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Trettmanns Tourtagebuch Part 2 – Unterwegs mit Bonez MC & Raf Camora

"Als ich den Catering-Raum passiere, sehe ich, wie Maxwell und Bonez die schreienden Fans durchs offene Fenster mit Süßigkeiten und Chips bewerfen – äh, versorgen …" - Trettmanns Erlebnisse von der 'Palmen aus Plastik'-Tour.

von Tretti Trettmann
20 April 2017, 1:51pm

Fast alle Fotos: Trettmann

Raf Camora und Bonez MC waren auf großer 'Palmen aus Plastik'-Tour. Die Hallen waren groß, der Ticketstand bewegte sich immerzu zwischen "ausverkauft", "zzt. nicht verfügbar" und "vielleicht gibt es noch zwei bis drei an der Abendkasse ... Wenn du Glück hast".

Mittendrin: TRETTMANN. Der based Adriano Celentano machte jeden Abend den Anheizer – eine mehr als gute Wahl, wie wir aus eigener Trettmann-live-Erfahrung wissen. Für Noisey hat er zu Stift, Papier und Kamera gegriffen, um für euch den täglichen Palmen-Wahnsinn einzufangen ... Und fliegen zu lassen!

(Lest hier den ersten Teil seines Tagebuchs.)

Tag 8

Nach zwei Tagen Pause geht es heute weiter in Hannover. Der Sommer-Marschbefehl stand ja noch, daher hab ich die Winterjacke zu Hause gelassen und frier erstmal ordentlich ab, als ich am Bahnhof ankomme. Ich nehme mir ein Taxi zur Swiss-Life-Hall. Das Venue ist ausverkauft und mit 5200 Gästen 'ne ganz schön große Nummer. Als ich ankomme, sind schon alle am Start. Ich freu mich alle wiederzusehen, aber das ist bei diesem harmonischen Team auch kein Wunder. Ich setz mich in meinen Backstage und bin gerade am Wickeln, da kommt LX rein und schenkt mir erstmal 'n Bud Weed ... Was für 1 Leben! 

Ich link die Band in ihrer Garderobe und check die Vibes. Fabian, Daniel und Nvie Motho sind gut drauf, vertreiben sich die Zeit bis zum Auftritt mit Anekdoten, Herbs und etwas Fitness. Die beiden ersteren sind auch bekannt als die "Twintowas". Die Körpergröße "Michael Jordan" der Zwillinge erklärt alles. Der eine spielt Gitarre, der andere Schlagzeug und so tingeln die beiden Söhne eines bekannten Jazzmusikers, seit den frühen 2000ern als Begleitung verschiedenster HipHop-Artists durch deutschsprachige Gefilde. Nvie Motho, der DJ der PaP-Tour, eigentlich bekannt als Produzent (z. Bsp. Zugezogen Maskulin, Gerard, Chefket), ist Musical Director der Tourband. Er feuert die Backups, Samples und EFX von seinem Podest aus ab. Zusammen sind die drei funky drauf und man kann gut mit ihnen abklemmen und nächtelang im Nightliner über Musik philosophieren.

Die Show kann heute mal wieder alles. Die volle Halle macht und hat Spaß und alle kommen auf ihre Kosten! Nach dem Konzert feiern wir noch wie üblich im Backstage. 1 Uhr dann Abfahrt und siehe da: Wir haben einen neuen Bus! Es ist ein moderneres Modell und sieht von außen recht schnittig aus. Auch drinnen hat man im oberen Deck vorn und hinten zwei kleine Lounges, in denen sich vorzüglich chillen lässt. Ich interview Holger, unseren Fahrer zum neuen Nightliner, aber er schwört auf den Vorgänger, denn der ließe sich einfacher fahren und all die Schalter und blinkenden Lichter neben dem Lenkrad, wären eh nur Firlefanz.^^

Tag 9

Entgegen aller, letzte Woche gefassten, Vorsätze, hab ich auf der Fahrt nach Würzburg wieder nicht geschlafen … Mir fällt es irgendwie schwer mich loszueisen, wenn Musik und Vibes so stimmig sind und uns die Themen nicht ausgehen. Naja, wenigstens nichts getrunken und so fröne ich statt dem Kater nur dem Schlafdefizit. Als wir ankommen, nutze ich die Zeit, um ausgiebig zu frühstücken und in Ruhe zu duschen. Dann pennen bis zum Soundcheck. Geweckt werde ich von 187-Sprechchören. Ich zieh mir die 3000er Halle rein und verabrede mich mit meinem Backup DJ Hugo Bass zum Soundcheck. Als ich den Catering-Raum passiere, sehe ich, wie Maxwell und Bonez die schreienden Fans durchs offene Fenster mit Süßigkeiten und Chips bewerfen - äh, versorgen … Der ein oder andere Teller zerscheppert auf dem Asphalt. Alle müssen lachen.

video

Ich bekomme langsam eine Ahnung davon, was es heißt "bekannt" zu sein. Überall wo man auftaucht, bilden sich Menschentrauben und man kann sich nur noch von Celly zu Celly bewegen. Abgefahren. Gzuz ist heute nicht dabei. Er ist zum Echo gefahren und tritt dort auf. Eventuell nimmt er auch einen entgegen … Mal schauen ;) Die Masse in Würzburg ist gut drauf. Sie feiern Joshi hart, sie feiern auch mich und sie feiern vor allem PaP. Als ich wieder zur Bühne gehe, denn gleich kommt "Vaporizer", hör ich, wie Raf gerade all die gesponserten Drinks erwähnt. Bonez meinte noch: "Jetzt macht Alkoholiker sein auf einmal Sinn." Ich muss immer noch feixen, als ich auf die Bühne springe.

Nach der Show ist heute für mich Feierabend. Ich glaube, ich bin auf der ganzen Tour noch nie so früh schlafen gegangen. Gute Nacht!

Tag 10

Heidelberg, die Wiege des deutschen Sprachgesangs, gibt sich Mühe. Das Venue, eingerahmt von den umliegenden Bergen, erstrahlt in der Morgensonne. Ich begebe mich ins Backstage und bin überrascht, wie schick es hier ist. Insgesamt erinnert alles eher an geschmackvoll eingerichtete Wohnungen, als an Garderoben im Kellergeschoss.

Hadi El-Dor schaut vorbei und lädt uns alle zum Essen ein. Ich verzichte dankend, ärgere mich aber später, als ich sehe, was Bonez da an Tellern auf Instagram teilt.

Foto: Bonez MC

Ein Gag ? Ok. Leanbanon (Copyright Bonez MC).

Später trifft Serdar aka DJ Razé noch ein. Ihn hatte ich in Berlin kennengelernt, wo er nach meiner Show im Prince Charles ein Hammer Set hingelegt hat. Er ist außerdem ein passionierter Brillensammler und verschenkt die schönsten Modelle an befreundete Artists. Auch ich bekomme eine ab. Sie steht mir ausgezeichnet, wie ich finde.

Mit Platz für 1200 Leute ist die Halle die bisher kleinste auf der Tour. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Bigup Heidelberg! Das war Spitze!

Tag 11

Ich muss heute leider aussetzen, denn ich spiele eine Show mit Megaloh im Mojo Club. Da von Heidelberg kein Zug mehr geht, fahre ich im Nightliner bis nach München und springe dort am Morgen in den Zug Richtung Hamburg. Am Folgetag fahr ich in die Heimat und erhole mich für zwei Tage in Leipzig. Deshalb an dieser Stelle nur dieses Bild von drei freundlichen jungen Herren.

Tag 12

Im Zug nach Oberhausen treffe ich Arvid, den freundlichen Videomann aus Leipzig / Connewitz. Er hat einen Dreh in Bremen und so chatten wir bis Hannover über unsere Stadt und dies und das. Heut ist irgendwie alles nice mit der Deutschen Bahn. Ich kriege meinen Anschlusszug, das Abteil ist nicht überfüllt und im Bistro schenkt mir die Stewardess ihren privaten Pfefferminztee.

Ich komme gerade noch rechtzeitig zu meinem Soundcheck in der Turbinenhalle an. Ein großer Industriebau, der von vergangenen, florierenden Zeiten der Stahlindustrie zeugt. Schnell füllt sich die Halle mit Scharen von Fans und als ich nochmals zum Merchstand gehe, werde ich aufgehalten und komm erst wieder los, als ich meine "Playlist"-Hook vom Kalim-Album in mehrere Telefone singe.

Die Show am Abend läuft wie von selbst. Nach fast zwei Wochen Tour sitzt einfach alles perfekt. Es ist das Zusatzkonzert, doch das merkt man der Crowd nicht an. Alle geben alles.

Da es zwei Dates in Oberhausen sind, haben wir wieder Hotel. Ich scheiß inzwischen auf alle Vorsätze und geh mit dem Flow. Wieder versack ich mit der Band und wir spielen uns bis zum Morgen Musik vor. Nach drei Stunden Schlaf begebe ich mich zum Bahnhof und steig in den Zug Richtung Kiel, denn dort spiele ich heute einen eigenen Gig. Das Booking stand schon seit letztem Herbst und ich kann meine Fans einfach nicht hängenlassen…

Tag 14

Zwei Tage später im Velodrom in Berlin. Es ist das größte Venue der ganzen Tour, ein eindrucksvoller Bau, mit 9000 Gästen und einer Radrennbahn, die rundherum durch die Ränge führt. Ich muss immer wieder Anlauf nehmen, um von der Bühne zur Garderobe, von dort zum Catering oder zum Produktionsbüro zu finden und werde das Gefühl nicht los, dass die an den Türen stehenden Secu's sich über mich lustig machen, wenn ich wieder mal in die falsche Richtung laufe. Langsam komme ich mir vor, wie die Metalband Spinal Tap aus gleichnamigem Film oder Fraktus, die sich auf ihrem Weg zur Bühne im Labyrinth verlaufen. ^^

Nach dem Essen gönne ich mir heute eine Massage, denn wir haben zwei freundliche Masseure am Start, die ihr Handwerk verstehen und die ganze Bande wieder auf Vordermann bringen. Danach link ich Awhodat – KitschKrieg Member und verantwortlich für meine Fotos und Videos. Sie ist gut drauf und ich irgendwie froh, mal wieder ein weibliches Wesen an meiner Seite zu haben, nach zwei Wochen im Alpha-Rudel.

Ich weiß auch nicht warum, aber Berlin gibt mir heute die richtige Energie. In meiner Wahrnehmung kommt mein Warm Up hier am besten an. Ich lass die ganze Halle springen, shouten und mitsingen, bei so vielen Leuten ein unfassbar krasser Turn Up. Danke dafür!

Auch die anderen reißen hart ab. Wahnsinn! Bis dato der beste Abend der Tour für mich. Und als der ganze Spuk dann nach zwei Stunden vorbei ist, muss ich Backstage weiter feiern, weil ich immer noch so hype bin. Ich treff' Dendemann und andere und wir alle ham' ne gute Zeit bis unser Nightliner am Morgen Richtung Leipzig rollt.

Tag 15

Ich hab' mir vorgenommen wach zu bleiben und nach Hause zu fahren, wenn unser Bus am Leipziger Felsenkeller ankommt. Doch leider müssen wir unterwegs eine Pause machen, da unser Parkplatz noch nicht frei ist und so ist es schon 10 Uhr, als ich endlich in meiner Butze eintrudel und ins Bett falle. Mein Schlafrhythmus ist inzwischen vollkommen durcheinander und so penn' ich nur gefühlt 3 Stunden, bis ich mich wieder auf den Weg zum Soundcheck mache. Big Up an der Stelle an meinen Körper, der seit Februar auf Tour ist und mich, bis auf einmal, nicht hängen lässt! Meine größte Sorge war auch, dass die Stimme irgendwann versagt, denn ich hab' noch nie so viele Shows hintereinander gespielt. Doch bisher alles im Lot, wenn es sein muss, funktioniere ich.

Ich bin zwar Leipziger, doch war noch nie im Felsenkeller. Ein Saal, der auch eher an Partys der 60iger erinnert. Der Sound ist proper, doch die Bühne sehr klein, so dass wieder mal das abgespeckte Bühnenbild zum Einsatz kommt. Es gibt nur einen Backstageraum und so verteilen sich die Artists und Entourage auf Busse und Zelt vor dem Hintereingang. Dort treffe ich auch Omik K und Big A, beide gestandene Rapper aus meiner Heimatstadt und erstatte ihnen Bericht über die Tour.

Dann geht es auch schon los. Der Felsenkeller ist ausverkauft und die erste Reihe gefüllt mit Leipziger Hotgirls. Das Publikum textsicher und in wilder Feierlaune. Irgendwie vermisse ich die hiesige Dancehall Family aber kann mir auch vorstellen, dass die Karten für so ein kleines Venue einfach zu schnell vergriffen waren. Ich geh nochmal bei "Vaporizer" auf die Bühne und schnapp mir dann das nächste Taxi, denn ich bin inzwischen todmüde.

Tag 16

Die Sonne lacht über Hamburg, als ich am nächsten Tag zu den beiden finalen Shows der Tour in der Heimatstadt der 187er eintreffe. Ich nehm' mir ein Taxi zur Sporthalle und bin pünktlich zum Soundcheck auf der Bühne.

Ich sitze gerade beim Essen, als Bonez mit seinem Vater vorbeiläuft und uns einander vorstellt. Er nennt mich einen "aufstrebenden Künstler" und ich fühle mich geehrt. Auch die Familien der anderen sind heute mit von der Partie und ich denk mir noch, dass sich bestimmt alle extra Mühe geben werden, bei so einem Heimspiel.

Als ich auf die Bühne komme, sehe ich ein Meer aus tausenden Fans. Meine Show läuft gut und die Crowd ist wohlwollend, doch ich fühle auch, dass sie endlich ihre lokalen Helden sehen wollen. Als es dann soweit ist, explodiert die Halle …. 7500 Leute, ein historischer Abend!

Irgendwann während der Show bittet Bonez das Publikum, sich umzudrehen und seinem Vater in der Familienlounge zu winken und irgendwie erfüllt es mich in diesem Moment auch mit Stolz, zu sehen, wie weit die Jungs doch gekommen sind.

Nach dem Konzert treffe ich zufällig Haiyti und Joey Bargeld, samt Anhang. Ich lade alle zu mir in den Backstage ein und wir chillen zusammen bis uns die Secu's rausschmeißen. Später im Nightliner, es ist schon 4 Uhr, stoß ich auf Momo, Roberto und Hugo Bass, alle todeshungrig, ohne Nahrung. Nachdem sich alle Bestelldienste als wack herausstellen, begebe ich mich zusammen mit Hugo auf eine abenteuerliche Odyssey Richtung Tankstelle. Außer zwei Polizeischulen, links und rechts neben der Sporthalle, befinden wir uns quasi im Nichts. Doch nach drei Polizeikontrollen und einer chaotischen Taxifahrt, kehren wir irgendwann mit viel zu viel Süßkram und belegten Brötchen für ein ganzes Fußballteam zurück und retten Leben.

Tag 17

Letzter Tourtag in Hamburg. Ich genieße noch einmal den gesamten Ablauf, von Frühstück über Soundcheck, hin zum Flexen vor der Show. Ich hab das zwar alles seit zwei Wochen durchexerziert, doch bin unmittelbar vor meinem Auftritt nicht weniger hype, als all die anderen Male zuvor. Noch einmal fahr ich mir das Warm Up von Karmo Kaputo und Joshi Mizu rein und stelle fest, wie gut sie ihren Job gemacht haben. Ich glaube, wir alle drei haben massiv dazugelernt und Dank der PaP- Tour 'n Haufen neuer Zuhörer gewonnen. Ich geh zur Bühne und stöpsel die In Ears rein. Big Up Simon, verantwortlich für's Monitoring, du bist der Don! Mein geliehener Tour-DJ, Hugo Bass kündigt mich wie immer souverän an und backt mich stabil an den Turntables. Danke Bruder! 

Danke auch an Muh, der King Tubby am FOH! Ich konnte zwar nie selber hören, welche Delays und Effekte du auf meine Stimme knallst aber hatte immer ein gutes Gefühl. Überhaupt haben alle aus der Crew ihr Bestes gegeben: Mitch, verantwortlich fürs Bühnenbild, Gunnar, unser Lichtmann, sowie Momo, Sven, Markus und auch unsere Fahrer. Alle Top! Nicht zu vergessen die Merch Crew: Roberto, Dorian und Rabihr! Nur Liebe für Gzuz, Maxwell, die Hightowas und Nvie Motto! Nach mir zerstören Raf und Onkel Bonez noch einmal die Halle … Und ich kann nur sagen: Ich hab' maximalen Respekt vor dem, was ihr für die Musik getan habt. Dank euch ist Dancehall hierzulande endlich ganz oben angekommen und ich bin glücklich dabei zu sein. <3


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