Menschen

Menschen erzählen, an welches dumme Zeug sie als Kinder geglaubt haben

"Ich habe gedacht, dass Medikamente gesunde Menschen krank machen und mich aus dem Arzneischrank bedient, wenn ich keine Lust auf Schule hatte."
13.11.20
Ein bedrohlich wirkender Kartoffelkäfer, er dient als Beispiel für dummes Zeug, an das manche Menschen als Kinder geglaubt haben
Foto: imago images | blickwinkel || Bearbeitung: VICE

Onkel Ulrich auf der Grillparty, Attila auf Telegram oder beide gemeinsam auf der Querdenker-Demo: Spätestens seit dem Ausbruch der Pandemie kennen wir Menschen, die überall eine Verschwörung wittern. Absurde Erzählungen von vermeintlich entführten Kindern oder giftigen Kondensstreifen kursieren längst nicht mehr nur in Nischenforen. Es wird zunehmend sichtbar: Der Glaube an Verschwörungsmythen ist ein weit verbreitetes Phänomen.

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Wer von einem Verschwörungsmythos überzeugt ist, wird oft belächelt. Bei einem Blick in den nächstbesten Corona-Channel auf Telegram fällt das auch nicht schwer. Doch jeder, der sich heute über die neueste Erzählung zur flachen Erde lustig macht, sollte sich erinnern: Wir alle schrieben einst unsere eigenen seltsamen Geschichten, weil uns die komplexe Realität verunsicherte. Wir alle waren mal kleine Attilas, die das glaubten, was uns Oma, der Mann im Radio oder unsere weirde Fantasie vorgaukelten. Wir alle waren mal Kinder. 

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In ihrem Buch "Fake Facts" erklären die Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty, wie gesellschaftliche Krisen Nährboden für Verschwörungserzählungen schaffen. Menschen würden besonders zu Mythen neigen, wenn sie sich aus Mangel an Informationen unsicher oder ängstlich fühlen. Einfache Geschichten für komplexe Sachverhalte – damit haben wir uns schon als Kinder die Welt erklärt. Was die Kindergeschichten um das Kitzelmonster oder Knecht Ruprecht mit Verschwörungsmythen eint: manchmal schüren sie noch mehr Angst, anstatt sie zu beseitigen.

Für VICE haben Menschen erzählt, warum sie gedacht haben, dass Aspirin Kopfweh verursacht, Radiomoderatoren Propheten sind oder Sex Hollywood-Schauspielern vorbehalten ist. 

Yasemin, 26: "Ich habe heimlich vom Arzneischrank meiner Eltern genascht"

Als Grundschulkind habe ich geglaubt, dass Arzneimittel gesunde Menschen krank machen. Man kann sich das ein bisschen wie bei den Impfgegnern vorstellen, die glauben, dass der Wirkstoff, der ja auch einen geringen Teil des Erregers enthält, genau jene Krankheit auslöst, die er bekämpfen soll. 

Ich machte mir meinen Glauben zu Nutze: Immer, wenn ich keine Lust auf die Schule hatte, naschte ich heimlich vom Arzneischrank meiner Eltern. Und tatsächlich verspürte ich jedes mal eine Placebo-Wirkung: Eine Aspirin verursachte Kopfschmerzen, von einer Imodium bekam ich Durchfall. Heute glaube ich, dass ich teilweise einfach überdosiert habe und daher Nebenwirkungen wie Schwindel oder Übelkeit wahrnahm. Vor der Schule konnte ich mich jedenfalls immer drücken. 


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Irgendwann trieb ich es mit der Nascherei aus Neugier zu weit und braute mir eigene "Zaubertränke"' aus Pulvern, Salben und Pillen zusammen. Meine Eltern schöpften Verdacht, weil sich der Medizinschrank wie von Zauberhand leerte. Einmal ertappte mich meine Mutter auf frischer Tat und musste mit Entsetzen feststellen, dass sich ihre Tochter seit zwei Jahren Arznei für Erwachsene reinzieht. Heute sind wir sehr froh darüber, dass ich dabei nie etwas schlimmeres als Kopfweh oder Schwindel erlitten habe. 

Sebastian, 28: "Ich dachte Kartoffelkäfer seien böse"

Als kleiner Junge dachte ich, Kartoffelkäfer wären früher von US-Soldaten über Deutschland ausgesetzt worden, damit sie die Ernte zerstören. Ich erinnere mich an viele Sommer im Schrebergarten, in denen ich Insekten gesammelt habe. Marienkäfer und Kellerasseln fand ich nett, bei den gelb-schwarz gestreiften Kartoffelkäfern aber dachte ich: die sind böse. 

Mit dem Glauben war ich nicht allein. Im Garten nebenan hat ein älterer Mann die Kartoffelkäfer in eine alte Zigarrenbüchse gesteckt, damit sie dort verhungern. Wenn er nicht da war, bin ich manchmal zu der Büchse geschlichen und habe nachgeschaut, ob die Käfer schon tot waren. Aber erst diesen Sommer, mit 28 Jahren, habe ich in einem Buch über Verschwörungsmythen gelesen, dass die Geschichte mit den Kartoffelkäfern nicht stimmt. Seit meiner Kindheit hatte ich das nie hinterfragt. 

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Heute weiß ich: Kartoffelkäfer kommen zwar tatsächlich aus Amerika und schaden der Ernte. Aber für den Einsatz als Biowaffe gibt es keine Belege. Sie haben sich wohl schlicht durch den Schiffsverkehr verbreitet. Schon im ersten und zweiten Weltkrieg gab es den Verdacht, die Käferplage sei künstlich herbeigeführt worden. Eine große Propaganda-Aktion kam dann vom DDR-Regime, das mit öffentlichen Kampagnen gegen den "Amikäfer" mobil machte. Und es sollte bis zum Jahr 2020 dauern, bis ich den Irrglauben bei mir selbst bemerkt habe.

Oliver, 27: "Ich war mir sicher, dass Moderatoren die Zukunft vorhersehen"

Ich hörte als Kind gern Radio, wenn ich mit meiner Mutter im Auto saß. Besonders unser Lokalsender faszinierte mich: Er spielte die Nachrichten und Verkehrsunfälle immer fünf Minuten früher als alle anderen Stationen. Damals war ich mir sicher, dass die Moderatoren die Zukunft vorhersehen können. 

Die Wahrsager auf 106.5 haben mich sehr fasziniert, aber auch geängstigt. Denn immer, wenn der Typ aus der lustigen Morningshow einen Unfall auf der Straße prophezeite, auf der meine Mutter fuhr, befürchtete ich, dass wir es sind, die in genau fünf Minuten einen Unfall bauen. 

Ich flehte meine Mutter immer an, möglichst langsam zu fahren. Gleichzeitig dachte ich, dass sie durch das ungewöhnliche Fahrverhalten erst Recht den angekündigten Unfall verursachen würde. Einmal hielt ich es vor lauter Panik nicht mehr aus und forderte meine Mutter dazu auf, die nächste Abfahrt von der Autobahn zu nehmen, weil sie sonst die Prophezeiung des Radios erfüllt. Unter Gelächter klärte sie mich schließlich auf. 

Kevin, 28: "Ich glaubte, nur perfekt aussehende Menschen dürfen Sex haben"

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich im Alter von elf oder zwölf Jahren in die Pubertät kam: Ich verspürte erstmals sexuelle Erregung. Mit meinen Freunden blätterte ich in Pornomagazinen oder schaute heimlich die Sportclips auf DSF. Aber auch Musikvideos und Teenie-Filme machten mich ganz wuschig. 

Alle Schauspieler und Pornodarstellerinnen hatten immer die hübschesten Gesichter. Durch meinen exzessiven Filmkonsum entwickelte ich den Glauben, dass nur Menschen, die perfekt aussehen, Sex haben dürfen. Da ich mit meinem Aussehen als Teenie nie zufrieden war, glaubte ich, dass mir Sex für immer verwehrt bleiben sollte. Ich betete daher vor dem Einschlafen immer dafür, dass ich irgendwann mal schön sein würde.

Aufgeklärt wurde ich wiederum durch das Fernsehen. Am Nachmittag schaute ich oft billig produzierte Talkshows und Reality-TV-Formate auf Privatsendern. Meistens handelten diese von Sex-Affären und anderen frivolen Intrigen. Bei den Laiendarstellern fiel mir auf, dass sie ganz normale und ungeschminkte Menschen mit den gleichen Makeln wie ich sind. Dennoch müssen sie wohl Sex haben. Ich zählte eins und eins zusammen und konnte so meine Angst vor der ewigen Sexlosigkeit überwinden. Es sollte das einzige Mal bleiben, dass mich das Nachmittagsfernsehen gebildet hat. 

Josi, 30: "Ich glaubte, dass es verboten ist, auf Männer zu stehen"

Ich bin in einem kleinen Dorf mit 850 Einwohnern aufgewachsen. Schon meinen Kindergärtnerinnen fiel auf, dass ich nicht so wie die anderen Jungs ticke. Alle liebten Fußball, Bagger und Autos. Ich liebte Puppen und Märchenprinzen. Für manche Jungs war das etwas befremdlich und sie wollten mich nie dabei haben. Deswegen spielte ich meistens nur mit den Mädchen. 

Ich war ein Junge, der früh erkannte, dass er auf Männer steht. In der fünften Klasse vertraute ich mich auch meiner Mutter an und erzählte ihr, dass ich einen Prinzen heiraten will. Sie nahm das damals nicht richtig ernst, weil ich noch so jung war. Das sollte auch noch lange so bleiben. 

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Mit 15 führte ich dann meine erste Beziehung mit einem Schulfreund. Ich war sehr verliebt. Die Schattenseite: Wir küssten uns immer heimlich im Gebüsch, weil mein Freund sich nicht dabei erwischen lassen wollte, wie er Zärtlichkeiten mit mir austauscht. Das hat mich sehr verletzt und meinen Glauben verfestigt, dass es verboten ist, auf Männer zu stehen. 

Als ich für meine Ausbildung von zu Hause auszog, kam schließlich die Erleuchtung: Ich lernte die große, weite Welt kennen und bemerkte, dass es etwas ganz Normales ist, wenn Männer sich küssen, miteinander schlafen und sich lieben. Irgendwann kehrte ich in mein Dorf zurück und outete mich. Entgegen meiner Erwartung mochten mich die Leute dennoch genauso wie davor. Ich hatte mir das als Jugendlicher alles nur eingeredet, weil ich so unsicher war und als Kind nie etwas über das Schwulsein erfahren hatte.  

Anna, 24: "Ich hatte panische Angst vor Begegnung mit schwarzen Vögeln"

Meine Oma erzählte mir immer Gruselgeschichten, als ich noch in der Grundschule war.  Man kann sich meine Oma wie "Old Nan" aus Game of Thrones vorstellen. Sie war sehr abergläubisch und sehr überzeugend beim Vortrag ihrer Horrorstories. Passend zu Game of Thrones handelte eine ihrer Geschichten von Raben. Sie redete mir ein, dass immer ein Mensch stirbt, wenn ich einem Raben in die Augen schaue. 

Jedes Mal wenn ich aus dem Fenster schaute, um Vögel zu beobachten, schimpfte meine Oma mit mir. Das prägte mich. Selbst im Alter von 20 Jahren hatte ich noch panische Angst vor einer Begegnung mit den schwarzen Vögeln. Auch bei Fotos oder Filmen musste ich wegschauen, wenn darauf ein Rabe zu sehen war. 

Meiner Mutter ist im Gegensatz zu mir und meiner Oma hingegen ein großer Vogelfan. Sie konnte meine Phobie überhaupt nicht verstehen. Erst als einmal ein Rabe vor unserer Tür saß, meine Mutter "Der ist aber schön" sagte, und ich sie daraufhin anschrie, klärten wir uns gegenseitig auf. 15 Jahre zu spät. Meine Mutter erfuhr den Grund für meine Phobie und verriet mir, dass ich wohl einer von Omas alten Spukgeschichten auf den Leim gegangen bin. 

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