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Lügen-Facebook: AfD ändert Post neun Mal und entlarvt eigene Scheinheiligkeit

Die Hamburger AfD hat gerade bewiesen, dass sie definitiv nicht den Social-Media-Führerschein gemacht hat.

von Johannes Hausen
11 Mai 2016, 12:44pm

Foto: Screenshot Facebook/ AfD Hamburg

Die AfD Hamburg hat binnen weniger Tage zwei Dinge eindrucksvoll demonstriert: Zum ersten hat bisher wohl niemand in dem nordischen Landesverband seinen Social-Media-Führerschein gemacht und zum zweiten scheint man sich parteiintern sehr unsicher ob der eigenen Position zur Kunst- und Meinungsfreiheit zu sein.

Die eigene Demontage begann mit einem Facebook-Post am 6. Mai um 21 Uhr. In diesem tut die AfD Hamburg ihren Unmut darüber kund, dass auf dem Hamburger Hafengeburtstag „linksextremistischer Pöbel gegen die #AfD hetzt"—angeblich angestachelt durch die Punkband Slime und das mit der Billigung durch den Hamburger Senat. Hier ein Screenshot des Originalposts:

Dazu postete die Partei ein Video von einer der Bühnen auf dem Hafengeburtstag. Auf dieser stimmt eine Band folgenden Gesang an, den die Menge dann textsicher vollendet: „Ganz Hamburg hasst die AfD."

Anscheinend war man bei der AfD Hamburg noch immer darüber verärgert, dass zuvor ein Verbotsantrag gegen einen Auftritt von Slime auf dem Hafengeburtstag vom Hamburger Senat mit 98 zu 5 Stimmen abgelehnt worden war, und die Band auftreten durfte.

In all dem Groll hatte man aber anscheinend übersehen, dass Slime erst am 8. Mai auftreten würden und postete stattdessen ein Video von einer anderen Band (statt Slime stehen hier nämlich Swiss & Die Andern auf der Bühne). Und so wurde der ursprüngliche Facebook-Post einen Tag später minimal abgeändert: Aus „Die Band #Slime stimmt verunglimpfende Gesänge an" wurde „Eine linksextreme Band stimmt verunglimpfende Gesänge an."

So schön, so gut: Niemand wird der AfD vorwerfen, dass sie sich nicht mit linkem Punkrock auskennt. Auch die Tatsache, dass man Hashtags eher auf Twitter als auf Facebook benutzt… geschenkt. Doch da man nun schon mit der Bearbeiten-Funktion eines Facebook-Posts warm geworden war, folgten auf diese minimale Änderung bis Montagabend noch sieben weitere—und die hatten es in sich. Vom Ursprungspost ist nicht mal mehr das Gerippe übrig. Dumm nur, dass jede Änderung, die eine Facebook-Seite an ihren Posts vornimmt, gespeichert wird und öffentlich einsehbar ist. Und so lässt sich der schleichende Sinneswandel im Social-Media-Team der AfD Schritt für Schritt, schwarz auf weiß nachverfolgen (im Originalpost einfach auf „Bearbeitungsverlauf anzeigen" klicken).

Foto: Screenshot Facebook/ AfD Hamburg

Und so wurde aus einem hässlichen

„Linksextremistischer Pöbel hetzt gegen die #‎AfD. Die Band #‎Slime stimmt verunglimpfende Gesänge an, wohl wissend das sie von den anwesenden linken #‎Extremisten vervollständigt werden."

innerhalb von drei Tagen ein niveauvolles

„Die AfD ist für die Freiheit der Kunst und freie Meinungsäußerung – auch wenn diese gegen uns gerichtet ist, oder uns nicht gefällt. Das war so und wird immer so bleiben."


Wie war es dazu gekommen?

Nachdem man sich bei der AfD also zunächst unsicher geworden war, ob es sich überhaupt um Slime handelte, folgte am 8. Mai um 13:54 Uhr dann die zweite Korrektur. Vielleicht standen ja auch gar keine linken Extremisten im Publikum:

Aus den „linken Extremisten" wurden schlicht „Anwesende". Die ursprüngliche Überschrift (Linksextremistischer Pöbel hetzt gegen die ‪#‎AfD.") verschwand gleich mit.

Zu diesem Zeitpunkt kippte dann auch die Stimmung in den Kommentarspalten des Posts. Nachdem zunächst diverse AfD-Anhänger Begeisterung für den Post zeigten und mitunter verschwörungstheoretische Erklärungen für die Situation vor der Bühne kredenzten („Das ist doch alles bezahlter Pöbel von den so genannten Volksparteien"), kam von hier an langsam Widerspruch.

Nachdem sich dann schließlich die Band Swiss & Die Andern—die auch in dem Video zu sehen ist, das die AfD gepostet hat—in die Diskussion einschaltete, begann ein regelrechter Shitstorm.

08. Mai, 19:42 Uhr, mittlerweile vierte Änderung des Textes: Die Social-Media-Redakteure der AfD Hamburg entdecken bit.ly. Man fügt außerdem folgenden Passus hinzu, um die Ernsthaftigkeit des Anliegens zu untermauern:

Eine Vielzahl der Musikgruppen und deren Organisationen findet Erwähnung in den Berichten der Verfassungsschutzbehörden der Länder und der entsprechenden Bundesbehörde.

08. Mai, 22:55 Uhr, sechste Änderung des Textes. Die AfD redet nun doch statt „Bands" wieder von „linksextremen Musikgruppen" auf dem Hafengeburtstag. Zwei Stunden später abermalige Änderung des Posts, um „dass" mit zwei s zu schreiben.

09. Mai, 11:53 Uhr, plötzlicher Sinneswandel bei der AfD Hamburg. Man entscheidet sich dafür, sich demokratisch und tolerant zu geben.

Die AfD ist für die Freiheit der Kunst und freie Meinungsäußerung – auch wenn diese gegen uns gerichtet ist, oder uns nicht gefällt. Das war so und wird immer so bleiben.

Dass letzterer Satz allein durch den einsehbaren Bearbeitungsverlaufs des Posts demaskiert wird, scheint die Administratoren nicht zu stören.

Auch die Kritik am Musikprogramm des Hafengeburtstags fällt auf einmal sehr vorsichtig aus:

Doch was wir hier auf dem Hafengeburtstag an so manchen künstlerischen Darbietungen gesehen haben, ist merkwürdig: Wir dachten, auf so einem eigentlich friedlichen Fest geht es nicht um Hass?

Angesichts von mittlerweile rund 300 Kommentaren, die größtenteils den Post der AfD und diese als Partei kritisieren, sieht sich die AfD Hamburg nun anscheinend als Opfer:

Wir fragen euch: Warum hasst ihr die AfD und nicht etwa die FDP oder die Grünen oder die SPD? Warum nicht etwa Merkels verkorkste Europolitik? Oder Merkels Türkei-Deal, der das Flüchtlingselend kein Deut verbessert? Wir sind gespannt auf sinnvolle Antworten!

Nun, da lässt sich die geneigte Facebook-Leserschaft nicht lumpen. Nachdem die AfD Hamburg vorbildlich in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt hat, wie sehr die Partei die Kriterien beherzigt, die eine Facebook-Seite zur vermeintlichen „Lügenpresse" machen und nebenbei einen unterhaltsamen Einblick in den parteiinternen inhaltlichen Diskurs gegeben hat, kann sie nun auf Facebook in Ruhe in den folgenden „sinnvollen Antworten" stöbern.

Das, was gerade auf eurer Facebook-Seite passiert, liebe AfD Hamburg, nennt man dann wohl Streisand-Effekt.

Eine noch detailliertere Chronologie der Post-Bearbeitung hat Künstler und Journalist Michel Abdollahi auf seinem Blog vorgenommen.

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