Bienen bringen ihm den Frieden: Ein syrischer Imker in Kopenhagen
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Bienen bringen ihm den Frieden: Ein syrischer Imker in Kopenhagen

In Syrien hatte Aref Haboo 45 Bienenstöcke, nach seiner Flucht 2013 nach Dänemark kümmert er sich nun um Bienenvölker, die in den Parks und auf den Balkonen der dänischen Hauptstadt leckeren Nektar sammeln.
20 April 2016, 10:00am

Alle Fotos von Nikolai Linares

Vor drei Jahren hatte Imker Aref Haboo aus Syrien noch 45 Bienenstöcke in einem kleinen Dorf in der Nähe der türkischen Grenze. Jetzt—nachdem er aus dem kriegszerrütteten Land nach Dänemark geflüchtet ist—macht er immer noch Honig und kümmert sich um Bienenstöcke auf dem Dach des Rathauses von Kopenhagen und inmitten der blühenden Rabatten des Tivolis.

Zwei Monate dauerte seine Odyssey von Syrien nach Dänemark 2013. Er hat seine Familie zurückgelassen, ist durch die Wüste geflohen, hat in kalten, verlassenen Lagerhallen geschlafen und ist 35 Stunden lang in einem LKW-Container durch Italien gefahren. Das Einzige, was er bei sich hatte, waren sein Pass und Fotos seiner Bienen.

„Auf einem der Fotos umarme ich einen Bienenstock", erzählt der 42-Jährige mit grauem Haar und dunkelbraunen Augen. „Auf einem anderen ist mein Gesicht von Bienenstichen ganz angeschwollen."

Aref hat in Dänemark Asyl bekommen und zunächst als Praktikant bei Bybi angefangen, einem sozialen Unternehmen, das sich mit seinen Bienen für Artenvielfalt in Kopenhagen einsetzt.Sie produzieren und verkaufen hochwertigen Honig, wobei insbesondere benachteiligte Gruppen in den Herstellungsprozess einbezogen werden. Der Gründer von Bybi, Oliver Maxwell, träumt von einer Gesellschaft, in der alle Menschen einbezogen werden, genauso wie bei einem Bienenvolk.

„Gerade schlafen die Bienen", erklärt Aref, als er in der kleinen Fabrik von Bybi steht, auf der Insel Amager im Süden von Kopenhagen. Es ist schon etwas länger her, dass er die Bienen sehen konnte. Wenn man einen Stock im Winter öffnet, könnten die Bienen einen Kälteschock bekommen und sterben. Obwohl Aref ein erfahrener Imker ist, gibt es für ihn noch viel über die dänischen Bienen zu lernen. Die Bienen aus seiner Heimat sahen anders aus, hatten einen anderen Lebenszyklus und haben sich anders verhalten. „Die Bienen hier sind sehr sanft, die in Syrien eher aggressiv", erklärt er. Schon bei der kleinsten falschen Bewegung stechen sie zu, Unachtsamkeit wird sofort bestraft.

„Ich weiß gar nicht, wie oft ich in Syrien gestochen wurde, irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, auch wenn es erst mal ziemlich schlimm aussieht, wenn man von drei Bienen gleichzeitig gestochen wurde." Aref zeigt uns mit seinem Handy Fotos von syrischen Pflanzen und erklärt uns, wie jede einzelne von ihnen die einzigartige Farbe und den Geschmack des Honigs beeinflussen. „Das Schönste beim Honigmachen ist, dass man keine richtige Kontrolle darüber hat, wie das Endprodukt aussieht oder schmecken wird", meint er. „Das liegt in der Hand der Bienen."

Er zeigt uns ein paar Honiggläser von Bybi. Auch wenn der Honig aus derselben Stadt kommt, so hat das flüssige Gold doch jeweils einen ganz anderen Geschmack und eine eigene Farbe. Die Bienen holen sich ihren Nektar von Blüten an Bahngleisen, in privaten Gärten, Parks und auf den Balkonen der Stadt. Man kann sogar je nach Viertel einen Unterschied schmecken oder je nachdem ob der Honig im Frühling, Winter oder Herbst geerntet wurde.

Die Bienen in der Nähe vom Kongens Nytorv, einem belebten Platz im Stadtzentrum, machen einen sehr leichten, blumigen Honig, während der in der Nähe des Bella Centers gesammelte Honig eher süßer und dunkler ist, was wahrscheinlich an den Wildblumen in den umliegenden Parks liegt.

Eine Biene ist sich instinktiv ihrer Aufgabe auf diesem Planeten bewusst. Bis zu ihrem Tode plagt sie sich für ihr Volk ab und kommuniziert mit den anderen Bienen durch Tanzen. Auf der Suche nach Nektar können sie bis zu 12 Kilometer weit fliegen, aber sie bleiben vernünftig und legen nur im Bedarfsfall eine längere Strecke zurück als notwendig. Durchschnittlich sucht eine Honigbiene ihren Nektar im Umkreis von 1.000 Metern. „Bienen sind als Bestäuber unentbehrlich für die Natur", meint Aref. „Und sie machen Honig, der auch als Heilmittel eingesetzt wird. Sie werden auch im Koran erwähnt." Ein Schullehrer in Syrien hat Aref die wundersame Welt der Bienen zum ersten Mal gezeigt. Aref hat sich mit voller Hingabe mit den verschiedenen Honigfarben beschäftigtund ihn zu Oliven oder frischem Joghurt gegessen. Seinen Honig hat er an Freunde aus dem Dorf, Gäste und seine Familie verschenkt. Obwohl das flüssige Gold so nahrhaft ist, hat Aref immer einen Warnhinweis auf seinen Gläser angebracht: Zu viel des guten Zeugs kann schlecht fürs Herz sein.

Als er Syrien verlassen hat, konnte er sein Land kaum mehr wiedererkennen. Das Dorf menschenleer, es gab kein Wasser, keinen Strom. Keiner konnte das Dorf gefahrlos verlassen, IS-Truppen rückten immer näher. „Im Winter haben die Menschen mit ihren Möbeln geheizt. Es war unertragbar, man konnte nicht mehr Mensch sein", erinnert sich Aref an die Tage, bevor er sich auf die Flucht nach Europa gemacht hat, wo er hoffte, mit seiner Frau und den drei Kindern sicher zu sein.

Er hat einen Freund, der in Syrien geblieben ist, beauftragt, sich um den Hof und die Bienenstöcke zu kümmern. Vor mehr als sechs Monaten hat er das letzte Mal etwas von ihm gehört. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass der Hof noch steht und dass die Bienen immer noch mit nektargefüllten Bäuchen zu ihrem Stock fliegen.Sein Dorf könnte aber auch das gleiche Schicksal erlitten haben, wie die vielen anderen Städte, die vom IS zerstört wurden.

Manchmal träumt Aref davon, wie er in seine Heimat zurückkehrt, aber je mehr der Krieg voranschreitet, desto mehr rückt diese Vorstellung in immer weitere Ferne.„Meine Familie und ich, wir fühlen uns in Dänemark immer mehr zu Hause", meint er. „Vielleicht ist für meine Kinder bald Dänemark ihre Heimat." Unter anderem deshalb lernt er Dänisch. Er versteht schon sehr viel, kann aber nur ein paar Worte sprechen.

Den dänischen Honig hat er auch lieben gelernt, aber er vermisst die etwas kräftigere syrische Variante, weshalb er versucht, ein paar Gläser zu importieren. Sobald das Wetter in Dänemark besser wird und der graue, eisige Winter vorbei ist, kann er auch wieder die Bienen fliegen sehen. Die Arbeit in der Fabrik hat auch etwas Beruhigendes, er bereitet die Rähmchen für die Bienen vor, aber noch lieber sieht er die Bienen umherschwirren. „Wenn man sich schlecht fühlt oder schlechte Laune hat, nimmt man sich vielleicht Urlaub und geht an den Strand", meint Aref. „Ich fühle mich besser, sobald ich sehe, wie die Bienen auf der Suche nach frischem Nektar umherfliegen. Bei den Bienen vergesse ich den Krieg und dass ich meine zerrüttete Heimat zurückgelassen habe." Die Honigherstellung erinnert ihn daran, wer er wirklich ist. Und wenn er Honig isst, überkommen ihn die Erinnerungen an ein friedliches Syrien.

„Dänischer und syrischer Honig sind zwar unterschiedlich, aber der Geschmack des Bybi-Honigs nimmt mich gedanklich mit zurück in meine Heimat. Und zu meinen Bienen."