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Eine Typologie der schlimmsten Tänzer beim Boiler Room

Die letzte aller wichtigen Fragen in unserem Universum ist endlich geklärt.

von Andreas Meixensperger
27 Februar 2015, 4:45pm

Auch wenn es oft nach Spaß aussieht, Boiler Room-Partys haben ungefähr so viel mit ekstatischem Feiern zu tun wie Pornofilme mit ekstatischem Sex. Trotzdem sitzen wir immer mal wieder mit kleinen Joints und großen Augen vor den Bildschirmen, weil die DJ-Sets manchmal wirklich erstklassig sind und so eine tanzende Crowd auch ziemlich gut aussieht. Ein paar Fragen bleiben aber nach jedem Video zurück: Was sind das für Idioten, die da manchmal neben unseren Idolen rumhampeln, wie haben die es da reingeschafft und warum tut niemand was dagegen? Wir haben das Verhalten der nervigsten Boiler Room-Exemplare beobachtet und nach mehreren Nächten der Videoanalyse endlich Antworten gefunden. Lest hier unsere Typologie der größten Boiler Room-Idioten und hört euch zur Begleitung ein besonders schönes Boiler Room-Set von Steve Bug an:


Die Quasselstrippe (Boiler Room Edition)

Quasselstrippe meint hier nicht die Menschen im Hintergrund, die ihren Freunden mit All-Inclusive-Erlebnissen vom letzten Urlaub die Ohren abkauen oder den Host, wenn er wieder mal betont, jetzt aber wirklich den weltbesten DJ aller Zeiten vorstellen zu dürfen und welch Ehre es ist und bla ... Nein, diese Leute sind anerkannte Mitglieder unserer Zivilgesellschaft und wissen, dass ihnen diese akustische Umweltverschmutzung wegen großer Taten an anderer Stelle zusteht. Diese Menschen sind keine Idioten -- im Gegensatz zur Boiler Room-Quasselstrippe (BRQ). Die BRQ kommt aus dem Nichts und überfällt arg- und wehrlose DJs -- von hinten. Sobald das Opfer der BRQ sich in der neuen Umgebung sicher fühlt, so nach 40 Minuten, schlägt sie zu. Zu diesem Zeitpunkt will der DJ in der Regel den Mood des Sets erstmals ändern und hat somit den schwierigsten Übergang seines Lebens vor sich. Sobald er den Kopfhörer kurz lüftet, schnellt die BRQ aus der Tiefe des Raumes und erzählt dem Star des Abends von ihrem eigenen Set 2001, als sie bei der Erstsemester-Party „One More Time" von Daft Punk aufgelegt und so ihre Ex erobert hat. Alles klar. Cool. Fuck off.

Mitleidsfaktor: 4/10 --- Arschlochfaktor 8/10


Die Mauer der miesen Laune

Die Mauer der miesen Laune erkennst du an ihrem Business-Outfit. Sie kommt direkt aus dem Büro, wo sie einen aus ihrer Sicht beschissenen Job bei einem Boiler Room-Sponsoringpartner hat. Im Boiler Room wollte die miese Wand nach Feierabend ein paar neue Job-Optionen auftun, denn sie wusste nicht, dass man hier tanzt und dabei gefilmt wird. Musik mag die Mauer nicht, Tanzen schon erst recht nicht. Und weil das mit der Job-Option sowieso nichts mehr wird, sucht die miese Mauer bei Tinder nach neuen Fremdgeh-Optionen und sorgt kurz danach mit ihrer schlechten Laune wegen der verbrauchten Likes und fehlenden Matches für einen tanzfreien Radius von etwa drei Metern. Wenn du ein Video mit einer miesgelaunten Mauer siehst, sofort auf Soundcloud skippen, sie ist ansteckend.

Mitleidsfaktor: 2/10 --- Arschlochfaktor: 9/10

Der Nachwuchs-DJ

Ist ein Nachwuchs-DJ im Boiler Room, werden wir nicht nur Zeuge eines guten DJ-Sets. Nein, wir werden vor allem Zeuge davon, dass der Nachwuchs-DJ Zeuge eines virtuosen DJ-Sets wird. Diese jungen Männer stehen immer in der zweiten Reihe halbrechts hinter dem DJ und wollen uns mit jeder ihrer Gesten zeigen, dass sie sämtliche Handgriffe und Tanzschritte des DJs verstehen und für ihr eigenes DJ-Set verinnerlichen, im Hobbykeller des Cousins, vor sieben Gästen. Vielleicht sollte ihn endlich mal jemand in den Arm nehmen, ganz fest drücken und sanft ins Ohr flüstern: „Jetzt! Genau jetzt ist der Moment, an dem du gehen solltest ... zuhause weiter üben, ja?"

Mitleidfaktor 10/10 --- Arschlochfaktor 2/10


Der Techniker

Immer, wirklich jedes Mal, wenn du dich gerade in den repetetiven Beats und Melodieschnipseln zu verlieren beginnst, rumpelt ein Techniker mit kariertem Hemd und Laptop durchs Bild. Warum tut er das? Er sollte doch am besten wissen, wo die Kameras stehen - er hat sie ja vorher aufgebaut. Während der Recherchearbeiten sind die Beweggründe dieses Verhaltens nicht ganz einfach zu rekonstruieren gewesen, nach langen Bibliothek-Sessions in den besten Psychologie-Fakultäten unseres Sonnensystems ist diese Übersprungshandlung aber natürlich total logisch und Boiler Room-systemimmanent; denn was dir nur in einer Zehntelsekunde unangenehm auffällt, hat eine lange Vorgeschichte:

Der Techniker ist schon seit acht Uhr morgens wach, er hat den DJs den Mixer eingerichtet, er hat das Licht und die Kameras aufgestellt, den Live-Stream gecheckt -- und jetzt, wo alles läuft, erntet er totales Desinteresse an seiner Person und seiner Leistung. Aber er kann natürlich nicht einfach nach Hause zu seiner Katze und der coolen Apple TV-Anlage gehen -- könnte ja sonst beim Livestream was schiefgehen. Also steht der Techniker blöd rum und muss stundenlang zusehen, wie die DJs den Ruhm für sein Werk ernten. Zunächst interessierte, später verstohlene Blicke des Technikers in Richtung potentieller Sexualpartner werden entweder gar nicht oder nur als stalkender Störfaktor wahrgenommen und so gut wie möglich ignoriert -- wer bumst schon gerne mit einem müden Nerd? Die unausweichliche Folge dieser Konstellation ist früher oder später bei allen Technikern dieser eine aufploppende Gedankengang: „Jetzt zeige ich allen hier, wer in Wirklichkeit der wichtigste Mensch im Boiler Room ist, so wichtig, dass er seeeehr wichtige Sachen direkt vor der Kamera machen muss. Wenn mich die Leute irgendwann fragen, was ich da getan habe, erzähle ich denen so lange was von VPN-Tunnels und DNS-Fehlern, bis die mich dankbar bitten, mir ein Bier ausgeben zu dürfen."

Für uns Youtube-Zuschauer äußert sich der Frust des Technikers wie erwähnt darin, dass der Techniker durch das Kamerabild rumpelt und uns aus unserer wohlverdienten Traumwelt reißt.

Mitleidsfaktor: 5/10 --- Arschlochfaktor: 3/10


Der Selfist des Terrors

Es gibt Leute, die machen Selfies im Club und welche, die filmen die Band und sich bei Konzerten -- alles schon relativ unangenehm für alle, die sich lieber mit Musik beschäftigen als mit Leuten, die Bilder machen, um zu zeigen, dass sie sich mit Musik beschäftigen. Die höchste Stufe selbstdarstellerischer, profilneurotischer Ignoranz ist damit aber noch lange nicht erreicht. Den vorläufigen Party-Arschloch-Höhepunkt stellen die Boiler Room-Terrorselfisten dar. Wir reden hier nicht von den Leuten, die Ihr Antlitz so lange wie möglich in die Boiler Room-Kamera halten, das ist ja irgendwo auch das Prinzip von Boiler Room. Nein, es gibt tatsächlich Leute, die so selbstverliebt sind, dass sie beim Boiler Room in die erste Reihe stellen, um sich von Boiler Room dabei filmen zu lassen, wie sie den DJ und sich selbst für ihren glattgebügelten Social-Media-Kanal aufnehmen. Ihr stört die Crowd, ihr stört den DJ, niemand braucht euch, geht bitte.

Mitleidsfaktor: 3/10 --- Arschlochfaktor: 10/10

Der Kameraflirter

Aber es gibt natürlich auch noch diejenigen, die wissen, dass sie sowieso ständig gefilmt werden und deshalb gleich direkt mit der Boiler Room-Kamera flirten. Aber warum nur? Wollen die entdeckt werden? Streben diese Menschen tatsächlich alle eine Karriere als Tänzer an? Denken die, dass Veranstalter ihre Go-Gos bei Youtube suchen ... nein, so dämlich kann kein Mensch sein. Vielleicht sind sie auch auf der Suche nach einem Lebens- oder Bumspartner und möchten mit der Boiler Room-Reichweite ihre Auswahlmöglichkeit erhöhen. Aber was sollen die Millionen von verliebten YouTube-Jogginghosen denn dann machen, um den Kameraflirter mit ihren unerschöpflichen Liebesvorräten zu überschütten? Auch das kann also nicht das Ziel von Kameraflirtern sein. Nach langen und nervenaufreibenden Exkursionen in die Untiefen der Psychoanalyse bleibt nur eine Möglichkeit. Diese Menschen flirten mit der Kamera, weil Heidi Klum und ihre Kollegen weltweit uns das wichtigste Mantra unserer Zeit eintrichtern, das man irgendwann auch nicht mehr hinterfragt: „Du musst mit der Kamera flirten!"

Mitleidfaktor 7/10 --- Arschlochfaktor 1/10

Der Groupie

Egal ob Nina Kraviz oder Seth Troxler am Pult steht, direkt daneben stehen vier bis sieben Groupies. Sie haben dem Veranstaltungskaufmanns-Azubi aus dem Office schon Monate vorher schöne Augen gemacht, damit sie auf die Liste kommen. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, der heiße Schweiß ihres Idols tropft auf ihren Unterarm und sie zerschmelzen vor Glück. Eigentlich gar nicht so verachtenswert, immerhin scheint dieser Groupie seine Helden mit großem Bedacht und exquisitem Musikgeschmack ausgewählt zu haben, wir sollten sein Verhalten also nicht verurteilen, sondern uns freuen, dass dieses Groupie-Exemplar eines der wenigen ist, das nicht der Musik von Guetta, Garrix und Kollegen zum Opfer gefallen ist.

Mitleidfaktor 3/10 --- Arschlochfaktor 0/10 --- Neidbonus 2/10

Noch mehr Gifs? ok eins haben wir noch Kaytranada hatte es echt nicht leicht an diesem Abend.

Den Rest gibt's bei http://brkwydln.tumblr.com/

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Veronika Winkler für die Idee und ihren Input zum Artikel