Wie sich der Eis-König von Beirut durch den Bürgerkrieg brachte
Libanon

Wie sich der Eis-König von Beirut durch den Bürgerkrieg brachte

Seit über 60 Jahren verkauft die Familie von Mitri Hanna Moussa Eis mitten im christlichen Viertel von Beirut, auch im Bombenhagel während des Bürgerkrieges. Schon morgens kommen die ersten Eishungrigen vorbei.
23.5.16

Mitri Hanna Moussa. Alle Fotos von der Autorin

Morgens halb zehn schaue ich bei Mitri Hanna Moussa im Laden vorbei, im Helwayat Al-Salam. Mit einem kleinen goldenen Spachtel füllt er bereits die ersten Waffeln mit Eis. Was irgendwie passend ist, denn sein Eis ist Gold wert.

Die ersten Kunden sind zwei stämmige Typen, die mit ihrem Land Rover vorfahren und ein schnelles Eis-Frühstück brauchen. Sie stellen ihr Auto direkt auf dem Bordstein vor dem Geschäft ab und blockieren den ganzen Verkehr, aber richtig in Eile scheint niemand zu sein. Während ich mit Mitri spreche, schauen Studenten, Soldaten und feinere Leute vorbei, um sich eine schnelle Dosis Eis zu geben.

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Mitris Eisladen in Aschrafiyya in Beirut

Mitten in Aschrafiyya, einem der nobleren Viertel in Beirut, versteckt sich der unscheinbare Eisladen in einem leicht heruntergekommenen Haus, dessen Wände mich Löchern gespickt sind, Zeugnisse des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990. Im einzigen Raum des Geschäfts stehen drei Tiefkühltruhen, ein Waschbecken, ein Ofen und ein kleiner Gasherd, auf dem in einem riesigen Aluminiumtopf Milch kocht. Draußen hängt leicht schief ein verwittertes Schild in arabischer Schrift. Seit 1949 existiert das Geschäft hier; Mitris Vater, Hanna Mitri Moussa, hat es damals eröffnet und schon bald nannte jeder den Laden nur noch „Hanna Mitri".

„Mit acht habe ich meinem Vater das erste Mal hier geholfen", erinnert sich Mitri. „Ich habe ihn immer unterstützt, aber später Wirtschaft studiert. Mit 25 oder 30 wollte ich dann wissen, wie man Eiscreme macht, warum wir das Eis so zubereiten, aber damals habe ich noch in einer Bank gearbeitet. Mein Chef hat mir an Ostern oder am Dreikönigstag Urlaub gegeben, damit ich im Laden aushelfen kann, weil es hier dann viel zu tun gab."

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In den ersten Jahren haben sie vor allem süßes Gebäck verkauft, davon bietet Mitri auch heute noch welches an. Zum Beispiel maakaroun, aus Mehl, Grieß und Gewürzen, die in Öl ausgebacken und dann in Zuckersirup getränkt werden. Die gibt es am Barbaratag, dem 4. Dezember. Dann gibt es noch Mürbekekse aus Grieß, maamoul, die mit Dattelpaste, Walnüssen oder Pistazien gefüllt werden und die es im ganzen Nahen Osten zum Fastenbrechen nach dem Ramadanoder zu Ostern gibt—letzteres gerade hier in Aschrafiyya, wo überwiegend Christen leben.

Mitri erzählt stolz, dass der Laden auch während des Bürgerkrieges nie geschlossen hatte, „auch nicht, als die Bomben hochgingen". Er erinnert sich noch, wie in seiner Straße drei Bomben explodiert sind, jede immer ein Stück näher als die andere, die dritte zerstörte dann das Auto der Familie und das ganze Glas im Laden zerbarst. „Wir haben alles sauber gemacht und weitergearbeitet." Dem Ofen, in dem Mitri jetzt seine Kekse backt, sieht man die Folgen heute noch an.

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Maamoul

Damals gab es im Winter Gebäck und Kekse, die Eiscreme nur im Sommer. „Vor gut 20 Jahren entschied sich mein Vater, auch im Winter Eiscreme zu verkaufen, weil die Leute immer wieder danach gefragt haben", sagt Mitri.

Es gibt acht Sorten, vier davon aus Milch, vier sind Sorbets. Das Milcheis ist etwas typisch Arabisches: Die Milch wird für ein, zwei Stunden mit sahlab und Mastix gekocht. Sahlab (auch sahlep genannt) wird aus den Wurzeln einer Orchideenpflanze, des Knabenkrauts, gemahlen. Das weiße Stärkepulver hat einen sanften Geschmack und hilft dabei, die Milch anzudicken. Mastix ist ein sonnengetrocknetes Harz eines Pistazienbaumes, das ursprünglich für Kaugummi verwendet wurde. Mitri importiert es aus Griechenland, um dem Eis eine cremig-klebrige Textur zu verleihen.

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Ansonsten gibt es Milcheis noch in den Geschmacksrichtungen Schokolade (richtig reichhaltig und schokoladig), Pistazie (eine zartes Grün, ein sanfter Geschmack, mit ganzen Nüssen) und croquant (total knusprig mit selbst gemachtem Mandelkrokant, eine der beliebtesten Sorten). Die Sorbets gibt es in den Sorten Rosenwasser, Zitrone, Erdbeere und Aprikose mit Pinienkernen.

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Je nach Saison macht Mitri auch andere Sorten, je nachdem welche Zutaten gerade vorhanden sind und wovon er sich inspirieren lässt. „Gerade gibt es Mango. Mein Cousin hat mir Mangos von der Elfenbeinküste geschickt, weil solche leckeren Mangos nicht mehr in den Libanon exportiert werden. Und wenn die Zutaten nicht passen, mache ich auch kein Eis daraus." Neben Mango gab es auch schon Blutorange, Melone, Erdbeer-Banane, Schokolade-Orange oder Kaffee-Nuss.

„Die Mandeln kommen aus Kalifornien, den Kakao importiere ich aus Europa. Früher habe ich syrische Pistazien genommen, aber wegen der Probleme dort beziehe ich sie jetzt aus Iran und die sind noch besser. Die Aprikosenpaste kommt aus Syrien, die Pinienkerne aus dem Libanon genauso wie die Zitronen. Das Rosenwasser wird extra für uns hergestellt. Das Eis mache ich noch so wie mein Vater früher", erzählt mir Mitri.

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2011 wurde sein Vater Hanna krank. „Er hat mitbekommen, wie viel Spaß mir der Laden bereitet und fragte mich, ob ich das Geschäft übernehmen will", erinnert sich Mitri. Dann hat er seinen Job bei der Bank gekündigt und sich vollständig dem Eis gewidmet. Hanna starb 2012, jetzt unterstützen Mitris Mutter und Aushilfe Fares Mitri im Eisladen.

Als ich ihn frage, ob seine Kinder das Eisgeschäft eines Tages übernehmen werden, zuckt er mit der Schulter und mein lächelnd: „Ich habe zwei Töchter und einen Sohn. Ob sie die Tradition fortführen? Wer weiß …"