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Der Raum der perfekten Stille

In dieser schalltoten Kammer produziert sogar ein menschlicher Körper nur 18 Dezibel.
23.2.15
​Alle Bilder: Thomas Howells

Echte Stille ist eine Anomalie der Moderne. Die Technologisierung unseres Planeten hat auch den allgemeinen, uns umgebenden ​Lärmpegel kontinuierlich anschwillen lassen. Selbst mitten in der Wildnis auf einem leblosen Feld erreicht die Geräuschkulisse immer noch einen Pegel von rund 25 Dezibel.

Im schalltoten Raum des akustischen Forschungszentrums der LSBU werden inklusive eines menschlichen Körpers gerade einmal rund 16 Dezibel erreicht. Der Mensch produziert auch im Liegen zuviel Lärm, als dass es noch stiller werden könnte, erklärt Stephen Dance, der mir zusammen mit Luis Gomez-Agustina eine Führung durch die Einrichtung gibt.

Als ich schließlich den größten schalldichten Raum Londons an der South Bank University betrete, schlägt mir eine eigenartig komprimierte Luft entgegen. Es fühlt sich an, als würde mein Kopf von unsichtbaren Kräften sanft zusammengepresst. „Dieses Gefühl ist eine Illusion, die fast jeder beim ersten Besuch der Kammer wahrzunehmen glaubt", erklärt mir Luis Gomez-Agustina, der mich in den Raum begleitet. Woher der Eindruck stammt, kann auch er sich nicht erklären.

Nach 45 Minuten hörst du dein Blut pulsieren.

Luis zieht ein Barometer mit Digitalanzeige aus seiner Tasche: „Es zeigt den selben Wert wie draußen", betont der Klangkünstler, der für seine Arbeiten immer wieder hierher zurückkommt und sich damit in eine lange Tradition von Avantgarde-Musikern und Künstlern einreiht, die solche reflektionsarmen Räume zu ihrem persönlichen, sonischen Fetisch gemacht haben: Von John Cages Ausflug in die Kammer von Harvard, die eine Inspiration für sein bahnbrechendes Werk 4'33'' werden sollte, bis zu ​Mark Fells atmosphärisch-sonischer Installation 64 Beautiful Phase Violations an der Universität von Salford oder dem jüngsten Promotionsprogramm der LSBU und dem altehrwürdigen Royal College of Music.

Die Wände, der Boden und die Decke sind vollständig mit nach innen zeigenden Schaumkeilen bedeckt. Auf dem Boden wurde über dem schallschluckenden Material zusätzlich ein Metalgitter ausgebreitet. Es ist eine jenseitige, retrofuturitische Szenarie in dumpfem Braun.

Als Stephen Dance die Tür hinter uns zuzieht, werden jegliche Klangwellen vollständig vom Schaum absorbiert und von den Wänden verschluckt. Mich übermannt trotz geöffneter Augen eine gewisse Orientierungslosigkeit, schließlich funktioniert ein Gutteil der menschlichen Raumwahrnehmung nur dank Echoorentierung.

Luiz und Stephen haben mir geraten, ich solle eine Stunde bei ausgeschaltetem Licht in dem reflexionsarmen Raum bleiben, um jegliche sensorische Ablenkungen hinter mir zu lassen. Ich lege mich also auf einige Scheiben aus Schaum, die auf dem Metallboden als provisorisches Bett ausgebreitet wurden. Die Wissenschaftler ziehen sich aus dem Raum zurück, der Techniker schließt die Tür und löscht das Licht.

Es mag paradox klingen, aber die Erfahrung regungslos in vollkommener Dunkelheit und nahezu absoluter Totenstille zu liegen, zeichnet sich durch eine ganz eigene Intensität aus. Die ungewohnte Umgebung sorgt rasch für eine Sensibilisierung meines Gehörs. Minuten vergehen wobei die internen Regungen meines Körpers und mein Atem immer bewusster hervortreten.

Dinge, die ich zuvor nur als Gefühle wahrnahm—meine Verdauung, die Entspannung meiner Muskeln—werden plötzlich auch hörbar. Ich höre die Regung meiner Nebenhöhlen und ein leichtes Kratzgeräusch als ich meine Augenbrauen hochziehe und meine Kopfhaut sich über meinen Schädel zieht.

Stephen hatte angekündigt, dass ich nach rund 45 Minuten das Pulsieren des Blutes durch die Kapillaren um meine Augen herum hören würde. Schließlich stellt sich ein sanft rauschender Sound ein; das Pumpen des Blutes in den Adern meines Kopfes. Es ist eine hypnotisierende, ja, existentialistische Erfahrung. Noch nie habe ich meinen Körper so bewusst als die aufgewühlte und organische Maschine wahrgenommen, die er nunmal ist.

Das Internet ist voller Erfahrungsberichte aus schalltoten Kammern, in denen die ungewohnte Wahrnehmung für die Besucher so verstörend wurde, dass sie schließlich Halluzinationen und Panikattacken erlitten. Ich habe nichts von beidem erlebt. Stattdessen fühlte ich eine Mischung aus Tiefenentspannung und zeitlicher Orientierungslosigkeit—meine Stunde in der Kammer könnte auch zehn Minuten oder einen halb Tag lang gedauert haben.

Mike Wyeld lehrt und arbeitet als Audioingenieur am Londoner Royal College of Art und erklärt mir, warum sich die Kammer auch heute großer Beliebtheit erfreut: „Im Kunstfeld wird immer häufiger mit Klang experimentiert wird. So entstehen auch außerhalb der Musik neue Konzepte und Überlegungen zu Sound." Seine Studenten stehen Schlange für eine Nutzung des reflektionsarmen Raums: „‚Stellt euch einen Ort ohne Klang vor'."

Ich bin mir gar nicht mehr sicher, was genau ich eigentlich von meinem Besuch erwartet hatte. Fest steht, dass die Kammern sehr viel mehr können als nur ein obsessives Interesse an Isolation und Stille zu bedienen: „Der Raum ist ein wichtiges Instrument für Klangkünstler und Sounddesigner", erklärt Mike. „Die Abwesenheit von Klang eröffnet neue Perspektiven und bietet neue Erfahrung, die du vorher nicht hättest erleben können.

Es ist ein magischer Ort."