Popkultur

Ich habe mir alte 'Tutti Frutti'-Folgen angeschaut, um die 90er zu verstehen

Heute Abend starten neue Folgen der Nackt-Show 'Tutti Frutti'. Ich habe mich mit früheren “Früchtchen”, Glitzer und Flachwitzen darauf vorbereitet.

von Fabian Herriger
30 Dezember 2016, 12:53pm

Titelfoto: Imago/teutopress

Als am 21. Februar 1993 zum letzten Mal die entblößten Brüste der Tutti Frutti-Früchtchen über die Bildschirme der Bundesrepublik flimmerten, war ich erst seit wenigen Tagen auf der Welt, unschuldig und ahnungslos.

Fast 24 Jahre später bin ich nicht mehr ganz so unschuldig, aber was Tutti Frutti angeht immer noch ahnungslos. Was war das für eine Zeit, in der Hugo Egon Balder jeden Sonntagabend den "Tittenonkel" spielte, die Kraftwagenfahrerin Kerstin aus Berlin-Köpenick im Privatfernsehen ihre Brüste zeigte und ihr das wiedervereinte Deutschland mit Freude dabei vor den Röhrenfernsehern zusah? Alle haben darüber geredet, dass es die Show gibt—aber niemand wollte es zugeben, sie auch zu gucken. Dabei haben das alle getan. So erklärt mir mein Vater die Show.

Am Freitagabend, den 30. Dezember um 22.05 Uhr läuft eine Neuauflage von Tutti Frutti bei RTL Nitro an—als "moderne 2.0-Version", wie es auf der Website heißt. Jörg Draeger, Anfang der 90er der Moderator der Vorabend-Show Geh aufs Ganze!, präsentiert die wiederbelebte "Erotikgameshow", auch weil Hugo Egon Balder nicht mehr will. Die sechs neuen Tutti Frutti-Früchtchen, qualifiziert als Playmates und Bild-Girls, bilden das "Cin Cin Playboy-Ballett". RTL Nitro kündigt "jede Menge lustige Aktionen, viel nackte Haut und"—da kann man dem Nischensender keine falschen Versprechen unterstellen—"Spielregeln ohne Sinn" an. Jörg Draeger sagte gegenüber Spiegel Online: "Ehrlich gesagt, habe ich die Spielregeln damals auch nicht verstanden." Um vorbereitet zu sein, welche Perle des Privatfernsehens hier reanimiert wird, schaue ich mir alte Tutti Frutti-Folgen bei YouTube an.

Im Intro wackelt ein Hintern in einem blau-glitzernden Kostüm auf dem Bildschirm. Mit Tutti Frutti kopierte RTL das italienische Colpo Grosso, von dem es auch einfach Intro, Studio und Tänzerinnen übernahm, um Kosten zu sparen. Halbnackte Frauen im Matrosenkostüm trällern im Intro ein italienisches Lied, fahren mit Schlauchbooten über ein "Meer", das eigentlich eine Plastikfolie ist, und liegen dann komplett nackt mit wackelnden Köpfen aufgereiht auf dem Boden, während in blinkender Neon-Schrift der Name "Tutti Frutti" aufflackert. In den 30 ersten Sekunden der Show habe ich schon sieben nackte Ärsche gesehen—Halleluja.

Mit tiefem Dekolleté begrüßt die blonde Niederländerin Monique Sluyter das Publikum und führt Hugo Egon Balder ein, der sich mit seiner zeitlos-grässlichen Haarmatte zu heute nicht groß verändert hat. Monique Sluyter, die mich mit ihrem holländischen Akzent an Linda de Mol erinnert, wird auch beim neuen Tutti Frutti neben Jörg Draeger und dem Co-Moderator Alexander Wipprecht stehen. Sie ist heute 49, Inhaberin einer Modelagentur und unverändert tief dekolletiert unterwegs.

Als Kandidaten betreten Kerstin aus Berlin-Köpenick und Andreas aus Graz das Studio. Balder hatte offensichtlich keine Zeit, sich groß auf seine Kandidaten vorzubereiten. Zu Andreas' BWL-Studium fällt ihm nur ein, er selbst studiere ja nicht Wirtschaft, sei aber öfter mal in einer drin: "Ich kam gestern an einer Wirtschaft vorbei und konnte nicht widerstehen und als ich rauskam, konnte ich wieder nicht stehen."

Dann stellt Balder "acht Damen aus acht europäischen Ländern" vor, "heute mal im Mini", darunter Petra aus Deutschland und Ilona aus Ungarn, die lächelnd die Treppe heruntersteigen. Der Moderator deutet an, dass diese Frauen "später ein bisschen anders aussehen".

Direkt im Anschluss tanzt das "Cin Cin-Ballett", sieben als Früchte verkleidete Frauen, benannt nach Kiwi, Mandarine und Kirsche. Die Kandidaten dürfen sich ein Früchtchen aussuchen. Die Wahl fällt auf die brünette Zitrone und die blonde Blaubeere. "Sie werden es mir nicht übel nehmen, aber ich werde den beiden jetzt mal auf die Brüste schauen", verkündet Balder und plötzlich lüften die Früchtchen ihre knappen Kostüme und entblößen ihre Brüste. Ich bin ein bisschen überrumpelt, wie freizügig es damals zuging. Die Kandidaten bekommen dafür Punkte.

Nach sehr einfachen Spielen wie Roulette, Würfeln oder Slot-Machine findet sich Kerstin mit 50.000 Punkten auf ihrem Konto wieder—und bekommt dafür den ersten "Länderpunkt", der so etwas wie das "Ziel" des Spiels ist. Sie wählt Kathleen aus England, die in Minirock und Blazer die Bühne betritt und plötzlich anfängt, sich tanzend ihrer Kleidung zu entledigen. Nach kurzer Zeit tanzt sie zu Disco-Beats oben ohne und nur in ihrem 90er-Jahre-Slip. "Wunderbar", kommentiert Balder, während die nackten Brüste über den Bildschirm wackeln.

Ich stelle mir vor, wie 1991 vier Millionen Männer und Frauen fasziniert vor der Röhre saßen und sich Kathleens Strip anschauten. Vor der Internet-Pornografie muss es sehr aufregend gewesen sein, nackte Brüste einfach locker-flockig abends im Fernsehen serviert zu bekommen. Und beim Zappen auf RTL plus (so hieß RTL noch in den frühen 90ern) "kurz klebenzubleiben" war nicht nur billiger, sondern ließ sich wahrscheinlich auch einfacher mit dem eigenen Selbstbild und dem Gewissen vereinbaren, als sich im Kiosk einen Playboy oder gar im Sexshop eine Porno-VHS zu kaufen. Am nächsten Tag ließ sich dann darüber reden, wie "dämlich" und "sinnlos" die Show doch sei, man habe sich nur mal selbst ein Bild machen wollen.

Was mich aber am meisten überrascht, und wo sich der Reiz der Show endgültig offenbart: Nicht nur bei den "Länderpunkten" strippen Frauen, sondern auch die Kandidaten machen sich nackig, um sich Punkte zu verdienen. So tanzt Andreas aus Graz im Tanga auf einem Podest und verdient für jedes abgelegte Kleidungsstück 10.000 Punkte. Die Vorstellung, auch die hübsche blonde Nachbarin könnte sich bei Tutti Frutti ausziehen, ungeschickt an ihrem BH nestelnd, bespielte die Fantasie der Bundesrepublik und motivierte zum Einschalten.

Foto: Imago/teutopress

Tutti Frutti ist gleichzeitig völlig normal, weil es ja im frei zugänglichen Fernsehen läuft, und völlig verrucht, weil alle Beteiligten zu wissen scheinen, dass man sittliche Grenzen überschreitet. Zum Beispiel, wenn Balder grinsend verlauten lässt: "Connie hat noch keinen Länderpunkt. Ich würde ihr gerne einen geben, aber Connie, dafür musst du erstmal arbeiten." Und Connie zieht sich aus. Applaus ertönt vom Band im publikumsleeren Studio.

Ein absurder Höhepunkt der Show ist die "Palme der Wahrheit", bei der die Kandidaten sich gegenseitig "heiß machen" sollen. Dafür stehen beide im Bademantel voreinander, ein Kandidat mit der Hand auf einem Knopf, der andere tanzend. "Connie, es liegt jetzt an dir, in wie weit du den Reinhard erregst", feuert Balder an, und Connie räkelt sich vor Reinhard, bis der den Knopf immer weiter drückt und die Palme auf 50.000 Punkte klettert. Danach tanzt Reinhard im Tanga vor Connie. Der Fremdscham-Faktor ist hoch, vor allem weil die Tänze nicht besonders sexy sind, aber vielleicht war auch gerade das ein weiterer Grund zum Einschalten. Genau wie heute das Dschungelcamp oder Frauentausch Zuschauer aus allen sozialen Schichten anlockt, weil sich auf dem Bildschirm jemand die Blöße gibt—ein über Jahrzehnte funktionierendes Konzept des Privatfernsehens.

Bekanntlich hat sich seit 1990 viel verändert, auch in Sachen Erotik und Pornografie. Kann das neue Tutti Frutti überhaupt noch mit Freizügigkeit schocken? Früher waren Glitzer, Kostüme, Strapse und europäische Akzente noch sexy, heute ist vor allem sexy, was nicht ganz so offensichtlich ist. Den bei Tutti Frutti beliebten "Striptease" finde ich in den deutschen PornHub-Charts nicht, und bestimmt auch nicht in den deutschen Schlafzimmern. Heute fantasieren die Deutschen über "anal", "squirt" und "bondage", was sollen dann ein paar nackte Brüste auf dem Flatscreen?

Am Ende der Show bekommen die Kandidaten für jeden Länderpunkt 1.000 Mark zugesteckt. Jörg Draeger weiß, dass sich die Zeiten verändert haben. In einem Interview sagt er, man setze beim neuen Tutti Frutti weniger "auf Skandal als auf Nostalgie". Es werden alte Ausschnitte aus den 90ern gezeigt, die Früchtchen von früher interviewt, alte Zeiten besprochen. Zurecht.

Tutti Frutti war in den 90er Jahren fortschrittlich, nicht nur weil so viel nackte Haut gezeigt wurde: Die Strips liefen sogar "in 3D", Brillen dafür lagen TV-Zeitschriften am Kiosk bei. Heute kann ich baumelnde Penisse bei Adam sucht Eva auf RTL sehen oder nackte Brüste im Dschungelcamp. Fortschrittlich finde ich das nicht.

Es weckt auch nicht die Faszination, die ich bei meinen Eltern bemerke, wenn sie über Tutti Frutti reden—über die skandalöse Nacktheit, die Sinnlosigkeit der Spiele, das Einreißen von Grenzen. Wer weiß, vielleicht schauten meine Eltern an jenem Sonntagabend, als Tutti Frutti zum letzten Mal lief, auch die nackten Brüste auf RTL plus an, während ich unschuldig in ihren Armen schlief. Ich könnte es ihnen nicht verübeln.