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Ich habe mein Schlafzimmer auf Instagram wiedergefunden

Wenn personalisierte Werbung nur noch creepy ist.
3.12.20
Ein Schlafzimmer mit einem weißen, kreisrunden Nachttisch und einem Bett, die Kombination sieht sehr ähnlich aus, wie eine personalisierte An Anzeige
Das Schlafzimmer des Autors | Bild bereitgestellt vom Autor

Vor ein paar Tagen haben meine Freundin und ich eine Werbung auf Instagram gesehen, in der uns etwas verdächtig vertraut vorgekommen ist: ein Schlafzimmer mit einem weißen Designer-Nachttisch, ein Bett mit weiß-gelber Bettwäsche, helle Möbel. Wie unser Schlafzimmer. Also genau wie unser Schlafzimmer.

Für ein paar Minuten waren wir sprachlos. Noch nie habe ich Werbung gesehen, die so exakt meinen Geschmack getroffen hat. Kann es sein, dass Instagram unsere Wohnung ausspioniert?

In den vergangenen Jahren ist viel spekuliert worden, ob unsere Apps uns abhören und überwachen. Es gibt aber genug andere Gründe, warum du Werbung für ein Produkt erhältst, über das du eben erst noch gesprochen hast: Vielleicht hast du es schon einmal irgendwo gesehen, aber nicht bemerkt oder es ist ähnelt einem Produkt, das du oder jemand, der mit dir das WLAN teilt, gesucht hat.

Falls der erste Fall zutrifft: Dein Gehirn verarscht dich. Unser Gehirn erschafft Assoziationen und erkennt nur, was es schon einmal gesehen hat. Das ist in etwa so, wie wenn du dir einen BMW kaufen willst und du dann plötzlich überall BMWs auf den Straßen siehst.

Der zweite Fall erklärt einfach nur, wie Plattformen wie Instagram Geld verdienen. Sie sammeln Daten, auch die Infos über deine Suchhistorie und deinen Standort. Diese Ergebnisse kombiniert Instagram und kann dir so passend auf dich zugeschnittene Werbung zeigen. Dafür muss dich niemand abhören.


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Aber seitdem Siri und Alexa bei uns eingezogen sind, werden tatsächlich manche Gespräche aufgenommen und gespeichert. Facebook, also das Mutterschiff hinter Instagram, hat 2019 zugegeben, dass sie Abschriften von Gesprächen eigener Nutzer verwenden, um ihren eigenen Algorithmus zu verbessern. Sowohl Amazon als auch Google haben versichert, dass sie keine Kundendaten an Dritte verkaufen, aber ihre Nutzerbedingungen sind weniger eindeutig. Außerdem beruhigen die Skandale um die Privatsphäreeinstellungen bei Facebook die Nutzer nicht unbedingt.

Ich habe lange über diese gruselige Werbung nachgedacht. Mir ist irgendwann eingefallen, dass meine Freundin und ich ein paar Tage vorher darüber gesprochen hatten, uns ein zweites Schränkchen zu holen. Ich weiß nicht mehr, ob ich es direkt online gesucht habe, aber falls ja, würde das erklären, warum sie auf ihrem Handy eine Werbung für ein ähnliches Produkt angezeigt bekommen hat.

Allerdings ist mein Nachttisch von der Firma Kartell und die Werbung war von der Firma Bonsoirs, die gar keine Möbel verkaufen, sondern Bettwäsche. Aber auf dem Foto war genau unser Schränkchen zu sehen.

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Es kann sein, dass die Ähnlichkeit der beiden Bilder purer Zufall ist. Das hat jedenfalls ein Sprecher von Facebook gesagt, als ich dort nachgefragt habe. 2016 hat Facebook offiziell verneint, auf Kamera, Nachrichten oder Mikrophone zuzugreifen. Vielleicht ist es einfach nur eine Frage der Zeit, bis deine Bettwäsche, dein Nachttisch und dein Fußboden in deinem Feed auftauchen. Oder, noch schlimmer: Dein Schlafzimmer ist totaler Mainstream. In jedem Fall fühlt sich all das seltsam an.

"Es ist frustrierend, dass die Kunden sich vor dieser Art von Übergriff schützen müssen", sagt Maryant Fernandez Perez. Sie ist Senior Digital Policy Officer beim Europäischen Verbraucherschutz BEUC. Die Organisation setzt sich aus den Verbraucherschutzorganisationen in 32 europäischen Staaten zusammen, die sich überlegen, wie man den Einfluss der digitalen Welt auf das Private reduzieren kann. Fernandes Perez denkt, dass letztlich die Firmen mehr Verantwortung übernehmen müssen. Zum Beispiel seien die Gesetze zum Schutz der Privatsphäre EU-weit nicht streng genug.

Letztlich werden wir nie wissen, warum diese gruselig personalisierte Werbung auf dem Handy meiner Freundin erschienen ist. Meine Freundin und ich werden jedenfalls unsere Handys für einige Zeit aus dem Schlafzimmer verbannen.

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