Leere Stühle an einer Wand
Foto: imago images | Westend61 | bearbeitet
Drogen

Wie die Anonymen Alkoholiker der Corona-Isolation entkommen

Alkoholismus gilt als Krankheit der Einsamkeit. Werden Süchtige in Isolation eher rückfällig?
01 April 2020, 3:00am

"Hallo, ich bin Lara, ich bin eine Alkoholikerin." Knapp 60 Leute aus der ganzen Welt befinden sich in einem Online-Raum der Konferenz-App Zoom. Als Lara sich vorstellt, wie dreimal die Woche seit neun Jahren, blickt sie nicht wie sonst in die Stuhlreihen in einem Gemeindezentrum in Berlin-Mitte, sondern in 60 Gesichter in 60 kleinen Kacheln auf ihrem Smartphone-Display. Ein Meeting der "Anonymen Alkoholiker".

Sonst geht es bei den AA um Alkoholsucht und Genesung, um die eigene Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Doch heute ist das Hauptthema der Runde: Isolation, das Coronavirus SARS-CoV-2 und die verhängte Kontakt-Begrenzung.

Die Treffen der AA dürfen nicht mehr face-to-face stattfinden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Deswegen treffen sich die Alkoholiker nun online. Doch für eine Gruppe, in der die Gemeinschaft und das persönliche Treffen grundlegend sind, ist die momentane Situation besonders schwierig. Um die Genesung ihrer Mitglieder nicht zu gefährden, haben sich die AA innerhalb kürzester Zeit umorganisiert: Viele Treffen finden nur noch online über Apps wie Zoom statt. In Berlin und anderen deutschen Städten werden sonst jeden Tag zahlreiche Meetings in verschiedenen Sprachen veranstaltet.

"Alcoholics Anonymous", 1935 gegründet, begann als Selbsthilfe-Programm mit wenigen Teilnehmern in Krankenhäusern in den USA. Inzwischen ist es ein weltweites Phänomen, ein Selbsthilfe-Netzwerk, das Millionen von Alkoholikerinnen dabei hilft, abstinent zu werden oder zu bleiben. Für diese Menschen kann die Isolation bedrohlich werden. "Kümmert man sich nicht um seine Sucht, macht sie Push-ups und wird stärker", erklärt Lara, 39, aus Berlin. Wir haben ihren Namen geändert, damit sie offen reden kann und ihre Anonymität gewahrt bleibt. "Den Kampf gegen den Alkoholismus kann der Süchtige schnell verlieren", sagt Lara. Die Isolation verwandele sich in Einsamkeit, die bedrohlich werde. Die Welt werde im Kopf der Süchtigen zu einem dunklen, einsamen Ort.

"Isolation ist brandgefährlich für Süchtige"

"Die Isolation und der verringerte menschliche Kontakt zurzeit sind brandgefährlich für Süchtige", sagt die Berliner Psychologin Ulrike Schneider-Schmid, die unter anderem auf Suchterkrankungen spezialisiert ist. Das gelte aber nicht nur in Corona-Zeiten. "Kontakt zu anderen, zu einer Gemeinschaft, ein Gegenüber zu haben und zu spüren – das sind menschliche Grundbedürfnisse." Ohne diesen Kontakt verschlechtere sich der Schlaf, die Gehirnleistung, das körperliche und geistige Wohlbefinden.

Für Alkoholiker kann diese Gemeinschaft noch viel existenzieller sein. "Ohne Meetings und das Zwölf-Schritte-Programm können wir nicht trocken bleiben. Das AA-Programm ist ein Wir-Programm", sagt Petra, 36, deren Namen wir ebenfalls geändert haben. "Alkoholismus ist die Krankheit der Isolation, wir mussten aus diesem Grund schnell sein", sagt Petra. Sie hat geholfen, die Online-Meetings in Berlin zu organisieren. Mehrere Meetings finden am Tag online statt, damit Alkoholikerinnen und Alkoholiker ihrer Routine, so gut es eben geht, folgen können.

Die Süchtigen leben von der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die sie in der aktiven Sucht nicht hatten: Lara erzählt, sie habe zu der Zeit alles versucht, um ihren Gefühlen aus dem Weg zu gehen. "Ich habe betrunken sehr viele Fehler gemacht, habe die Kontrolle verloren, gelogen, verleugnet und mich geschämt."

Um sich zu betäuben und die Scham vergangener Fehler nicht zu spüren, nutzen Süchtige alle Mittel: Alkohol, Drogen, Essen, Shopping, Sex, Spiele. In der Sucht geben sie anderen die Schuld für ihre Probleme, schreiben die AA in ihrem sogenannten "Blauen Buch", welches das Programm erklärt. Und so findet man immer wieder einen Grund, um weiter zu trinken: weil man allein ist, weil man nicht allein ist, weil man Erfolg hat oder Misserfolg, weil man glücklich ist oder traurig. Erst suche der Alkoholiker Freiheit im Alkohol, in AA suche er Freiheit vom Alkohol, so steht es dort. "Das AA-Programm hilft, die eigenen Probleme endlich anzugehen", sagt Lara.

Steigen die Zahlen der Rückfälle in Corona-Zeiten?

Und nun ist da die Isolation, die die AA eigentlich versuchen zu verhindern. Steigen damit auch die Zahlen der Rückfälle? "Auf jeden Fall", sagt die Psychologin Ulrike Schneider-Schmid: "Nicht nur die soziale Isolation, auch Ängste spielen da mit rein: Medien bombardieren uns minütlich mit Todeszahlen, vielleicht bricht der Arbeitsplatz weg, viele haben finanzielle Sorgen."

Lara zum Beispiel ist Freelancerin. Ihre Einnahmen sind eingebrochen, Aufträge wurden abgesagt. Sie habe jedoch Vertrauen, dass alles gut werde – sie wisse, dass sie nicht allein ist und ihre Freunde im Programm sie unterstützen.

Doch kann der Kontakt über eine App das leisten? Petra sagt: "Die Isolation bringt uns näher zum Glas. Wir sind aufeinander angewiesen. Weil wir an einer Wahrnehmungsverschiebung leiden, müssen wir unsere Ängste und Sorgen teilen, um den Bezug zur Realität herzustellen." Ein wichtiger Teil der AA-Meetings sind etwa Umarmungen zur Begrüßung und die Energie, die in den Meetings herrscht. In den Online-Meetings sei der AA-Spirit zwar auch vorhanden, man spüre ihn in Offline-Meetings aber intensiver, findet Petra.

Isolation triggert auch andere Süchte

Für Lara zählt noch ein anderer, wichtiger Faktor: "Ein Alkoholiker denkt häufig, dass er kranker oder verrückter ist als alle anderen. Die Gemeinschaft der AA zeigt mir, dass ich nicht allein bin und mich identifizieren kann." Die Identifikation mit den Ängsten der anderen ist gerade jetzt wichtig, um zu spüren, dass man auch während der Pandemie nicht allein ist.

Gesellschaftliche Krisen triggern aber nicht nur Alkoholkranke, sondern auch "Normies", wie AAs Menschen ohne Suchterkrankung nennen. "Alkohol wirkt angstlösend. Und viele nutzen den Alkohol gerade zur Selbstmedikation gegen die Angst. In einigen Wochen wird man, glaube ich, eine Verschiebung sehen: Die Virus-Ansteckungen sinken, die psychischen Erkrankungen steigen", so die Psychologin.

Auch andere Süchte werden durch die Isolation getriggert. Man verbringt mehr Zeit mit sich selbst, fühlt sich einsam. "Wir haben zur Zeit weniger Zugang zu Dingen, die Glücksgefühle hervorrufen", sagt die Psychologin Schneider-Schmid. Suchtverhalten hingegen aktiviere das Belohnungssystem: Kauf- oder Spielsucht führten zu Dopamin-Schüben. Und dies sei online momentan immer noch möglich.

In den USA sind die AA bekannter und akzeptierter als in Deutschland. Manche Uber-Fahrer hängen ihre "Sobriety Chips", mit denen Meilensteine der Abstinenz gefeiert werden, in die Windschutzscheibe ihrer Autos. Prominente wie Demi Lovato oder Russell Brand sprechen offen über ihre Süchte. In Deutschland scheint die Scham größer zu sein, wenn es um Süchte und vermeintliche Schwächen geht; dafür muss man sich nur anschauen, wie mit prominenten Alkoholikerinnen umgegangen wird: Nadja Abd el Farrag wird immer wieder vorgeführt, Jenny Elvers wurde nach ihrem betrunkenen Auftritt im TV verspottet.

Eine wiederkehrende Kritik an den AA ist: Die AA seien eine biblische Sekte. Was falsch ist. Trotzdem ist es Lara wichtig, die Vorurteile anzusprechen: "Die AA haben nichts mit Sekten oder der Kirche zu tun. Sie sind ein kostenloses, spirituelles Programm, in dem Alkoholiker einander helfen zu genesen und Freiheit zu erfahren."

Die Pandemie habe für die AA aber auch etwas Gutes: Lara erzählt, dass die Meetings von Alkoholikern von überall auf der Welt besucht werden. Die Meetings wüchsen: "Wir rücken alle enger zusammen."

Auch wenn zwischenmenschlicher Kontakt derzeit nur sehr eingeschränkt möglich ist, können die Regeln der AA auch von Normies angewandt werden, um sich besser zu fühlen: anderen helfen, einen Tag nach dem anderen nehmen und sich nicht allzu sehr auf die Zukunft versteifen und seine Sorgen und Gefühle offen mit anderen teilen. So lange die Krise andauert, hilft es Lara, sich zu erinnern, wer sie ist: "Hallo, ich bin Lara, ich bin eine Alkoholikerin."

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