Irland

Ich bin stolz, zu St. Patrick's Day ein betrunkener Ire zu sein

Du glaubst, Irland ist sich seines Rufs als Trinkernation nicht bewusst? Glaub mir, wir sind es uns. Wir hatten schon genügend Kater, blutige Knie und gescheiterte Beziehung, um genau zu wissen, wo wir stehen: irgendwo zwischen einem AA-Treffen und...

von James Nolan
17 März 2015, 4:52pm

Photo via Flickr user Marion Wacker

Jedes Jahr um diese Zeit ist es als Ire mein Schicksal, als Säufer hingestellt zu werden. Pünktlich zum 17. März, dem „Paddy's Day", tauchen die unvermeidlichen Artikel auf, die über das Grab meiner immer noch lebendigen Kultur ragen und uns Iren beispielsweise beschuldigen, unser Hang zum Trinken in Länder zu exportieren, die scheinbar puritanisch waren, bevor wir ankamen.

Obwohl das Klischee der Wahrheit entspricht—dass Iren viel trinken—, soll die Giftigkeit, mit der darauf hingewiesen wird, nahelegen, dass wir uns dessen nicht bewusst sind. Aber glaub mir, das sind wir uns. Wir hatten alle genügend schlimme Kater, blutige Knie und gescheiterte Beziehungen, um genau zu wissen, wo wir stehen: irgendwo am Rande des totalen Chaos, zwischen einem AA-Treffen und einer weiteren Runde Shots.

Wenn sich irische Politiker über unser Trinkverhalten beschweren und jedes Mal die Preise erhöhen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben, geht uns das einfach nur auf die Nerven. Wir wissen, dass wir uns ändern müssen, aber wir wissen auch, dass das Bedürfnis, sich zu betrinken, stärker ist. Das akzeptieren wir, genauso wie wir auch akzeptieren, dass dieses Klischee nicht verschwinden wird, solange uns die Welt dabei zusieht. Und darum geht es uns im Grunde beim St. Patrick's Day: dieses Klischee mit ganzem Herzen zu feiern.

Hier sind ein paar vernichtende Statistiken: Irland konsumiert 11,6 Liter puren Alkohol pro Person pro Jahr (im Vergleich zu 10 in Großbritannien und 9,6 in Deutschland) und 53 Prozent der Männer trinken sich mindestens ein Mal pro Monat in den Vollrausch, im Vergleich zu 10,5 in den Niederlanden und 19,4 Prozent in Deutschland. Es gibt noch zahlreiche weitere Statistiken, aber ich glaube, ihr habt es verstanden.

Alkohol wird in Irland seit dem 18. Jahrhundert getrunken, als die Erfindung von Gin zu starkem Alkoholkonsum führte. Obwohl die Abstinenzbewegung das Problem in den darauffolgenden 100 Jahren ziemlich gut in den Griff bekam (mehr als die Hälfte der Bevölkerung war bis zur Großen Hungersnot von 1845 abstinent), wurde das Trinken zu einer weit verbreiteten Methode, mit dem Tod von einer Millionen Menschen und der Emigration einer weiteren Million umzugehen.

Junge Burschen begannen „wie Männer zu trinken", um ihre Alkoholtoleranz und ihre Männlichkeit zu beweisen und gleichzeitig zu kompensieren, dass sie sich weder Land leisten konnten, noch verheiratet waren. Und da im Grunde alle Schulen in der Hand der katholischen Kirche waren, wurde die Sicht der Welt als „Jammertal" zur Norm. Jeder akzeptierte, dass Leiden eine natürlich Konsequenz des Lebens war.

Auch heute, wo 90 Prozent der Grundschulen immer noch von der katholischen Kirche betrieben werden und im staatlichen Fernsehen Messen und Gebete übertragen werden, werden wir ständig an unsere Sündhaftigkeit erinnert. Es ist zwar nicht mehr so schlimm, wie es einmal war, aber ein gewisses Schuldgefühl bleibt trotzdem im Herzen der irischen Psyche—was auch größtenteils dafür verantwortlich ist, dass wir uns nicht öffnen können. Folglich fehlen vielen Familien und Beziehungen die nötige Intimität, weshalb wir uns nach innen kehren, verbittert werden und schließlich anfangen zu trinken.

Wir wissen, dass wir uns ändern müssen, aber wir wissen auch, dass unser Bedürfnis, sich zu betrinken, stärker ist. Das akzeptieren wir, genauso wie wir auch akzeptieren, dass dieses Klischee nicht verschwinden wird, solange uns die Welt dabei zusieht. Und darum geht es uns im Grunde beim St. Patrick's Day: dieses Klischee mit ganzem Herzen zu feiern.

Irgendwann ist die irische Bedrücktheit weniger stumpfsinnig geworden (weniger Armut und Religion, mehr allgemeine Probleme), aber trotzdem bleibt Alkohol unsere wichtigste Methode, um mit Problemen klarzukommen—nicht nur, weil es die am wenigsten beschämende ist, sondern auch, weil sie in unserer Kindheit so allgegenwärtig war, dass es sich anfühlt, als hätten wir gar keine andere Wahl.

Als jemand, der erst kürzlich noch ein Teenager war, kann ich bestätigen: Wenn du jemanden kennst, der alt genug ist, um dir Alkohol zu kaufen, trinkst du. Du steht im Kreis und wetteiferst mit den anderen, wer am meisten trinken kann. So sind wir: Teil einer Kultur, die sich seit den 1980er-Jahren stark verändert hat, die aber immer noch von denselben, alkoholgetränkten Wurzeln herrührt.

Wer heute in Irland aufwächst, ist nicht mit Armut und Religion konfrontiert, sondern mit Partys zum 18. Geburtstag, abgelegenen Kleinstädten oder Dörfern, in denen es nichts zu tun gibt, Seifenopern, die meistens in Pubs spielen, und Werbung für Alkohol, bei der eine Marke—Guinness—den Status eines Nationalheiligtums genießt, obwohl sie seit 1997 im Besitz eines englischen Unternehmens ist.

Alkohol ist ein derartig fester Bestandteil der irischen Kultur, dass es Jahrzehnte dauern würde, sich zu verändern—sollten wir das wollen. Trotz alledem bin ich der Meinung, dass das Trinken hier kaum etwas damit zu tun hat, sich als Ire zu fühlen, egal, wie sehr die anderen es glauben, wenn sie auf diesem Klischee herumreiten. Es ist viel mehr ein Nebenprodukt des irischen Daseins—außer am St. Patrick's Day.

Paddy's Day bedeutet nasse Tische und rutschige Böden, wenig Platz und Kotze. Aber Paddy's Day bedeutet auch, dass wir dazu stehen, wer wir sind, und unsere eigene Rolle anerkennen in etwas, das derart kollektiv verkommen ist, dass wir als Iren nicht nur dadurch vereint sein, sondern komplett verrückt sein müssen.

Wer heute in Irland aufwächst, ist nicht mit Armut und Religion konfrontiert, sondern mit Partys zum 18. Geburtstag, abgelegenen Kleinstädten oder Dörfern, in denen es nichts zu tun gibt, Seifenopern, die meistens in Pubs spielen, und Werbung für Alkohol, bei der Guinness den Status eines Nationalheiligtums genießt.

Paddy's Day ist der perfekte Tag, um sich männlich zu fühlen, seine Probleme zu vergessen und Spaß zu haben. Während unsere irische Identität neben dem Besäufnis ein eher nebensächlicher Aspekt ist, leben wir sie, indem wir akzeptieren, dass dieses Klischee der Wahrheit entspricht. Anstatt davor zurückzuschrecken, feiern wir es. Es ist unsere Währung—wenn wir Leute auf der ganzen Welt treffen, identifizieren sie uns immer als Trinker und Partygänger. Und das gefällt uns, nicht nur, weil wir es mit Härte assoziieren, sondern auch, weil wir dadurch sofort als Persönlichkeiten anerkannt werden.

Die meisten von uns sind süchtig nach dieser Art der Anerkennung. Wir zerstören uns lieber selbst und erhalten dadurch unseren Ruf aufrecht, als einfach bloß irgendeine andere namenlose Kultur darzustellen. Wir besaufen uns und wollen eure Aufmerksamkeit, und obwohl es tausend andere Dinge gibt, auf die wir stolz sein könnten—unsere Schriftsteller, unsere Sportler, unsere Geschichte des Widerstands—, hat sich immer wieder gezeigt, dass nichts so viel Anerkennung bringt wie unsere Trunkenheit.

Die Zerstörung unserer Gesellschaft für Anerkennung ist ein teurer Preis. Alkohol kostet unserer Wirtschaft 3,7 Milliarden Euro pro Jahr und verschlingt 8,5 Prozent des gesamten Gesundheitsbudgets, inklusive 2.000 Krankenhausbetten pro Nacht. Bei einer Gesamtbevölkerung von 4,5 Millionen sorgt er jedes Jahr für 1.200 Krebsfälle.

In Irland sterben fast doppelt so viele Menschen an Alkohol, wie an allen anderen Drogen zusammen und ein Drittel der tödlichen Autounfälle und ein Viertel aller Todesfälle unter Männern zwischen 15 und 39 sind eine Folge des Alkoholskonsums. Fast die Hälfte aller Mörder stand beim Tatzeitpunkt unter Alkoholeinfluss, genauso wie 76 Prozent aller Vergewaltigungsopfer. Jeden Monat sterben in Irland 88 Menschen als Folge von Alkohol.

Weil wir glauben, dass das Klischee mittlerweile unvermeidbar ist, haben wir auf eine verrückte Art und Weise das Gefühl, wir hätten die Kontrolle darüber, indem wir ihn feiern und so unsere Überlegenheit unter Beweis stellen. Wenn der Rest der Welt die Augen auf uns richtet, wissen wir, dass wir uns eigentlich am St. Patrick's Day von unserer besten Seite zeigen sollten. Trotzdem tun wir es nicht und sagen einfach „Fuck you". Aber zu wem sagen wir das eigentlich? Zu denen, die auf diesem Klischee beharren oder zu uns selbst? Macht das überhaupt einen Unterschied?

Es ist die Verrücktheit (oder besser gesagt, diese Schizophrenie), die letztendlich am besten beschreibt, wie es sich als Ire am Paddy's Day anfühlt, besser als irgendein Klischee oder Artikel—dieser hier eingeschlossen—es je könnte. Aber schreib trotzdem darüber, Welt, trink dein Guinness und zieh etwas Grünes an. Und während dieser Scherz auf deine Kosten geht, geht ein anderer, viel tragischerer, auf unsere: einer, den du nie verstehen wirst, aber den wir unermüdlich immer wieder erzählen.