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Die furchtbarsten Dinge, die es auf Amazon zu kaufen gibt

Die ganze käufliche menschliche Dystopie von Makkaroni-Knöpfen bis Zyanid-Pillen.

von Rachel Pick
13 Januar 2016, 11:48am

Titelbild: The Worst Things for Sale 

Jeder, der lange genug im Internet unterwegs war, stolpert irgendwann einmal über die Werke von Drew Fairweather. Entweder landet er bei seinem Langzeit-Comic Toothpaste for Dinner oder der Seite Married to the Sea, wo Fairweather zusammen mit seiner Frau Natalie Dee nostalgische Illustrationen mit neuen Bildunterschriften schmückt. Und da Fairweather sich nun schon seit den Urzeiten des Internets in den virtuellen Weiten des Webs herumtreibt, hat er sich nicht nur eine erstaunliche Fanbase aufgebaut, sondern auch viele Nachahmer inspiriert.

Für sein aktuelles Projekt The Worst Things for Sale kramt er nach den miserabelsten und fragwürdigsten Angeboten, die Amazon so zu bieten hat. Beim Betrachten seiner ansehnlich kuratierten Ansammlung nutzloser und beleidigender Produkte, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wer für solch einen Plunder überhaupt Geld ausgibt.

Motherboard: Was hat dich dazu inspiriert, den Blog ins Leben zu rufen? Gab es ein besonders scheußliches Teil, das die ganze Sache ins Rollen gebracht hat?

Drew Fairweather: Ich habe erst einfach nur Links von fürchterlichen Dingen, die ich online gefunden habe, bei Twitter gepostet. Irgendwann dachte ich, es würde noch viel mehr Spaß machen, in einem längeren Format darüber zu schreiben. Im Jahr 2012 habe ich dann damit angefangen und befülle die Seite seitdem täglich.

Bild: The Worst Things for Sale

Was sind denn einige deiner Lieblingsscheußlichkeiten?

Der Mac'n'Cheese-Button fasst die Essenz vieler Scheußlichkeiten ganz gut zusammen. Du bezahlst fünf Dollar für einen Schalter. Der verbindet sich mit deinem W-Lan und wenn du ihn drückst liefert dir Amazon das Macaroni-and-Cheese-Dinner nach Hause. Es gibt dutzende Produkte dieser Art wie zum Beispiel Reinigungsmittel, abgefülltes Wasser, Mülltüten und so weiter. Der Makkaroni-Button erscheint mir jedoch als der dystopischste Gipfel dieser Überflüssigkeiten.

„Die Produkte sind ein globales sich selbst erhaltenes emotionales und ökonomisches Problem."

Ein armer Arbeiter sitzt vermutlich irgendwo in einem Billiglohnland und schraubt die kleinen Leiterplatten in dem Button zusammen und testet ihn. Ein Kraftwerk in der Nähe stößt dunklen anthrazitfarbenen Kohlenrauch aus, während ein Techniker für integrierte Schaltkreise im angrenzenden Gebäude eine Siliziumscheibe mit Flusssäure ätzt und dafür 60 Cent die Stunde bekommt. Und das alles, nur damit du einen Knopf drücken kannst, anstatt deinen Computer zu benutzen oder drei mal auf dein Tablet zu tippen. Alles nur für Makkaroni mit Käse.

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Als ich den Button auf Twitter und Facebook postete, bekam ich allerdings ziemlich aufschlussreiche Antworten, die zeigen, warum es solchen Kram nun mal gibt. „Aber Makkaroni und Käse sind großartig", schrieben mir die Leute.

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Wie entdeckst du deine liebsten Produkte? Wie läuft dein Suchprozess im Shopping-Dschungel ab?

Alle Produkte, die ich poste, finde ich auf Amazon. Dort gibt es so ziemlich jedes Konsumgut und somit natürlich auch die grässlichsten Dinge. Es geht mir aber nicht darum, einfach neue Dinge oder die perfekte Verkörperung des platonischerweise idealen „Schlechtesten" aufzuspüren. Die Sachen müssen schon etwas über die Menschheit aussagen.

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Ein Plastikteil ist ein Plastikteil, aber irgendjemand scheffelt dadurch zwei Milliarden Euro überschüssiges Kapital auf sein Bankkonto und eine Armada asiatischer Arbeiter muss das Produkt für wenige Cent herstellen. Dann gibt es den Konsumenten, der das kauft und vielleicht noch einen weiteren armen Tropf, der das als Geschenk bekommt. Irgendjemand muss die Sachen im Einzelhandel auch noch ins Regal stellen und wieder andere nehmen das Produkt aus einem Regal in einem riesigen Lager, um es zu verschicken. Wer sind diese Menschen? Was denken sie? Was sagen all diese komplexen Handelsketten über die Gesellschaft aus, in der wir leben?

Deswegen fasziniert mich ich ein Waschbecken, das aus seinem Abflussloch bunte Lichtstrahlen schießt, wesentlich mehr als reine Überflüssigkeiten wie ein Halloweenkostüm für Hunde oder sowas. Meine zusammengestellten Produktlisten sollen einen Denkprozess anstoßen, der auf die Auswirkungen dieser Objekte hinweist.

Hast du jemals eins dieser Dinge als Geschenk bestellt?

Für mich wäre es moralisch oder zumindest ethisch nicht in Ordnung, die Produkte, die ich auf meiner Seite poste, selbst zu kaufen.

Bild: The Worst Things for Sale

Denkt ein kleiner Teil von dir vielleicht auch, dass es irgendwie schön ist, dass diese schrecklichen Dinge existieren und jemand sie besitzt?

Überhaupt nicht. Der Punkt, auf den ich mit meinen Bildern und den dazugehörigen Texten hinaus will, ist, dass uns unser Glück Stück für Stück von Industrie und Arbeitswelt genommen wird und uns in der Konsumgesellschaft als Profit zurück verkauft wird. Ich fühle mit den sieben Milliarden Menschen auf unserer Welt, die versuchen, ihre eigene Traurigkeit und Einsamkeit durch den Kauf von Produkten zu stillen. Die Produkte selbst sind ein globales sich selbst erhaltenes emotionales und ökonomisches System—und ein Problem für unsere Welt.

Welches deiner Scheußlichkeitsprodukte hat dich am meisten verärgert?

Die Produkte selbst machen mich nicht wütend. Sie haben schließlich nicht danach gefragt, hergestellt und verkauft zu werden. Aber die Personen, die medizinischen Betrug begehen, das sind die schlimmsten. Menschen, die es ausnutzen, wenn andere sich keine Krankenversicherung leisten können oder auf Grund einer akuten oder chronischen Erkrankung keine logischen Entscheidungen treffen und dir das Geld aus der Tasche ziehen. Es gibt Mütter, die autistischen Kindern Bleiche zu trinken geben, und Menschen, die Zyanid-Pillen gegen Krebs einnehmen. Am liebsten würde ich täglich etwas über solchen Betrug posten, aber die meisten Leute lachen lieber über Hosen, die so aussehen als hättest du dich eingekackt.

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