Wir haben am Karlsplatz nach Jugendbanden gesucht

Wir haben am Karlsplatz nach Jugendbanden gesucht

Laut der Tageszeitung 'Österreich' erlebt der Karlsplatz gerade eine Renaissance als Crime-Hotspot. Wir waren dort und haben mit Menschen vor Ort gesprochen.
26.1.17

Fotos von der Autorin

Am Montag wurde auf oe24, dem Online-Portal der Tageszeitung Österreich, eine Wien-Karte veröffentlicht, die aufzeigen soll, an welchen angeblichen Brennpunkten sich welche Jugendbanden aufhalten. Die verschiedenen Orte werden als "Kriminalitäts-Hotspots" bezeichnet, die Reviere seien abgesteckt und "marodierende Jugendbanden" sollen hier ihr Unwesen treiben. Das klingt erst einmal ziemlich dramatisch – so wie vieles andere in den Boulevard-Medien.

Der Westbahnhof wurde von Österreich & Co. sowieso längst zur No Go-Area erklärt und es wird am laufenden Band von "Alarmstufe Rot"und "Bandenkriegen" berichtet – auch wenn in diesem Lokalaugenschein der Bezirkszeitung eindeutig ein anderer Eindruck entsteht. Auch auf der Donauinsel sollen sich außerdem alle möglichen Banden aufhalten, der Schottenring gehöre den Nordafrikanern und überhaupt sei ganz Wien nur noch zum Fürchten.

Aber nicht nur die Kollegen vom Bezirksblatt hat diese Karte ein wenig nachdenklich gestimmt, sondern auch uns. Jeden Morgen gehe ich auf dem Weg zur Arbeit (und jeden Abend auf dem Weg nach Hause) über den Karlsplatz, wo laut der Karte afghanische Jugendbanden den Ton angeben sollen und die Passanten in Angst und Schrecken versetzen.  Der Karlsplatz soll laut dem Bericht sogar eine regelrechte Renaissance erleben und an früher erinnern, als sich dort die "Drogenszene und Schlägerbanden aufhielten", wie oe24 schreibt.

Was ich aber hier jeden Tag mehrmals sehe, sind Studenten, die mit irgendwelchen in letzter Sekunde gebauten Modellen in die TU hetzen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Touristen, die verzweifelt den Musikverein suchen. Was ich hier nicht sehe, sind irgendwelche Jugendbanden und fürchten musste ich mich auch noch nie. Um mir ein umfassenderes Bild zu machen, beschließe ich, mit Menschen zu sprechen, die ein wenig mehr Zeit an einem der angeblichen Crime-Hotspots Wiens verbringen.

Erst vor wenigen Wochen soll am Bahnsteig am Karlsplatz ein Mann angegriffen worden sein, nachdem er Jugendliche, die dort geraucht hatten, auf das Rauchverbot hingewiesen habe. Dabei wurde sein Mittelfinger gebrochen. Der im Jänner angegriffene Musiker meint zwar, "seiner Einschätzung nach könnte es sich um Asylwerber gehandelt haben", bestätigt konnte diese Einschätzung jedoch nicht werden. Anfang Dezember soll am U4-Bahnsteig ein Journalist zusammengeschlagen worden sein. In beiden Fällen sind die Täter nicht bekannt, wie die Pressestelle der Wiener Polizei auf Nachfrage bestätigt. Dennoch werden diese beiden Geschichten nun hergenommen, um zu beweisen, wie schlimm es am Karlsplatz aufgrund afghanischer Jugendbanden zugehe.

Als ich über den Karlsplatz gehe, ist er quasi leer. Einige Passanten gehen durch den Resselpark, ein paar Studenten sind auf dem Weg zur Uni, Menschen schießen Fotos von der Karlskirche und posieren. Als ich eine junge Frau, die gerade aus der U-Bahn-Station kommt, und auf dem Weg zur TU ist, anspreche und frage, ob sie hier am Karlsplatz bemerkt hätte, dass es in letzter Zeit gefährlicher würde und Jugendbanden herumlungern, meint sie: "Davon habe ich gar nichts mitbekommen und fürchten musste ich mich auch noch nie." Fast muss sie bei meiner Frage ein bisschen lachen und man merkt ihr an, dass sie die Frage ein wenig absurd findet.

"Also ich musste mich noch nie fürchten – und meine Kolleginnen mit Sicherheit auch nicht."

Die Menschen, die mitunter wohl die meiste Zeit am Karlsplatz verbringen, sind die Angestellten der verschiedenen Geschäfte: die Bäckereiverkäuferinnen, die Menschen, die am Infopoint der Wiener Linien sitzen und die Trafikantinnen. Als ich in die Ströck-Filiale in der U-Bahn-Station gehe und eine der Frauen hinter der Theke frage, ob ihr in letzter Zeit aufgefallen ist, dass es am Karlsplatz gefährlicher würde, meint sie, sie hätten im Laden noch nie Probleme gehabt und auch in der Halle sei ihr nie etwas aufgefallen. "Also ich musste mich noch nie fürchten – und meine Kolleginnen mit Sicherheit auch nicht", lacht sie. Ein Wiener Linien-Mitarbeiter, der in der menschenleeren Vorverkaufsstelle sitzt, meint auf meine Frage: "Meines Wissens nach ist hier am Karlsplatz nichts."

Vor allem würde sich die Situation auch für Frauen verschlechtern, die beispielsweise in der Nähe der sogenannten Hotspots arbeiten, schreibt oe24. Beispiel hierfür seien Trafikantinnen, die ein Leben in Angst führen würden, weil es unter anderem auch am Karlsplatz beinahe täglich zu Angriffen unter rivalisierenden Jugendbanden kommen würde. Bisher hat sich diese Annahme bei meinem Lokalaugenschein in keiner Weise bestätigt und ich frage zwei Trafikantinnen in der Unterführung am Karlsplatz, wie es ihnen in ihrem Arbeitsalltag hier geht: "Also ich persönlich finde, als Frau muss man ja immer ein bisschen schauen und ist vorsichtig. Aber hier am Karlsplatz ist es nicht anders als überall in der Stadt. Ich bin mir keiner Banden bewusst und habe mich noch nie bedroht gefühlt." Ihre Kollegin stimmt ihr zu.

Eine ältere Passantin, die am Bahnsteig gerade auf die U1 wartet, meint auf Nachfrage, dass die Geschichte, am Karlsplatz gäbe es gefährliche Jugendbanden, Quatsch sei: "Ich fahr hier wirklich oft und hab noch nie was von solchen Banden oder ähnliches gesehen. Die schreiben das auch einfach, weil es jetzt beim Westbahnhof angeblich zum Fürchten ist und münzen das auf alle möglichen Stationen um."

Direkt an einem der Eingänge zur U-Bahn-Station Karlsplatz ist eine Polizeiinspektion untergebracht und auch dort weiß man nichts von irgendwelchen Banden, die sich bekriegen und Revierkämpfe ausfechten. Diese Einschätzung bestätigt auch die Pressestelle der Wiener Polizei auf Nachfrage: "Der Karlsplatz ist überhaupt nicht auffällig."

Ja, am Karlsplatz gab es im Dezember und Jänner zwei Vorfälle, bei denen unbeteiligte Passanten angegriffen worden sein sollen. Das ist zugegebenermaßen beschissen – egal, woher die Täter kommen. Das ist jedoch noch lange kein Grund, einen Ort kurzerhand zum Brennpunkt zu erklären und ohne Anhaltspunkte von afghanischen Jugendbanden zu sprechen. Vor allem dürfen wir trotz vereinzelter Übergriffe und Vorfälle nicht vergessen, dass die Kriminalität in Wien laut der aktuellsten Statistik des Innenministeriums im Jahr 2015 ein Rekordtief erreicht hat und wir hier in Wien in einer unglaublich sicheren Stadt leben, in der sich auch ein Großteil der Menschen sicher fühlt. Bei einer Umfrage der Stadt Wien gaben mehr als 37 Prozent der Befragten an, sich sehr sicher zu fühlen, etwa die Hälfte meinte, sie fühle sich in Wien sicher. 2,3 Prozent gaben an, sich gar nicht sicher zu fühlen.

Keine der Personen, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, konnte die afghanischen Jugendbanden und das Aufleben des Karlsplatzes als Hotspot bestätigen, hat sich gefürchtet oder führt ein Leben in Angst. Es scheint, als wäre das Gefährlichste, das sich derzeit am Karlsplatz findet, der _Österreich_-Zeitungsständer.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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