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Popkultur

Die Filme, die uns in der Kindheit traumatisiert haben

"Ich habe mir buchstäblich in die Hose geschissen. Das war das letzte Mal, dass ich mir in die Hose geschissen habe. Es war ziemlich denkwürdig."

von Marianne Eloise
17 Januar 2017, 3:45am

Titelfoto: Kevin Bacon in 'Hollow Man' | Imago/Entertainment Pictures

Die meisten von uns kennen jemanden, der wohlmeinend Filme abspielt, ohne vorher wirklich darüber nachzudenken, welche Schrecken sie in sich bergen. Die Leidtragenden sind dann wir: jüngere Verwandte oder Freunde, deren Psyche hinterher nicht mehr dieselbe ist. Als ich neun Jahre alt war und meine ältesten Cousins auf mich aufpassten, legten sie Hollow Man ein und versicherten mir, er sei nicht gruselig. Ich bat die beiden, den Film auszumachen, aber sie weigerten sich, und als wir dann an der Stelle ankamen, wo Kevin Bacon einen total niedlichen Hund zermatscht, war ich endgültig fertig. In jener Nacht und in vielen Nächten darauf schlief ich in einem Schlafsack (damit er mich nicht packen konnte) und ließ das Licht an. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, verfolgten mich Visionen von Kevin Bacons Körper, der in Schichten weggepellt wird, bis die Muskeln freigelegt sind, dann ist da nur noch das Skelett und dann nichts mehr. Ich weigere mich bis heute, diesen Film nochmal anzuschauen—aber nicht, weil er mich so traumatisiert hat, sondern weil er scheiße ist. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn mit jeder Faser meines Seins, und sogar Regisseur Paul Verhoeven hasst ihn, nur vielleicht aus anderen Gründen.

Mein Leben lässt sich in zwei Phasen einteilen: die Zeit vor  Hollow Man, als Filme mir noch Spaß machten und ich Menschen vertrauen konnte, und alles danach. Aber damit bin ich nicht allein. Ich habe mich mit Leuten über die Filme unterhalten, die ihre kindliche Unschuld zerstört haben. Manche ihrer Geschichten sind nachvollziehbarer als andere, aber wir sind ja alle unterschiedlich gestrickt.

Ben, 33, Poltergeist

Meine Mutter und meine Oma wollten zusammen ins Kino, und mein Opa war mit Babysitten dran, was er ansonsten selten alleine tat. Ich war etwa sieben, es war also ca. 1991, und wir setzten uns zusammen aufs Sofa, um fernzusehen. In der Fernsehzeitung hatte ich gesehen, dass ein Gruselfilm lief, und den wollte ich anschauen. Mein Opa dachte sich "OK!" und schlief ein, sodass ich alleine  Poltergeist anschaute.

Ich habe mir buchstäblich in die Hose geschissen. Und das war auch das letzte Mal, dass ich mir in die Hose geschissen habe. Es war ziemlich denkwürdig. Vor allem diese eine Szene, in der jemand in den Badezimmerspiegel schaut und das Gesicht schmilzt ihm weg oder verwandelt sich in Maden, ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, mein Hirn hat die Erinnerung verdrängt, damit ich diesem Grauen nicht länger ausgesetzt bin. Aber dank dieser Szene war erstens jegliche Pinkelpause ausgeschlossen, denn ich traute mich alleine nicht aufs Klo, und zweitens ging ich nach dieser traumatischen Erfahrung auch noch viele Monate lang nur in Begleitung ins Bad.

Meine Mutter kam aus dem Kino wieder und fand mich ängstlich zusammengekrümmt in vollgeschissenen Hosen auf dem Sofa, während Opa weiter friedlich schlief.

Screenshot aus YouTube-Video 'Black Christmas (2006) Theatrical Trailer' von Horror Film Footage

Amelia, 20,  Black Christmas

Black Christmas hat mein Leben ruiniert. In der siebten Klasse wollte ich mich unter die Schauspieler meiner Schule mischen, also machte ich beim Theaterstück mit. Ich hatte nur eine Zeile, aber dafür musste ich zwei Monate lang jeden Sonntag zu den Proben, wo ich dann lange im Korridor herumsaß und nichts tat. Eine der Schülerinnen aus dem Abschlussjahrgang hatte ihren Laptop dabei und fand mich würdig, mit ihr einen Film zu schauen:  Black Christmas.

Der Film enthält alle Horrorfilmklischees, die es so gibt, doch eine bestimmte Szene verstörte mich besonders. Im Film erdrosselt der Sohn seine Mutter, die ihn mehrfach sexuell missbraucht hat, mit einer Lichterkette und macht dann Fleischplätzchen. Mit einer Form für Weihnachtsplätzchen und dem Fleisch aus ihrem Rücken. Außerdem lebt in den Wänden ein augenausbohrendes Inzestkind. Ich war überzeugt, dass jemand mich um Weihnachten herum umbringen würde.

Ich hatte monatelang Albträume. Vor Kurzem habe ich beschlossen, mich meinen Ängsten zu stellen und den Film nochmal als Erwachsene anzusehen. Nur damit ihr im Bilde seid: Der Film hat 14 Prozent auf Rotten Tomatoes und ich lege ihn dir ans Herz, wenn du unbedingt sehen willst, wie Gretchen Wieners aus  Girls Club die Augen ausgestochen bekommt.

E.T. | Foto: Imago/Entertainment Pictures 

Chloe, 24,  E.T., der Außerirdische

Es ist unmöglich, in Worte zu fassen, wie widerlich E.T. ist, aber vielleicht tut es mir ja gut, ein bisschen Dampf abzulassen. Meine früheste und traumatischste Film-Erfahrung war aus meiner sehr frühen Kindheit, als ich die Szene in  E.T. sah, in der E.T. und Elliot einander begegnen. Ich erinnere mich noch daran, dass er den widerlichsten Kreischlaut der Welt macht, und dann wird sein Hals auch noch unnatürlich und ekelhaft lang. Ich hasse ihn.

Ich dachte auch, meine E.T.-Angst habe sich inzwischen gelegt, aber als ich eine Freundin in Australien besuchte, zeigte sie mir einen Clip aus dem Film und ich fing an zu würgen. Ich hatte früher so viele Albträume. Ich weiß noch einen, in dem sein Hals einfach weiter wuchs und wuchs, und er hörte nicht auf, bis sein hässlicher Kopf auf den Boden klatschte, und der Hals wuchs einfach unkontrolliert weiter. Ich hoffe, sein verdammtes Raumschiff ist auf dem Weg nach Hause mit einem Asteroiden kollidiert.

Foto: Imago | United Archives 

Owain, 24, Edward mit den Scherenhänden

Meine nun schon ein Leben lang andauernde Angst vor Edward mit den Scherenhänden begann bereits, bevor ich den Film überhaupt gesehen hatte. Ich blätterte damals in der Grundschule durch eine Zeitschrift und sah mir dabei einen Abschnitt über Roboter an. Und da präsentierte sich mir—ohne Kontext—das furchterregende Bild von Edward. Inzwischen weiß ich zwar, dass es sich bei ihm um einen einfühlsamen Charakter mit einem Herz aus Gold handelt. Aber ohne jegliche Erklärung zu seiner Figur machte er mir als Kind natürlich eine Scheißangst.

Ein paar Jahre später erwischte ich schließlich zufällig die zweite Hälfte des Films im Fernsehen. Als mir klar wurde, dass Edward ja eigentlich ganz nett ist, dachte ich mir zuerst, dass ich meine Angst jetzt ad acta legen könnte. Dann kam jedoch die Szene, in der er den Jungen vor einem heranfahrenden Auto rettet und ihm dabei das Gesicht zerschneidet, und es war wieder vorbei. Ich stellte mir nämlich direkt vor, wie Edward auch mir Schnittwunden zufügen könnte—egal ob ich nun sein Freund oder sein Feind bin. Von diesem Tag an machte ich mir nachts immer Sorgen, dass er in mein Zimmer kommen und mich zudecken würde. Die Frage nach dem Warum stellte ich mir dabei nie, denn ich konnte an nichts anderes denken als an diese verdammten Scherenhände in meinem Gesicht.

Stephanie, 27, Psycho

Ich muss so um die zehn Jahre alt gewesen sein, als mir mein Onkel und meine Tante etwas über Horrorfilme beibringen wollten, denn ich hatte bis dato noch nie einen gesehen. Und so zeigten sie mir Halloween, Shining und Psycho. Aus irgendeinem Grund konnten mir die ersten beiden Streifen nichts anhaben und sie zählen bis heute zu meinen Lieblingsfilmen. Psycho hingegen machte mich total fertig—vor allem die berühmte Szene in der Dusche.

Jetzt als Erwachsene ist mir natürlich klar, dass Psycho ein bahnbrechender Film war und vor allem die Duschszene die Filmwelt revolutionierte und so weiter und so fort. Mit zehn wollte ich jedoch nie wieder unter eine Dusche steigen und in meinem Kopf war jeder Typ, der über seine Mutter redete, zum Morden prädestiniert. Und auch heute habe ich noch große Angst davor, unter der Dusche zu sterben. Jedes Mal, wenn ich nachts auf die Toilette gehe, werfe ich einen Blick hinter den Duschvorhang. Außerdem schließe ich beim Duschen immer die Badtür ab—selbst dann, wenn ich alleine zu Hause bin.

Der Candyman | Foto: Imago/United Archives

Rebecca, 25, Candyman's Fluch 

Candyman's Fluch war mein erster Horrorfilm. Mit zwölf übernachtete ich bei einer Freundin und wir schauten uns den Film an, als ihre Mutter außer Haus war. Natürlich jagte mir der Candyman eine Scheißangst ein und ich durfte eine ganze Zeit lang nicht mehr bei besagter Freundin sein. Außerdem fingen meine Eltern irgendwann damit an, mich mit Candyman-Witzen aufzuziehen. In der ersten Nacht nach dieser einschneidenden Erfahrung ging ich wirklich davon aus, dass der Killer im oberen Stockwerk unserer Hauses auf mich warten und mir seinen Haken in den Körper jagen würde. Es hat Monate gedauert, bis ich wieder in einen Spiegel schauen konnte. Und ich schwor mir, nie wieder Horrorfilme zu schauen—was ich in meinen Teenagerjahren natürlich doch wieder machte. Vor Kurzem habe ich mir Candyman's Fluch übrigens noch mal gegeben und dabei lachend festgestellt, dass ich damals wohl eine richtige Schisserin gewesen sein muss. 

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