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Dieser Mathematiker glaubt, dass Pi Quatsch ist—und will es durch Tau ersetzen

Die perfekte Form des Kreises verdient eine ebenso perfekte Konstante.

von Christine Kewitz
29 Juni 2015, 1:22pm

Michael Hartl erklärt Tau. Screenshot Youtube

Am 14. März 2015 haben wir alle ausgelassen den Epic-Pi-Day gefeiert. Der Tag, der nur einmal in einem Jahrhundert daher kommt und an dem die Kreiszahl zur richtigen Uhrzeit in ihrer ganzen Blüte erstrahlt: 3-14-15-9:26:53. Herrlich!

Doch manche Menschen wollen unser mathematisches Fan-Tum zerstören und behaupten frech und provokant, Pi wäre Quatsch. Ihren Berechnungen nach sei die wahre Kreiszahl nämlich Tau.

Allen Skeptikern voran schreitet der theoretische Physiker Michael Hartl (der sich von Harvard bis Caltech einen Namen an den großen amerikanischen Unis gemacht hat und jetzt im Web-Business zu Hause ist). Er war es auch, der gemeinsam mit dem dänischen Mathematiker Peter Harremoës die Bezeichnung Tau (genau wie Pi ein altgriechischer Buchstabe) vorschlug, nachdem das Mathe-Magazin The Mathematical Intelligencerim Jahr 2001 zum ersten Mal eine neue Kreiszahl angeregt hatte.

Mit diesen Experimenten feiert ihr mathematisch angemessen den Pi-Tag

Am 28.6., dem diesjährigen Tau-Tag, fand das erste International Virtual Tau Day Meetup statt, initiiert von Hartl. Dort tauschten über 100 Tau-Enthusiasten aus aller Welt per Avatar fröhlich Visitenkarten aus und erfreuten sich am ausgedehnten Tau-Klönschnack. Hartl verfasste in der Vergangenheit bereits ein Tau Manifest und hält die Pi-fixierte Welt mit regelmäßigen Vorträgen über die logische Alternativzahl auf dem Laufenden.

Doch wozu eine neue Kreiszahl, fragt sich der Laie, mit Pi sind wir doch bisher immer gut gefahren?! Hier geht es jedoch nicht um reine Zahlen-Exzentrik oder gelangweilte Rechengenies. Wie immer in der wundervollen Welt der Mathematik stecken auch in diesem Fall ein triftiger Grund und das Streben nach größerer Eleganz dahinter.

Tau in seiner ganzen Pracht. Bild: Wikipedia, Dcoetzee, F l a n k e r | Gemeinfrei

Also, was ist Tau? Tau ist schlicht und einfach Pi mal zwei. Also

\tau


= 2π = 6,283185... Der Sinn dahinter ist, dass in sehr vielen mathematischen Formeln eine 2 vor dem Pi steht und die Formeln sich durch Tau abkürzen und gleichzeitig vereinfachen ließen. Wird trotzdem mal ein einfaches Pi gebraucht, ließe sich dann einfach Tau/2 schreiben (ich als normalschlaue Matheinteressentin würde vorschlagen, dass man in diesen Fällen auch noch mal auf das gute alte Pi zurückgreifen könnte).

Noch etwas genauer: Pi wird aus dem Quotienten von Umfang und Durchmesser eines Kreises gebildet. Tau hingegen wäre der Quotient aus Umfang und Radius (entsprechend 2π) eines Kreises. Dazu kommt noch das unschlagbare Argument, dass Tau im Bogenmaß einen Vollwinkel darstellt und nicht wie Pi einen willkürlich erscheinenden halben Winkel.

Die Mathematik des Hipster-Effekts

„Ich finde es neben den ganzen mathematischen Vereinfachungen aber vor allem auch sehr lustig, darüber nachzudenken, dass Pi, diese mathematische Konstante die viele Menschen so begeistert, eigentlich eine ziemlich armselige Wahl ist", schrieb mir Hartl in einer Mail. „Mit dem Tau-Manifest und dem Tau-Tag wollte ich Tau in die Geek-Kultur einbringen; mit der grundlegenden Idee dahinter, dass 'Pi falsch ist'".

Vor allem Schüler würden mit einer Tau-basierten Rechnung weniger durcheinander kommen, wie folgende Winkelberechnung demonstriert:

Tau

  • Einmal im Kreis herum sind 360 Grad oder auch 1 Tau
  • Ein halber Kreis mit 180 Grad ist Tau/2
  • Ein rechter Winkel ist ein Viertelkreis mit 90 Grad, also Tau/4
  • Ein Achtelkreis entspricht Tau/8

Pi

  • Einmal im Kreis herum sind 360 Grad oder auch 2 Pi
  • Ein halber Kreis ist Pi
  • Der rechte Winkel, also der Viertelkreis entspricht Pi/2
  • Ein Achtelkreis Pi/4

Als einer der Anführer der Pi-Opposition möchte Hartl, dass die wichtigste Zahl, die Kreiszahl, endlich ihren wahren Wert bekommt. Der Kreis ist die perfekteste aller geometrischen Formen und verdient somit keine umständliche Konstante, sondern eine wunderbar logische Zahl.

Michael Hartl. Bild mit freundlicher Genehmigung

Es gibt sogar schon einige Erfolge für die Tau-Vertreter, denn mittlerweile wird die Alternativzahl von den gängigen Matheprogrammen unterstützt und selbst die Rechenfunktion von Google reagiert auf Tau-Eingabe.

Wer nun Fan geworden ist und sich offiziell als Tau-Jünger positionieren möchte, kann seine Überzeugung auf verschiedenste Weise weitergeben. In gesellschaftlichen Runden kommt ein mit Leidenschaft vertretenes Mathethema immer gut an, am besten vorgetragen mit dem originellen Tau-Tee, dem Shirt zur Zahl, am Körper.

Mathegenie wütet, weil niemand seinen 500-Seiten-Beweis der ABC-Vermutung liest

Neben den bereits erlangten Erfolgen ist Hartls großer Wunsch, dass auch Dr. Sheldon Cooper (Big Bang Theory) zum Tauismus bekehrt werden könnte. „Zufälligerweise machte ich meinen eigenen Doktor in Physik ebenfalls am Caltech, wo auch der fiktionale Dr. Cooper arbeitet, erlangt", erzählte mir Hartl. „Das könnte eine tolle Episode hergeben. Wenn also ein Mitarbeiter der Serie das hier liest, schreibt mir gerne eine Mail.—Ich lebe in Pasadena und würde mich sehr freuen, mal vorbei zu schauen!"

Außerdem ist es nie zu früh, eine große Feier zu organisieren: Wir sehen uns am Epic-Tau-Day, dem 28.06.31 um 8:53:07 in Michael Hartls Garten und zünden das Feuerwerk!

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