Das Tier in meinen Hoden

Wie meine Genitalien zur Brutstätte für eine Made wurden.

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31 Januar 2017, 12:01pm

Am Anfang streichelt noch eine kühle Brise meine Wangen. Ich genieße die Schönheit der Natur, die Sorglosigkeit des Seins. Ich weile an einem reisekatalogartigen Strand in Brasilien, habe das Meer vor mir, hänge an Kokosnüssen und fühle mich als Hedonist. Nichts kann meinen Vibe zerstören.

Panta rei. Alles fließt. Bis zu dem Zeitpunkt ... ja bis zu dem Zeitpunkt, als ein kleiner perfider Moskito seinen Rüssel in die Unterseite meines Hodensacks hackt.

Nach meinem Studium zog ich los in die Welt, wollte den Alltag in ein Abenteuer verwandeln. Und jetzt bin ich hier auf der herrlichen Insel Ilha Grande und bekomme mein Abenteuer. Die Tage vergehen und die Frequenz der Handgriffe zur wunden Stelle steigt stetig. Nach zwei Tagen hat sich das ganze Ding auch noch entzündet. Es sieht jämmerlich aus. Der betroffene Hoden ist angeschwollen und rötlich gefärbt. Ein nadelstichartiger Schmerz durchfährt ihn, der meist aber schon nach wenigen Sekunden abklingt. Und dann in unregelmäßigen Abständen – manchmal dauert es Stunden – zurückkommt.

Immer schön nach vorne gucken und ganz wichtig: an die Selbstheilungskräfte des eigenen Körpers glauben. Es klingt merkwürdig, aber all den eitrigen, schmerzvollen Umständen zum Trotz glaubte ich an meine Genesung ohne medikamentöse Behandlung. Ich war davon überzeugt, dass es nur eine kleine Entzündung ist.

Wie ich mich dann verhielt, kann auch mit der Wissenschaft erklärt werden. Ich erlebte das Phänomen der "shifting baselines", der schleichenden Verschiebung der Maßstäbe. Ein Beispiel: In den späten 70er Jahren stieg der Benzinpreis abrupt von 1,20 DM auf 1,25 DM. Damals wurden Solinger Bürger befragt, ob sie bei einem Benzinpreisanstieg auf 1,50 DM auf das Auto verzichten würden. 50 Prozent der Befragten bejahten die Frage. Als der Benzinpreis dann wenig später auf 1,50 Mark stieg, kauften die Menschen – Überraschung – weiterhin Sprit. Man gewöhnt sich eben an die schleichende Veränderung, die Realität wird sozusagen neu vermessen. Man fragt sich nicht mehr: "Wie hätte ich damals gedacht, unter diesen Umständen zu handeln?" Und so ähnlich war meine Logik bei meinem Sack. Wenn man mich am Anfangsstadium der Entzündung gefragt hätte, ob ich ohne Besserung nach zwei Wochen einen Arzt aufsuchen würde, ich hätte die Frage sicherlich nicht verneint. Aber so ist es eben. Mit der Zeit lebt man mit diesem Makel, arrangiert sich mit dem Schönheitsfehler. Shifting baselines par excellence.

Sieben Wochen später: Ich sitze am Frühstückstisch mit einem Freund, den ich über CouchSurfing kennengelernt hatte. Tony ist in den späten Fünfzigern, sehr sympathisch und mit seiner Fürsorge fast schon väterlich zu mir. Der Tisch ist reich gedeckt mit allem, was dem Gaumen imponiert. Ich möchte gerade in mein mit Erdnussbutter bestrichenes Brot beißen, da spricht Tony die Wörter aus: "Wie geht's deinem Sack?" Ich beiße lieber in mein Brot, als zu reden, und gebe ihm mit meiner Mimik zu verstehen, dass noch nicht alles paletti sei. Tony fängt an zu reden. "Wie krass. Mann. Das kann doch nicht sein. Immer noch nicht besser?" Ich schweige und lasse ihn reden. Konzentriere mich auf den Erdnussbutterflash. "Junge, du bist hier in den Tropen, da kann sonst was passieren. Es gibt sogar Moskitos, die ihre Eier da ablegen", fährt Tony fort.

"Was?!" So bringt man mich zum Reden. "Nicht dein Ernst?"

Es soll hier Riesentausendfüßler geben, sagt er, deren Biss Fieber und Schwächeanfälle auslöst. Und dann erzählt Tony noch von den Raubwanzen, die sich unter anderem von Menschenblut ernähren. Während sich diese perfiden Raubwanzen Blut von Menschen zapfen, können sie den Wirt mit der Chagas-Krankheit infizieren. Diese Infektion kann zu Herzvergrößerung und Darmverschluss führen. Welches Tier hat mich nun gestochen oder gebissen? Tony macht mir jedenfalls mit seiner Faunakunde Angst.

Die Frucht meiner Lenden (Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Ich werde paranoid, packe meine sieben Sachen und laufe zum nächsten Arzt. Was nur, wenn ich da unten ein Tier ausbrüte? Ist da etwa ein Ei im Ei?

Ich brauche professionelle Unterstützung, jemanden, der mir sagt, was Sache ist.

Im Krankenhaus angekommen ziehe ich eine Nummer und warte ein paar Stündchen, bis ich dran bin. Tür auf, und natürlich ist die Ärztin wunderschön. "Scheiße." In welchem Film bin ich jetzt gelandet? Ich verwandle mich gefühlt in einen Fünfjährigen, senke meinen Kopf, bin schüchtern und kann auf ihre Frage "Was ist denn passiert?" nur mit einer brüchigen und verlegenen Stimme antworten. Ich stammle vor mich hin "Stich", "Hoden", "Selbstheilungskräfte". Und da zieht sie schon ihre Gummihandschuhe über und lässt mich wissen, dass sie sich das Ganze mal aus der Nähe ansehen will.

Jetzt wird die Ärztin meinen eitrigen Sack erkunden. Welch Schmach.

Ich zeig ihr den Hot Spot, sie tastet die Stelle ein wenig ab und kurz wandert ihre Hand den Sack hinunter. Was soll das? Ist das so was wie dieser "Hustentrick" bei der Musterung damals? Ich verliere mich, mein Hirn setzt für einige Sekunden aus. Mit einem einzigen Wort werde ich zurückgeholt. "Nada." Nichts. "Da ist nichts. Zu 100 Prozent. Die eitrige Flüssigkeit ist normal bei einer Entzündung", sagt sie. Eine fette Welle der Erleichterung schwappt von meinen Synapsen bis zu meinen Hoden.

Auf dieser Welle surfe ich noch einige Tage und gönne mir den Streifen The Space in Between. Im Kino. Ein Dokumentarfilm von Marina Abramovic, die durch Brasilien reist. Sie trifft einen Wunderheiler, der scheinbar wahllos mit seinem Skalpell Verwachsungen aus Nasen schneidet, nimmt an bewusstseinserweiternden Ayahuasca-Zeremeonien teil, lässt sich in Trance trommeln.

Abspann vorbei, ich gehe aufs Klo, will mich nicht lange aufhalten. Doch es juckt. Ich behandle den Hot Spot, Eiter tritt aus und etwas Merkwürdiges passiert. Etwas Weißes kommt zum Vorschein. Es fühlt sich so an, als transzendiert dieser surreale Film in meine Realität. Hatte die Ärztin nicht gesagt, dass da zu 100 Prozent nichts ist? 100 Prozent?! Wie naiv von mir. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich wie bei Pleasantville in einen Film gezappt wurde oder ob es wirklich echt ist. Ich packe das weiße, herausschauende Stück und ziehe daran. Es wird länger, länger, ich ziehe weiter, es wird länger, länger. Flupp. Da ist sie. Ich wurde soeben tatsächlich Vater. Sie, die Made, von mir zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten, windet sich, es ist ein echtes Prachtexemplar. Meine Hand fährt nach oben, ich kann es immer noch nicht glauben. Ich beobachte das Tierchen, das sich wochenlang von meinem Gewebe ernährt hat.

Ich mache noch ein kleines Photoshooting mit meinem Baby und dann lasse ich es fallen. Ich kann es nicht glauben, ich kann es einfach nicht glauben. Noch schnell das Gesicht waschen, ein Blick in den Spiegel. Fertiger Typ.

Meine späteren Recherchen ergeben, dass das Tierchen den Namen "Dermatobia hominis" trägt. Diese riesengroße Dasselfliege der Gattung hypoderma kommt in fast ganz Südamerika vor. "In der Regel befällt die Dasselfliege Rinder und keine Menschen. Das kann aber vorkommen", sagt Gundel Harms-Zwingenberger, Leiterin der tropenmedizinischen Abteilung der Berliner Charité. "Die Maden ernähren sich von Gewebe. In den Körper gelangen sie meist durch Moskitos: Die Dasselfliegen legen ihre Eier ab, die Eier haften sich an größere Moskitos. Wenn diese dann zustechen, gelangen die Eier unter die Haut. Tiefer aber nicht, denn die Maden brauchen Sauerstoff, um zu leben. Der Befall ist in der Regel nicht gefährlich. Bei akutem Befall – dann sprechen wir aber von mehreren Larven – kann es zu Entzündungen und gelegentlich auch Fieber kommen." Zum Glück herrschte nach einer Larve aber in meinem Sack aber wieder Ruhe.

Menschen, die diese Dasselfliege kennen, wissen natürlich auch, wie man so einen Parasiten bekämpft. Eine Methode ist folgende: einfach ein bisschen Vaseline auf das kleine Loch in der Wunde streichen. So kappt man die Sauerstoffzufuhr und die Larve erstickt. Mit einer Pinzette kann man dann das Tier in Ruhe herausholen. Eine deutlich einfachere, aber auch durchaus ekeligere Variante ist der Bacon-Trick. Hierzu legt man einfach ein Stück Speck neben die Wunde – die Made wird durch den Speck-Geruch angelockt und verlässt ihr Nest vorzeitig. Beim nächsten Mal weiß ich Bescheid, was getan werden muss.

Zum Glück habe ich die ganze Geschichte gesund überstanden. Auf Anweisung einer anderen Ärztin habe ich prophylaktisch noch ein paar Antibiotika geschluckt und damit war die Sache abgeschlossen. Mir wurde versichert, dass so ein Madenbefall ungefährlich ist. Eklig, aber immerhin ungefährlich.

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