktion.

Ich glaube, dass dieser Fall auf vielen Ebenen sehr schrecklich ist. Ich finde aber auch hochproblematisch, dass der zwölfjährige interviewte Freund des überlebenden Kindes unverpixelt gezeigt wird. Da ist auch völlig egal, ob da die Mutter zugestimmt hat oder nicht.

Die Reaktion der Bild auf die Kritik war ja dann sinngemäß: "Was habt ihr euch so, RTL hat das doch zuerst gebracht."

Man kann sich ja als Redaktion auch dagegen entscheiden, zum Beispiel schreiben: Uns liegen WhatsApp-Screenshots vor, in dem der überlebende Junge Freunden von der Tat berichtet, aber wir veröffentlichen sie an dieser Stelle nicht, um die Kinder zu schützen.

Ist es eigentlich fair, nur auf die Bild zu gucken und sich aufzuregen, oder unterwerfen sich andere Medien genau denselben Mechanismen?
Auf jeden Fall tun sie das. Ich habe zum Beispiel schon öfter mal überlegt, einen BZ-Blog zu machen, aber die haben eben doch nur regionale Strahlkraft. Auch bei sinkenden Auflagen ist es immer noch gerechtfertigt, auf Bild zu schauen, wegen ihrer enormen Reichweite.

Die unrühmliche Rolle von RTL haben wir ja schon erwähnt, die Rheinische Post hat aus den WhatsApp-Screenshots auch zitiert. Soweit ich weiß, hat auch die Süddeutsche zunächst aus den Screenshots zitiert, allerdings haben beide Redaktionen schnell transparent gemacht, warum sie das auch wieder gelöscht haben. Abgesehen davon gibt es viele freie Nachrichtenreporter, die bei solchen Tragödien vor Ort rumlungern und die Nachbarn fragen, was sie gesehen haben oder vermuten. Da zeigen selbst als seriös geltende Nachrichtenredaktionen manchmal eine ziemlich hässliche Fratze.

Wie kann es auf redaktioneller Ebene überhaupt zu so einer Berichterstattung bei der Bild kommen?
Ich glaube, dass sehr genau nachgeschaut wird, was klickt sich und was nicht. Und für solche Kriminalfälle gibt es immer Interesse. Aber für mich noch unverständlicher als der Weg zur Geschichte ist, was danach passiert ist: dass da eben keiner bei der Redigatur sitzt und sagt: "Moment mal, Leute. Wir sind ein Boulevardblatt, keine Frage, aber das können wir jetzt wirklich nicht machen. Die Protagonisten sind elf und zwölf, das ist ein privater Chat und da geht's um den Tod von fünf Kindern!" Dass da nicht eine einzige Person sitzt, die sagt, ich leg hier ein Veto ein.

Oder es ist andersrum: Vielleicht sitzt diese Person da und traut sich das nicht zu sagen, weil alle anderen die Story unbedingt machen wollen. Da kann ich nur spekulieren. Eins von beidem muss passiert sein und beides find ich relativ erschreckend.

Wisst ihr eigentlich, ob jemand bei der Bild den Bildblog liest?
Ja, jemand muss uns auf jeden Fall lesen. Wenn wir Einfaches kritisieren wie eine falsche Statistik, oder schreiben, der Typ heißt gar nicht so, dann wird das ganz schnell korrigiert. Ansonsten ist der Kanal ziemlich trockengelegt. Da sind die Fronten so klar: Die finden sehr schlecht, was wir machen, und wir finden sehr schlecht, was die machen. Ab und zu laufen wir Julian Reichelt schon mal bei Veranstaltungen über den Weg. Aber wir brüllen uns dann nicht an oder schlagen uns.

Wie hat sich Bild unter Julian Reichelt verändert?
Extrem. Unter Diekmann war der Fokus auf Promis noch viel stärker und der ganze Unterhaltungsbereich noch viel wichtiger. Das höre ich auch aus der Redaktion, die Leute haben nicht mehr so das Gefühl, dass ihre Geschichten noch gebraucht werden.

Es ist deutlich politischer geworden unter Reichelt. Das kann man auch in seiner Vita sehen – ehemaliger Kriegsreporter, in vielen Krisengebieten gewesen und so weiter, das ist das, was ihn beschäftigt. Die Bild ist schon seit Generationen das Blatt der Chefredakteure gewesen. Das bedeutet, im Gegensatz zu anderen Zeitungen ist die Vielfalt der Meinungen im Blatt nicht so groß.

Und: Unter Reichelt ist der Ton viel rauer geworden. Man darf aber jetzt nicht den Fehler machen und die Diekmann-Zeit romantisieren. Was unter ihm lief – die ganze Anti-Griechenland-Berichterstattung in der Eurokrise – das war natürlich übelster Kampagnenjournalismus. Aber die Taktung dieser Kampagnen ist heute noch viel schneller geworden. Wenn du dir von Montag bis Samstag die Ausgaben anguckst, findest du drei, vier verschiedene Feindbilder, gegen die es dann ein bis zwei Tage geht und dann geht's zum nächsten weiter.

Ist die Bild auch rechter geworden?
Bild war jetzt nie ein linksliberales Blatt, sondern immer erzkonservativ oder konservativ. Aber ich glaube, zum einen ist der aktuelle Kurs auf Julian Reichelt zurückzuführen, zum anderen stehen Themen wie die Flüchtlingsthematik mehr im Fokus der Gesellschaft. Weil sich die Gesellschaft politisiert hat, hat sich auch die Bild politisiert. Und da nimmt Bild immer Positionen ein, die deutlich migrationsfeindlich sind, daher kann man sie da auch als rechtes Blatt bezeichnen.

Update 12:45 Uhr: Wir haben einen Fehler korrigiert. In einer vorigen Version hieß es, die Süddeutsche Zeitung und die Rheinische Post hätten die WhatsApp-Screenshots verbreitet; beide Medien haben jedoch daraus zitiert.

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