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Verbrechen

Wie es sich anfühlt, auf den Mörder der eigenen Tochter zu treffen

Nach zwölf Jahren erfuhr Jeanette Popp: Die falschen Männer wurden für den Mord an ihrer Tochter verurteilt. Sie suchte beim wahren Täter nach Antworten.

von Jeanette Popp, aufgezeichnet von Maurice Chammah
13 März 2017, 7:00am

Chris Ochoa während der Gerichtsverhandlung | Foto: Robert Gauthier/Los Angeles Times via Getty Images

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden, einer gemeinnützigen Nachrichtenorganisation, die sich mit dem US-amerikanischen Justizsystem beschäftigt.

Jeanette Popps Tochter, Nancy DePriest, wurde im Jahr 1988 in Austin, Texas, ermordet. Mehrere Wochen später verhaftete die Polizei Christopher Ochoa und Richard Danziger. Ochoa gestand während des Verhörs und forderte, wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt zu werden. Danziger wurde wegen Vergewaltigung schuldig gesprochen.

Mehr als ein Jahrzehnt später erfuhr Popp, dass die beiden Männer unschuldig waren. Sie entschloss sie sich dazu, den wahren Mörder ihrer Tochter zu treffen.


Als meine Tochter starb, verlor ich meinen Lebenswillen. Ich besaß eine Waffe und ich wollte meinen ganzen Mut zusammenzunehmen und mich selbst umbringen. Meine Schwester gab mir eine Ohrfeige und sagte: "Willst du, dass unsere Mutter das Gleiche durchmachen muss wie du?"

Und ich merkte: Das konnte ich ihr nicht antun.

Der Prozess gegen die vermeintlichen Mörder meiner Tochter stieß auf großes öffentliches Interesse. Meine Familie, aber auch Menschen, die wir nie zuvor gesehen hatten, forderten Gerechtigkeit. Ich weiß noch, wie mich Richard Danziger während der Gerichtsverhandlung einfach nur anstarrte. Er beharrte auf seiner Unschuld. Aber warum hätte ich ihm glauben sollen? Es gab keinen Grund, an der Polizei, den Ermittlern und dem Oberstaatsanwalt zu zweifeln. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, das gesamte Justizsystem in Frage zu stellen.

Zwölf Jahre später war ich gerade bei der Arbeit, als mich mein Schwager anrief. Er sagte, ich solle den Fernseher einschalten. Der Oberstaatsanwalt verkündete, dass sie die Falschen hinter Gitter gebracht hatten. Ich war so überrumpelt, dass ich mich setzen musste. Ich dachte: "Oh mein Gott!" Und ich wurde wütend, weil man mir nicht zuvor Bescheid gesagt hatte. "Was zum Teufel machen die da?", schoss es mir durch den Kopf. "Er hat doch alles gestanden. Er ist der Schuldige." Am Telefon stritt ich mich mit einem stellvertretenden Staatsanwalt. Anschließend rief ich die Anwälte von Ochoa und Danziger an. Ich glaube, sie dachten, dass ich sie richtig zur Sau machen werde. Aber ich wollte nur die Wahrheit erfahren.

Ich fühlte mich schrecklich, fragte mich, ob ich früher etwas hätte merken sollen. Wenn eine falsche Verurteilung ans Licht kommt, dann beginnt für die Familie des Opfers alles von vorne: Die falsch Beschuldigten kommen frei und ein neues Gerichtsverfahren wird angesetzt. Ich fragte mich: Wie konnte das passieren?

Ich kontaktierte Ochoa, der immer noch im Gefängnis saß. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich wollte ihn nur wissen lassen, wie sehr mir alles leid tat und wie sehr mir das Leid seiner Mutter zu schaffen machte. Sie wusste ja, dass ihr Sohn zu keinem Mord fähig war. Mütter wissen so etwas einfach.

Am Tag von Ochoas Freispruch saß ich im Gerichtssaal neben seiner Mutter und hielt ihre Hand. Nachdem der Richter das Urteil gesprochen hatte, machte ich Platz, damit sie zu ihrem Sohn gehen konnte. Wir aßen dann alle zusammen zu Abend. Ochoa bestellte ein riesiges T-Bone-Steak. Es machte mich unglaublich froh, ihn in Freiheit zu sehen. Außerdem war es offensichtlich, dass er lange kein gutes Essen mehr bekommen hatte. Irgendwann nahm ich ihn dann beiseite und fragte, warum er die Tat gestanden hatte. Er sagte, dass er nach dem stundenlangen Verhör ohne Essen und Trinken einfach nicht mehr konnte.

Danziger wurde ebenfalls entlastet und freigesprochen. Andere Häftlinge hatten ihn vorher jedoch so heftig verprügelt, dass er einen Hirnschaden erlitt. Ich habe ihn nie persönlich getroffen. Er ist ein Dauerpflegefall und verbüßt deswegen in gewisser Weise auch weiterhin eine Strafe.

Der tatsächliche Mörder meiner Tochter ist ein Mann namens Achim Marino. Er saß aufgrund eines anderen Verbrechens im Gefängnis. Er wurde dort religiös. Und das war auch der Grund, weswegen er schließlich gestand, Nancy getötet zu haben. Ich hatte mein Vertrauen in das Justizsystem verloren. Deshalb wollte ich, dass er mir selbst erzählt, was damals wirklich passiert war.

Ich besuchte Marino im Gefängnis. Wir saßen uns an einem Tisch gegenüber. Mit seinen vielen Tattoos und seinem durchdringenden Blick konnte er einem wirklich Angst einjagen. Ich fragte ihn, warum er meine Tochter umgebracht hatte. Er antwortete, die Stimmen in seinem Kopf hatten ihm gesagt, seine Kopfschmerzen und die Stimmen selbst würden nach einem Menschenopfer weggehen.

Meine Frage, ob das so eingetreten sei, verneinte er. Ich wollte wissen, ob meine Tochter noch irgendetwas gesagt hatte. Er sagte, sie bat ihn nur darum, ihr nicht wehzutun. Ich fragte, ob sie sich gewehrt hatte. Diese Frage verneinte er. Sie habe nicht mitbekommen, wie er seine Waffe zog, um sie zu erschießen.

Dann sah er mir in die Augen und entschuldigte sich. Ob ich ihm seine Reue abnehme? Ich bin mir nicht sicher.

Schließlich sagte er noch, dass ihm eine Hinrichtung lieber wäre, als den Rest seines Lebens hinter Gittern zu verbringen. Diese Forderung konnte ich nicht gutheißen. Ich dachte: Auch Marino hat eine Mutter. Sie ist für seine Taten nicht verantwortlich und was würde es bringen, ihr den Sohn wegzunehmen? Ich meinte zu den Reportern: "Ich werde die Erinnerung an meine Tochter nicht mit dem Blut dieses Mannes beschmutzen." Ich muss jedoch ehrlich sein: Ich dachte auch eigennützig. Ich will nichts mit dem Ableben eines Menschen zu tun haben. 

Also stellte ich mich auf die Treppe vor dem Gericht und forderte die Leute auf, beim Oberstaatsanwalt lieber eine lebenslange Haftstrafe zu fordern. Eine Woche später war die Todesstrafe vom Tisch. "Tut mir leid", sagte ich zu Marino. "Ich werde alles tun, damit du am Leben bleibst."

2002 wurde Achim Marino wegen des Mordes an Nancy DePriest zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Diese verbüßt er in der Robertson-Haftanstalt im texanischen Abilene.

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