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Warum haben so viele Menschen panische Angst vor Löchern?

Sollte euch beim Anschauen der Bilder schlecht werden, leidet ihr vielleicht auch an Trypophobie.

von Sarah Emerson
16 Juni 2016, 11:23am

Titelbild: Daisuke Tashiro | Flickr |  CC BY-SA 2.0

An den Ursprung meiner Trypophobie erinnere ich mich nur allzu gut. Als Zweitklässlerin stolperte ich eines Tages über ein Wespennest, das komplett mit milchigen Pusteln bedeckt war, darunter die heranwachsenden Wespenlarven. Ich leide nicht unter besonderer Angst vor Wespen, aber das Bild de Waben und der in den kleinen Kammern steckenden Würmer bekomme ich bis heute nicht aus meinem Kopf.

Mit der Zeit wurde meine irrationale Angst vor löchrigen Strukturen aller Art nur noch schlimmer, meine Trypophobie machte mir das Leben schwer. Der Besuch einer Naturmesse, auf der auch ein Exemplar der großen Wabenkröte zu sehen war—eine harmlose, kleine Amphibie, die ihren Nachwuchs auf ihrer perforierten Rückenhaut mit sich trägt—besiegelte meine Phobie dann endgültig. Samenhülsen, Laiche, die widerlichen, gephotoshoppten „lotus boobs"—für meine Augen ist jedes dieser Bilder ekelerregender als das andere.

Das Nest einer Papierwespe. Bild: Flickr/Andrew_Writer

Trypophobie ist bisher keine klinisch diagnostizierte Phobie und auch im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem allgemein anerkannten Klassifikationssystem der Psychiatrie, sucht man vergeblich nach dem Begriff. Die Verbreitung der Phobie kann aber nicht geleugnet werden, vor allem nicht angesichts der vielen Beiträge zum Thema im Internet.

Obwohl das Phänomen anscheinend so weit verbreitet ist, wissen wir so gut wie nichts über die biologischen Mechanismen, die dahinter stecken. Manche Kritiker behaupten sogar, dass es so etwas wie eine Angst vor Löchern überhaupt nicht gibt. Wenn aber die Ursprünge der Trypophobie tatsächlich so unklar sind, warum berichten dann immer noch so viele Leute von ihren Leiden unter der Loch-Panik?

Im Gegensatz zu anderen namhaften Phobien ist Trypophobie ein relativ neuer Begriff, zumindest in englischen Lexika. In deutschen Print-Lexika dagegen findet sich zu diesem Begriff bisher kein Eintrag.

Ab 2008 tauchte der Begriff vermehrt im Urban Dictionary und in verschiedenen YouTube-Videos auf. Am 2. Oktober 2012 wurde dann ein Wikipedia-Eintrag zu der Phobie vorgeschlagen, doch laut der Wiki-Diskussionsseite gibt es seitdem immer wieder Löschanträge für den Text, Diskussionen über Bildrechte und Streit über den Status der Trypophobie als medizinisch anerkannte Krankheit. Online findet man aber weiterhin eine Menge Foren und Selbsthilfe-Seiten, die sich mit der Phobie und den Betroffenen beschäftigen.

Bild: Google Trends

Die einzige umfassende Studie zur Trypophobie wurde 2013 in der wissenschaftlichen Zeitschrift Psychological Science unter dem treffenden Titel „Fear of Holes" veröffentlicht. Die Studie machte einen spezifischen visuellen Reiz aus, der dafür verantwortlich sein soll, dass viele von uns trypophobische Bilder so schrecklich finden.

Die beiden Psychologen Arnold Wilkins und Geoff Cole vom Centre for Brain Science der University of Essex behaupten, dass Lochmuster und ihre Abwandlungen ein wesentliches Merkmal mit einigen der tödlichsten Tieren der Welt gemeinsam haben. Unsere Angst, so der Erklärungsansatz der Psychologen, ist also keine bewusste Reaktion auf ekelerregende Bilder, sondern ein uralter Verteidigungsmechanismus gegenüber Kreaturen, die uns gefährlich werden könnten.

Zwar haben Skorpione und Giftschlangen nicht wirklich viel mit Lotussamen oder schweizer Käse gemeinsam. Auf spektraler Ebene aber, so die Erkenntnis der Studie, sind all diese Strukturen bei mittlerer Ortsfrequenz sehr kontrastreich. Der erhöhte Kontrast und die Detailtiefe auf trypophobischen Bildern bewirken, dass ihre Verarbeitung physiologisch gesehen anstrengend für das Gehirn ist.

Menschen reagieren also besonders sensibel auf trypophobische Bilder, da ihre Zusammensetzung unangenehm für das Auge ist. „Man könnte die Bilder einer Fourier-Analyse unterziehen und somit herausfinden, aus welchen Ortsfrequenzen das Bild besteht und welche Frequenz welche Amplitude hat", erklärte mir Wilkins. „Unangenehme Bilder haben tendenziell eine andere Funktion und zu viel Energie bei mittlerer Ortsfrequenz. Hier ist das visuelle System am empfindlichsten."

Beispiele niedriger versus hoher Ortsfrequenz. Bild: New York University/Michael Landy

Doch woher könnte diese neurologische Reaktion des menschlichen Körpers stammen? Eine These könnte sein, dass eine schnelle Reaktion des Menschen auf Tiere mit diesem bestimmten optischen Muster in der frühen Evolutionsgeschichte ganz klar ein Vorteil gegenüber Artgenossen gewesen wäre. Die sofortige Verarbeitung dieser wahrgenommenen Gefahren—wie Schlangen oder sogar infektiöser Hautverletzungen—könnte so die Überlebenschancen erhöht haben und wäre dementsprechend genetisch vorteilhaft. Trypophobie ist purer Zufall.

Doch Wilkins warnt, dass es stets ein riskantes Unterfangen sei, Erklärungen für heutiges Verhalten in der Evolutionspsycholgie zu suchen. „Es ist wirklich schwierig, wenn nicht gar unmöglich, gewisse Evolutionstheorien zu überprüfen, auch wenn sie noch so verlockend sind", fügte er hinzu.

Trotzdem wurden in der Vergangenheit immer wieder kontroverse evolutionspsychologische Erklärungen bemüht, um verbreitete Phobien zu erklären, wie beispielsweise die Ophidiophobie—also die Angst vor Schlangen. Ähnlich wie in Wilkins Studie über Trypophobie wurde für ein Paper, das in der Association for Psychological Science veröffentlicht wurde, versucht herauszufinden, ob Menschen einen besonders schnellen Erkennungsmechanismus für Schlangen herausgebildet haben. Das würde dafür sprechen, dass manche Menschen eine angeborene Angst vor Schlangen haben. Die Autoren der Studie fanden heraus, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder Bilder von Schlangen schneller als andere Gegenstände erkennen.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine erhöhte Aufmerksamkeit für Objekte wie Schlangen—die meine Studie aufzeigt—eine Angst vor Schlangen begünstigen könnte. Diese Angst muss aber zuerst erlernt werden. Kleinkinder und Kinder haben noch keine Angst vor Schlangen", erzählte Vanessa LoBue, die Mitautorin der Studie und derzeitige Assistenzprofessorin an der Rutgers University in New Jersey, gegenüber Motherboard.

LoBues Forschungsansatz sorgte jedoch unter Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinschaft für einige Kritik. Sie bemängelten, dass die Studie eine im Zuge der evolutionären Adaption entstandene „allgemeine" Angst vor Schlangen voraussetze, statt die komplexen persönlichen Einstellungen der Menschen gegenüber Schlangen zu untersuchen.

Ein blaugeringelter Kraken. Bild: Wikipedia

Der Anthropologe Greg Downey äußerte sich folgendermaßen über die Studie: „Warum ich mich über diese Studie so aufrege? Es ist vor allem der evolutionspsychologische Ansatz: Erkenne etwas normatives im Alltag, nimm an, dass es allgemeingültig ist, und denk dir dann eine simple Evolutionsgeschichte dazu aus, die das eigene normative Konstrukt ‚erklären' soll."

Außerdem belegen selbst die Ergebnisse aus LoBues Studie, dass kein Mensch von Geburt an Angst vor Schlangen hat. Ganz im Gegenteil. Sie fand heraus, dass Kleinkinder im Alter von 18 bis 36 Monaten reges Interesse an Schlangen zeigen, und manchmal sogar regelrecht von ihnen angezogen werden.

Sowohl Trypophobie als auch Ophidiophobie sind irrationale und sehr gängige Phobien. Vielleicht suchen wir Menschen gerade deswegen nach einer Erklärung für diese Ängste, weil sie so weit verbreitet sind. Und es ist auf jeden Fall deutlich einfacher, sich einen einzigen Evolutionsaspekt als Begründung für eine Phobie rauszupicken, als alle einzelnen sozialen Faktoren zu untersuchen, die die Angst geformt haben könnten.

Die von Trypophobie Betroffenen werden es ohne Hilfe eines Therapeuten oder Arztes wohl kaum schaffen, ihre Angst zu überwinden. Laut der Mayo Clinic werden manchmal Medikamente wie Betablocker oder Antidepressiva verschrieben, mit denen man wohl die Sypmtome diverser Phobien kontrollieren kann. Eine langfristige Überwindung der Ängste sei aber nur durch eine kognitive Verhaltenstherapie möglich.

Es scheint also, als sei Trypophobie wie sie uns heute begegnet sowohl ein Nebenprodukt der Biologie als auch des viralen Potenzials des Internets.

„Das Internet macht es den Menschen überall auf der Welt möglich, ihre Erfahrungen und somit auch bestimmte Symptome mit anderen zu teilen. Dadurch erkennen Menschen mit seltenen Leiden, dass sie nicht alleine sind", sagte Wilkins. „Die Trypophobie wurde höchstwahrscheinlich von einigen der mit Photoshop bearbeiteten Bilder deutlich verschlimmert. Trotzdem ist die Phobie sicherlich nicht nur ein Internetphänomen. Viele Patienten haben uns Geschichten über ihre Erfahrungen mit der Angst vor Löchern erzählt, die sich ereignet haben, als es das Internet noch nicht gab."