Berlin

​„Clubs sind nicht immer der richtige Ort, um Leute zusammenzubringen.“

Flüchtlinge brauchen vor allem Begegnungsstätten und Wohnungen statt Container. Wir sprachen mit Nora Brezger und Steffi-Lotta vom Holzmarkt/Kater Blau.

von Philipp Kutter
27 Januar 2016, 1:05pm

Foto: Natalie Mayroth

Soliparties für Refugees gehören seit einigen Jahren zum Bild der deutschen Clubszene, besonders in Berlin. Häufig wird dabei das klassische Konzept verfolgt, dass alle Einnahmen an Hilfsorganisationen für Flüchtlinge gehen. Der Holzmarkt verfolgt zusammen mit dem Flüchtlingsrat Berlin nun einen anderen Ansatz. Neben einer klassischen Party im Kater Blau, bei der das Line-Up allerdings etwas anders ist als sonst, gibt es eine Informationsveranstaltung des Flüchtlingsrates und der Kontaktstelle Flüchtlinge und Migranten (KuB), sowie ein Theaterstück und eine Ausstellung von Geflüchteten. Im Club spielen dann unter anderem Acid Pauli, Midas 104 (live) und Luna City Express. Wir sprachen mit Nora Brezger vom Flüchtlingsrat und Steffi-Lotta, Mitbetreiberin Holzmarkt/ Kater Blau, über den Zweck von Soliparties, die Probleme bei der Flüchtlingshilfe und die momentane Debatte in Deutschland.

Thump: Ihr macht jetzt zum ersten Mal eine Soliparty mit dem Holzmarkt im Kater Blau. Wie kam es dazu und was genau wird auf dieser Party gemacht?

Steffi-Lotta: Wir sind ja eigentlich kein politischer Club, nichtsdestotrotz haben wir natürlich eine Meinung. Der Holzmarkt ist bald fertig und wir wollen diese Party als Auftakt nutzen, um in Zukunft mit dem Flüchtlingsrat und auch mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten. Es gibt mit dem Holzmarkt einen Ort, der gefüllt und bespielt werden will. Und für den gilt: Menschen sind willkommen, egal woher. Wie das genau weitergeht, wird sich zeigen, bis jetzt sind Angebote für Deutschunterricht, über Kita-Plätze bis zur Möglichkeit, sich künstlerisch oder artistisch zu betätigen geplant. Für unsere erste Party haben wir Ammar—ein Fine-Art-Künstler aus Mosul im Irak—eingeladen, der seine Bilder während des Abends live malt. Auch Musê wird ihr Projekt vorstellen, für das sie Geflohene gebeten hat mit Einwegkameras ihren Alltag zu festzuhalten. Außerdem ist die Theatergruppe „Grenzfaelle" zu Gast.

Nora: Genau, das ist ein Theaterstück, bei dem auch Leute mitspielen, die sich damals bei der Besetzung des Oranienplatzes kennengelernt haben.

Steffi-Lotta: Anschließend spielt die BBstreetband live, Sawatzki&Kostner machen ein DJ-Set mit Violine und Wardita legt auf. Die Einnahmen gehen an den Flüchtlingsrat, der sich dann auch um die Verteilung der Gelder kümmert.

Nora: Uns geht es dabei nicht nur um die Party und auch nicht so sehr um die Einnahmen, sondern vor allem darum, mit Leuten in Kontakt zu kommen, die sich noch nicht so mit dem Thema befasst haben. Vielleicht können wir so mehr Leute gewinnen. Im besten Fall sogar Ehrenamtliche. Wir werden also erst mal über die Situation informieren: Welche und wie viele Flüchtlinge kommen überhaupt? Wie lange bleiben die? Dadurch können wir vielleicht schon ein paar Vorurteile abbauen. Das mache ich vor allem während meiner Arbeit, Menschen mit Workshops und ähnlichem zu sensibilisieren. Und eben auch um zu gucken, was konkret getan werden kann, wenn man auf so ein Engagement Bock hat.

Steffi-Lotta: Viele Feierleute wollen vielleicht helfen, wissen nicht wie und dem kann Abhilfe geschaffen werden. Auch einfach. Es ist vielleicht normal, wenn Leute sich fragen, was denn da alles so passiert derzeit und ob man das schlimm oder geil findet. Aber so ein bisschen Aufklärung hilft schon unheimlich viel. Um auch Unsicherheiten abzubauen.

Habt ihr auch geplant, aktiv Flüchtlinge zu der Party zu holen?

Steffi-Lotta: Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), mit dem wir zusammenarbeiten, weil wir unsere Büroräume zu Wohnungen für 11 Geflüchtete umgebaut haben, will einige Turnhallenbewohner mitbringen.

Und wie ist da die Resonanz? Kann Techno, können Clubs, Leute zusammenbringen?

Steffi-Lotta: Clubs sind nicht immer der richtige Ort, um Leute zusammenzubringen. Aber in einer Clubsituation ist es auch schwieriger, über spezielle Probleme von Geflüchteten und Freiwilligen zu reden und auf einander einzugehen. In einer normalen Nacht hier, kann man ja hier viel erleben, von 0 auf 100 gehen, da kommen nicht alle drauf klar, deswegen unter anderem auch die Selektion an der Tür.

Nora: Ja, das kann ich bestätigen. Ich hab Flüchtlinge angesprochen und für viele kam es gar nicht in Frage, zu der Party am Abend tatsächlich zu kommen. Wir waren auch schon mit zwei Flüchtlingen hier. Der eine war Künstler aus Syrien und fand es super, der andere kam grad von der West-Balkan-Route und der fand es super komisch. Ich weiß gar nicht, ob viele kommen werden.

Wie sieht es mit der Türpolitik aus? Wie ändert sich das langfristig im Bezug auf Flüchtlinge, die Interesse am Feiern haben?

Steffi-Lotta: Geflohene oder Menschen mit Migrationshintergrund kommen oft in großen Männergruppen, das ist immer ein Kriterium, Leute nicht reinzulassen, egal welcher Herkunft. Das ist ja auch der Ansatz unserer Veranstaltung, es geht nicht nur ums Helfen. Es geht um Grenzen und zwar beidseitig. In allen Köpfen. Die hier lebenden Leute haben Grenzen in den Köpfen, aber auch die Geflohenen. Es gibt einfach Spielregeln. Auch für einen Club. Ich handel oft nach Bauchgefühl, ob ich jemanden reinlasse. Damit liege ich bestimmt auch manchmal falsch, aber anders geht es nicht.

Die Gemeinschaftsküche der Wohnungen, die in den ehemaligen Büros des Holzmarktes entstanden sind. Foto: Natalie Mayroth

Flyer mit Benimmregeln sind nicht geplant? Das steht nach den Berichten über mutmaßliche sexuelle Belästigungen in Freiburger Clubs grad wieder zur Debatte.

Steffi-Lotta: Im Club haben wir sowas nicht geplant. Wir wollen keine Bedienungsanleitung für das Feiern liefern. Natürlich muss aber zum Beispiel sexuelle Belästigung verhindert werden, immer und egal woher die Menschen kommen. Wir achten auf die Gäste. Und wenn bei uns etwas passiert, schalten wir die Polizei ein und tun, was nötig ist.

In Freiburg gab es auch verschiedene Berichte darüber, dass Clubs Flüchtlinge grundsätzlich nicht reinlassen würden, wegen sexueller Belästigungen, die stattgefunden haben sollen.

Steffi-Lotta: Soetwas würden wir nicht machen, das ist rassistisch. Wir wollen es bunt haben. Auch im Club, nur eben mit gewissen Spielregeln. Falls es Probleme geben wird, werden wir sie lösen müssen. Aber der Club hat eine Tür und der Holzmarkt wird frei zugänglich sein, ein Kiez eben.

Nora: Ich würde da auch erst mal positiv rangehen, es gibt ja schon viele Begegnungsorte und in der Regel klappt das auch. Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge cool und gut erzogen usw. Das gute an unserem Projekt ist, dass es ein gemeinsames Projekt von Nicht-Geflüchteten und Geflüchteten ist. Momentan gibt es in Deutschland eine Zweiteilung von einerseits Leuten, die gegen Flüchtlinge sind und andererseits denen, die den „armen Geflüchteten" helfen. Es gibt wenig politische Aktionen, oder wirkliches Zusammenleben. Viele von denen, den geholfen wird, haben ja häufig mehr drauf als diejenigen, die helfen. Insofern ist es auch cool, dass die Leute hier am Holzmarkt mit eingebunden werden und zum Beispiel was bauen können etc. Deshalb war die Anfrage von Lotta auch was besonderes, denn da handelt es sich um etwas Langfristiges.

Steffi-Lotta: Unser ganzes Team hat Lust drauf. Und das ist natürlich mit 11 Menschen, die jetzt hier in die Wohnungen einziehen sollen, viel einfacher gemacht als mit 300. Bei 11 Leuten kann man sich auch hinsetzen und sagen: Was ist denn grad dein Problem? Und dann kann man das ausdiskutieren und dann einen Schritt weitergehen zusammen. Und diese Schritte sind es ja auch, worauf es ankommt und wir uns freuen.

Welche Hilfe aus der Politik würdet ihr euch bei eurer Arbeit wünschen?

Steffi-Lotta: Na gar keine. (lacht)

Nora: Wir natürlich schon. Wir würden uns auf jeden Fall eine andere Wohnungsbaupolitik wünschen. Nicht Turnhallen belegen, sondern sozialen Wohnungsbau fördern bzw. wieder aufleben lassen. Und illegale Ferienwohnungen aufspüren. Außerdem würden wir uns wünschen, dass man mehr Aufklärung betreibt und mehr Begegnungsstellen schafft, statt immer nur zu sagen „Wir schaffen das!", ohne zu sagen wie man es schaffen soll. Auf der Berliner Landesebene: keine Ghettoisierung auf dem Tempelhofer Feld. Einfach Wohnungsbau.

Also wäre eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes mit richtigen Wohnungen ok?

Nora: (Lacht) Also Container mit Flüchtlingen werden einfach zu einer Ghettoisierung führen. Es gibt so viel Leerstand in Berlin, über 20 000 Wohnungen.

Eine der Wohnungen für die Geflüchteten. Foto: Natalie Mayroth

Es gibt ja immer mal wieder die These von einer unreflektierten Flüchtlingsbegeisterung. Wie seht ihr das?

Nora: Es gibt Leute, die unabhängig davon, wo jemand herkommt, erst mal helfen wollen. Aber es gibt auch in keinem anderen europäischen Land so viele brennende Flüchtlingsheime. Also ich würde sagen es gibt ein unvoreingenommenes Helfen aber keine Begeisterung. Einige brechen ihr Ehrenamt dann auch wieder ab, weil sie es sich anders vorgestellt haben oder meinen, dass die Flüchtlinge nicht dankbar genug seien. Momentan habe ich den Eindruck, dass die Vorurteile eher wachsen, speziell seit Köln. Viele trauen sich jetzt wieder, öffentlich Sätze zu sagen, die sich vor zwei Jahren nicht getraut hätten.

Inwiefern ist der Kontakt mit Flüchtlingen wichtig um Vorurteile abzubauen?

Nora: Ich glaube, dass Leute, die wirklich schon mal Kontakt mit Flüchtlingen hatten, nicht auf eine Pegida Demo gehen. Da gibt es dann auch eher positive Überraschungen. Viele neue Ehrenamtliche sind auch erst mal überrascht und bemerken, dass sie selbst Vorurteile hatten, die sich dann in der Praxis widerlegt haben.

Führt die vermehrt negative Berichterstattung in den letzten Wochen zu diesen Vorurteilen?

Nora: Ich würde sagen, sie greift die bestehenden Vorurteile auf. Jetzt setzen sich alle auf einmal für Frauenrechte ein, das ist echt lächerlich. Weil es deutsche Frauen erwischt hat und die Täter eventuell Geflüchtete waren. Es gibt aber sehr gute Petitionen im Internet, die sagen, dass man sexuelle Gewalt nicht runterspielen darf, egal von wem sie kommt. Und das ist wichtig.

Steffi-Lotta: Ich glaube viele Menschen, die Vorurteile haben, nehmen dann solche Berichte wie die über Köln, um ihre Ansicht zu bestätigen.

Wie belastend ist die ehrenamtliche Arbeit als Flüchtlingshelferin?

Nora: Viele ehrenamtliche sind ausgebrannt, weil sie für Kleinigkeiten wie einen Krankenschein für zum Beispiel krebsleidende Flüchtlinge trotzdem lange kämpfen müssen, weil die Bürokratie es ihnen so erschwert. Deshalb brauchen wir neben diesem Engagement auch noch andere Formen der Hilfe, wie zum Beispiel das Holzmarkt Projekt.

Mitarbeit: Natalie Mayroth

Mehr Infos:

www.katerblau.de

www.holzmarkt.com

http://www.jungeraufbruch.tumblr.com/ Grenzfaelle Theater

http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/