Was zur Hölle macht eigentlich Left Boy?
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Was zur Hölle macht eigentlich Left Boy?

Der Hype um Left Boy ist längst abgeflacht und die Fans, die er noch hat, warten seit geraumer Zeit auf neues Material. Eine kleine Spurensuche.
08 Februar 2017, 12:53pm

Header: Left Boy | Warner Music

Valentinstag 2014, drei Jahre ist es her, als das Debütalbum Permanent Midnight von Left Boy rauskam. Left Boy kennt man: Er wurde als Ferdinand Sarnitz – Sohn von André Heller – in Wien geboren, zog zum Studieren nach New York, rappt sich seit zirka 2009 durch die Blogosphäre und sozialen Netzwerke, brachte mehrere kostenlose Mixtapes mit eh netten Samples raus, spielte europaweit auf Konzerten und auf Festivals und war 2015 ein Opening-Act beim Eurovision Song Contest, als der in Wien stattfand.

So wie es viele Künstler heute handhaben, hat er sich seine Karriere etappenweise im Internet aufgebaut. Durch sinnbefreite Teaser-Videos auf YouTube und Facebook, aber auch mit soliden Songs wie "Jack Sparrow" oder "Your Song", konnte er eine kleine Fanbase um sich scharen. Als dann plötzlich das Dreieck zur wichtigsten geometrischen Figur erhoben wurde und die Welle des Hipster-Rap, auf der auch Künstler wie Cro mitschwammen, über Europa hereinbrach, ließ der Hype nicht lange auf sich warten. Es sah rosig aus für den Wiener Rapper und Blogger sprachen schon überschwänglich vom besten österreichischen Musikexport seit Falco. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Fans meinten, dass es mit dem Album erst richtig losgeht. Es gab auch eine Tour und alles, doch der richtig große Durchbruch blieb aus. Permanent Midnight hatte zwar Erfolg, war aber anders, als das, was Sarnitz zuvor veröffentlichte. Das lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass im Gegensatz zu vorangegangenen Songs und Mixtapes, die meisten der 14 Albumtitel gänzlich ohne Samples auskamen, was urheberrechtliche Gründe hatte.

Nach dem Album und der _Permanent Party_-Tour wurde es dann aber auch ganz schnell wieder still um Left Boy. Ganz so permanent war's dann doch nicht.

In den sozialen Medien wurden die Updates trotz großem Interesse der Fans immer seltener und die sporadischen Postings widmete er dann nur noch seinem Buddy Mirakle oder einem Reminder, dass Permanent Midnight schon ein Jahr alt ist. Ein ganzes Jahr ohne neuer Musik, außer vielleicht einem kurzen Geburtstagsständchen zwischendurch, ihm selbst zu Ehren, jedes Jahr am 17. Dezember. Er zog sich zurück. Ich nehme an, dass das Album und die Tour so kräftezehrend waren, dass eine längere Regenerationsphase und Schaffenspause nötig waren und vielleicht wollte er auch mehr Zeit mit seiner Familie und seinem Sohn verbringen.

"Über den Jahreswechsel hinweg wurde dann fleißig mit der Drohung 'Back on top soon' geteast."

Am 23. Mai 2015 um 21:00 Uhr Ortszeit verschwand Ferdinand Sarnitz dann live, vor den Augen von 200 Millionen Zusehern – in einer Rauchwolke. Der "Fall" Left Boy nahm damit eine wirklich eigenartige Wendung. Von Mai bis Dezember war dann wieder – mehr oder weniger – Funkstille. Am 10. Dezember 2015 gab es dann was Neues: "Sweet Emotions", das ein Sample von dem anderen "Sweet Emotions" von The Kooks enthält, schien ein neues Kapitel einzuläuten. Über den Jahreswechsel hinweg wurde dann fleißig mit der Drohung "Back on top soon" geteast, es gab sogar neues Merch und Ende Jänner kam mit "Big Leagues" eine zweite Single ins Netz.

In dem dazugehörigen Video wurde die Abwesenheit von Left Boy thematisiert, indem Mirakle in einem Casting ein Left Boy Lookalike sucht. Am Ende des Videos ist der originale Boy dann aber doch noch zu sehen, wie er seinen Motorradhelm abnimmt und mit seinen langen Haaren haargenau wie 2000er Tom Cruise aussieht. Am 14. Februar des vergangenen Jahres, also genau zwei Jahre nach Permanent Midnight, veröffentlichte Sarnitz dann sein erstes neues Mixtape seit Eternal Sunshine 2013.

Nun ja, schön und gut, das ist jetzt aber auch schon wieder fast ein Jahr her und die vier Songs vom Mixtape waren nicht wirklich ausgiebig. In der Zwischenzeit gab es nur ein paar pseudo-geheimnisvolle Videos auf Facebook, in denen wieder Bezug auf Left Boys Verschwinden genommen wurde.

Doch vor Kurzem gab es wieder Anzeichen echter Produktivität: Ende November 2016, wurde auf der Facebook-Seite seines Labels Made Jour Label ein Casting Call für ein Left Boy-Musikvideo veröffentlicht. Der Dreh soll von 1. bis 5. Dezember in Wien stattgefunden haben. Außerdem wurde in einer Facebook-Gruppe für Schauspieler ein Aufruf gepostet: Jemand suchte Extras für das neue Musikvideo von Left Boy, das am 18.01.2017 in Wien gedreht wurde. Dabei wurde betont, dass die Leute sich im 70er-Jahre Stil kleiden sollten. Zu welchen Songs die Musikvideos gehören ist unklar, aber irgendwas tut sich da.

Um diese ganze Left Boy-Odyssee zu verstehen, muss man gar nicht weiter als bis zu seinen eigenen Texten suchen: "Tessy on the phone, sounding real real stressed, Yeah, the label want an album, but the album don't exist, I don't work under pressure, I mean, I really don't work, it sucks."

Wenn man den Lyrics glauben darf, kann Sarnitz also nicht unter Druck arbeiten –  beziehungsweise versucht auch gar nicht erst, an neuer Musik zu arbeiten. Das wirkt nicht sonderlich sympathisch, aber die Ironie, in einem neuen Song zu sagen, man arbeitet nicht an neuen Songs, spricht für sich. Trotz der ganzen Hochs und Tiefs, der An- und Abwesenheit: Left Boy gibt's immer noch. Und er arbeitet offensichtlich an neuem Material, wenn auch nicht gerade flott. Da stellt sich jetzt die Frage: Muss er das überhaupt (noch)? Ein nicht so schlechter finanzieller Background vom Papa ist ohnehin gegeben, wozu soll sich der Junge also stressen. Haben seine Hater, die ihn als "Rich Kid" schimpfen, das das ganze Rap-Ding nur als Hobby macht, doch Recht?

"Aber bei aller Liebe, Left Boy ist nicht Beyoncé, nicht Drake, nicht Kanye und auch nicht Frank."

Sollte das Hinhalten der Fans jedoch Teil eines großen Plans sein, stellt sich eine andere Frage: In einer Zeit, in der alles immer schneller wird, alles immer sofort verfügbar ist und die Aufmerksamkeitsspanne der Gesellschaft unter der eines Goldfischs liegt, ist es da wirklich klug, diesem Trend entgegen zu steuern und alles langsamer zu machen?

Grundsätzlich eine interessante Idee. In den letzten Jahren haben sich immer wieder neue Modelle der Albumveröffentlichung bewährt, wie zum Beispiel Beyoncé und Drake mit ihren Überraschungsalben oder Kanye West und Frank Ocean mit ihren unendlichen Geschichten von einem Albumrelease. Aber bei aller Liebe, Left Boy ist nicht Beyoncé, nicht Drake, nicht Kanye und auch nicht Frank. Dazu ist das öffentliche Interesse an seiner Person viel zu klein.

"Man kann Left Boy schon im Auge behalten. Man kann dabei aber auch mal länger blinzeln, denn verpassen wird man vermutlich nicht viel."

Im schlimmsten Fall läuft Left Boy Gefahr, die ganz treuen Fans auch noch zu verlieren, denn der Hype ist ohnehin schon längst abgeflacht. Die Zeit steht auch für Sarnitz nicht still. Seine Hörer werden älter und entwickeln sich weiter. Was man sich als Noch-Fan wünschen kann, ist neues Material, mit reiferen Inhalten und vielleicht mal anderen Themen als Partys und die On-Off Beziehung zur Mutter seines Sohnes. Man kann Left Boy schon im Auge behalten. Man kann dabei aber auch mal länger blinzeln, denn verpassen wird man vermutlich nicht viel.

Als Noch-Fan hoffe ich natürlich, dass ich mit dieser These falsch liege, dass sich dieser Artikel als ungerechtfertigt herausstellt, dass die Causa Left Boy bald geschlossen und die Frage "Was kommt nach dem Hype?" durch Erscheinen eines neuen Albums bald beantwortet werden kann.

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