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Nach VICE-Recherchen: xHamster stoppt anonyme Foto-Uploads

Im Oktober haben VICE-Recherchen aufgedeckt, wie schlecht Deutschlands meistbesuchte Pornoseite Opfer von sexualisierter Gewalt schützt. Jetzt zieht xHamster Konsequenzen.
23.12.20
Die Pornoplattform xHamster hat nach VICE-Recherchen den Upload von Bildern begrenzt, das Bild zeigt einen Hamster und einen Fotoapparat-Icon vor einem xHamster Screenshot
Foto-Apparat: Pixabay | OpenIcons | CC0 || Hamster: xHamster.com | Press Material || Montage: VICE

Die meistbesuchte Pornoplattform Deutschlands wächst jeden Tag um Tausende neue Uploads. Auf xHamster konnte bis vor Kurzem jeder anonym Fotos und Videos hochladen. Viele Aufnahmen auf der Plattform zeigen einvernehmlichen Sex. Andere aber zeigen möglicherweise Minderjährige und Menschen, die niemals nackt im Netz zu sehen sein wollten.

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Wer mutmaßlich illegale Aufnahmen auf xHamster verbreiten wollte, stieß zunächst auf wenig Hürden. Vor knapp zwei Monaten haben VICE-Recherchen hinter den Kulissen von xHamster gezeigt, wie oberflächlich neue Foto-Uploads überprüft werden. Freiwillige Löscharbeiter sollten etwa durch bloßes Hinsehen entscheiden, ob eine Person auf einem Foto noch unter 18 ist. 

xHamster hatte im Oktober auf unseren Fragenkatalog nur mit knappen Statements reagiert. "Seien Sie versichert, dass Kontrollen und Überprüfungen existieren", schrieb Vizechef Alex Hawkins in einer E-Mail. 

Nun, kurz vor Weihnachten, hat die Plattform doch noch drastische Änderungen eingeführt: Anonyme Nutzerinnen und Nutzer können derzeit keine Fotos mehr auf xHamster veröffentlichen. Damit wurde ein zentrales Feature der Plattform bis auf Weiteres deaktiviert.

Auch der Button für den Upload neuer Fotos ist für alle verschwunden, die die Seite anonym nutzen. Wer über einen Umweg trotzdem die Website zum Foto-Upload aufruft, bekommt eine Fehlermeldung zu sehen: "Leider ist diese Funktion aus technischen Gründen vorübergehend nicht verfügbar."

"Bestimmte Funktionen komplett abschalten"

Ein Screenshot zeigt die Seite xHamster mit einer Fehlermeldung

Technischer Fehler? Technically not | Screensot: xHamster.com

Ein technischer Fehler ist das aber nicht, wie xHamster-Vizechef Hawkins gegenüber VICE bestätigt. Stattdessen ist es eine von mehreren Maßnahmen, um Inhalte auf xHamster besser zu überprüfen. "Wir nehmen uns die Zeit, eine Pause zu machen und neu zu bewerten", schreibt Hawkins. "Das bedeutet, dass wir bestimmte Funktionen komplett abschalten, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben."

Wer weiterhin Fotos posten möchte, muss sich von der Plattform verifizieren lassen oder ein sogenanntes "Creator"-Konto erstellen. In beiden Fällen sind Nutzer nicht mehr anonym. Sie müssen dann etwa Zahlungsdaten hinterlegen oder ein Foto hochladen, auf dem ihr Gesicht, der eigene Benutzername und der Text "xHamster.com" zu sehen ist. 

Hier gibt es alle Texte der Artikelserie Inside xHamster.

xHamster hat die Neuerungen bislang nicht offiziell bekanntgegeben. "Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen", schreibt Hawkins. Je mehr xHamster über die Einschränkungen spreche, desto mehr würden Leute versuchen, sie zu umgehen. "Ich denke, sobald wir in der Lage sind, festzustellen, was effektiv ist, können wir vielleicht ein bisschen mehr reden."

xHamster: "Das muss sich ändern"

Hawkins spricht von den Möglichkeiten, die böswillige Akteure beim Upload von Fotos und Videos inzwischen hätten. "Wir glauben nicht, dass die derzeitigen Systeme darauf vorbereitet waren – weder die technologischen Maßnahmen noch die Moderation durch Menschen."

2019 hatte Hawkins gegenüber VICE von "sexueller Redefreiheit" gesprochen – und damit begründet, warum xHamster manche Videos online ließ, die den Anschein sexualisierter Gewalt erwecken. Heute schreibt Hawkins: xHamster habe seinen Nutzenden oft große Freiheiten gelassen. "Das muss sich ändern."

Ein Screenshot links zeigt die Begriffe "Teen" und "Voyeur", ein Screenshot rechts nur noch die Kategorie "Teen (18+)"

Links ein Screenshot von xHamster.com vor der Änderung am 18. Dezember, rechts danach | Archive.org | Bearbeitung: VICE

Zumindest kleine Neuerungen konnte VICE bereits beobachten. Bis zum 18. Dezember war dem Online-Archivdienst archive.org zufolge auf der Startseite von xHamster noch die Kategorie "Voyeur" zu sehen. Darunter fallen auch Aufnahmen von Menschen, die mutmaßlich heimlich gefilmt oder fotografiert wurden, etwa in der Sauna oder auf der Toilette

Mehrere freiwillige xHamster-Löscharbeiter hatten gegenüber VICE berichtet, dass sie auch zweifelhafte "Voyeur"-Aufnahmen einfach online lassen sollten. Am 18. Dezember ist die Kategorie "Voyeur" von der Startseite verschwunden. Aus der Kategorie "Teen" ist seitdem die Kategorie "Teen 18+" geworden.

xHamster tut offenbar weniger als Pornhub

"Irgendetwas passiert hier gerade", bestätigt einer der freiwilligen Löscharbeiter, der für xHamster ohne Bezahlung neue Foto-Uploads sichtet. Er habe aber keine weiteren Informationen. Weitgehend unbekannt ist auch, wie xHamster hochgeladene Videos überprüft. 

Hast du mal bei Pornhub, xHamster oder einer anderen großen Pornoplattform gearbeitet – oder arbeitest dort noch immer? Hast du schon mal versucht, Inhalte von dort löschen zu lassen? Wir würden uns freuen von dir zu hören. Du erreichst uns verschlüsselt via Signal oder WhatsApp (+49 152 1012 4551) sowie Threema 27DS6P2R, am besten mit einem Gerät, das nicht deinem Arbeitgeber gehört.


In Deutschland läuft gerade eine Petition, die stärkere Rechte für Betroffene von sexualisierter Gewalt auf Pornoplattformen fordert. Inzwischen wurden mehr als 60.000 Unterschriften gesammelt. Die Mit-Initiatorin der Petition, Anna Nackt, sagt gegenüber VICE: "Viele Betroffene werden darüber erleichtert sein, dass ihre gestohlenen Bilder nicht mehr komplett anonym verbreitet werden können." Dennoch sei xHamster weit davon entfernt, Betroffene wirklich effektiv zu schützen. 

In der Zwischenzeit steht einer der größten Konkurrenten von xHamster auch international in der Kritik: Pornhub, auf Platz zwei der meistbesuchten Pornoseiten Deutschlands. Auch auf Pornhub kursierten Aufnahmen von mutmaßlicher sexualisierter Gewalt. Aber die Plattform ist einen drastischeren Schritt gegangen. Sie hat Millionen Aufnahmen von nicht-verifizierten Nutzerinnen und Nutzern bis auf Weiteres gelöscht. Der anonyme Upload von Videos wurde abgeschaltet. Kurz zuvor hatten sich Mastercard und Visa von Pornhub zurückgezogen.

xHamster dagegen hat bislang nur einen Zahlungsdienstleister verloren. Wie zuerst Der Spiegel berichtete, hatte sich Klarna vor dem Hintergrund der VICE-Recherchen kurzerhand von xHamster zurückgezogen.

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Die aktuellen Umwälzungen führt xHamster-Sprecher Hawkins jedoch nicht allein auf die VICE-Veröffentlichungen zurück. Es habe "keinen einzelnen Vorfall" geben, der dies veranlasst habe. Medienberichte hätten aber unter anderem die "Entschlossenheit" von xHamster "verstärkt".

Beratung und Unterstützung bei sexualisierter Gewalt finden Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und alle Menschen, die sich Sorgen um ein Kind machen, in Deutschland beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) und auf dem Hilfeportal www.hilfeportal-missbrauch.de. Hilfe bieten auch die bundesweiten Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Wer in der Schweiz sexualisierte Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen. Betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus. In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten.

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