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nach der karriere ist vor der karriere

Interview: Ronaldo (der Richtige) über seine Pokerkarriere

Spätestens als er Kahn im WM-Finale 2002 zwei Tore einschenkte, hatte Ronaldo Legendenstatus erreicht. Jetzt spielt „Il Fenomeno" Poker. Dafür muss man nicht in körperlicher Form sein.

von Harmon Leon
22 Januar 2016, 3:45pm

EPA

Ich soll gleich Ronaldo interviewen. Nicht den Portugiesen von Real oder Ronaldinho, sondern Ronaldo Luís Nazário de Lima, die brasilianische Fußballlegende aus den 90ern. Eigentlich wollte ich ihn auf seinen unsäglichen Haarschnitt im WM-Finale 2002 ansprechen, doch beim Anblick seines Bodyguards streiche ich diese Frage ganz schnell von meiner To-do-Liste.

Ronaldo ist hier auf den Bahamas, um bei der PokerStars Caribbean Adventure (PCA) mitzuspielen. Wenn du jetzt denkst, die haben den nur eingeladen, um ein berühmtes Gesicht hinter den Chips zu präsentieren, liegst du falsch. Ronaldo spielt mittlerweile professionell Poker für das Team PokerStars. Beim letztjährigen PCA-Turnier wurde er 26. Trotzdem ist er beim Poker noch immer ein ziemlicher Novize, vor allem im Vergleich mit seiner Karriere als Profifußballer. Die begann Ronaldo im Alter von 16 Jahren, während er zwei Jahre in den USA sein erstes WM-Spiel bestritt. Der Mann, der den Spitznamen O Fenomeno trug, machte insgesamt 98 Spiele für die Seleção und schoss dabei 62 Tore. Aber das müssen wir euch nicht erklären.

VICE Sports: Sind deine Gegenspieler beim Poker eingeschüchtert, wenn du dich an den Tisch setzt?
Ronaldo: Das hoffe ich doch! (Lacht laut.) Es hängt aber mehr von meinem Blatt ab und davon, wie ich spiele. Nicht davon, dass ich berühmt bin. Letztes Jahr gab es einen Spieler, der ein Foto von mir geschossen und auf Twitter veröffentlicht hat. Danach haben alle am Tisch über das Foto gesprochen, bis jemand gefragt hat: „Wer ist denn der Typ?". Nicht jeder erkennt mich also.

Kennst du auch das Gegenteil, dass jemand mit dir am Tisch sitzt und sich denkt: „OK, Ronaldo mach ich fertig."
Ja, das Gefühl habe ich. Es gibt immer wieder Leute, die sehr dünn bei mir mitgehen. Denn sie wollen am Ende des Tages sagen können: „Ich habe Ronaldo geschlagen."

Wie ist der Übergang vom Fußball zum Poker verlaufen?
Ich spiele jetzt schon seit einigen Jahren Poker. Aber vor drei Jahren habe ich mich PokerStars angeschlossen und begonnen, Bücher über Poker zu lesen. Seitdem spiele ich ernsthafter und habe auch schon einen Kurs absolviert, um mein Spiel zu verbessern. Und ich denke, das habe ich auch.

Was deine Einstellung am Pokertisch betrifft, was hast du von deiner Vergangenheit als Fußballer mitbringen können?
Ich bin sehr ehrgeizig. Ich glaube aber nicht, dass es etwas Bestimmtes vom Fußball gibt, das mir beim Poker weiterhilft.

Ronaldo bei seiner zweiten Karriere. Foto: Neil Stoddart

Du glaubst also nicht, dass die beiden Sportarten etwas verbindet, was dir weiterhilft?
Nein. Im Fußball war ich innerlich immer ruhig und entspannt, als ich meine Entscheidungen getroffen habe. Beim Poker bin ich noch nicht so selbstsicher. Ich muss vor jeder Entscheidung viel nachdenken!

Wie fühlt es sich an, den Schritt vom selbstsicheren zum weniger selbstsicheren Spieler zu wagen?
Es ist nicht leicht, wieder der Neue zu sein. Aber letztes Jahr wurde ich bei der PCA 26. Und dieses Jahr will ich mich weiter verbessern. Das wird aber nicht einfach.

Und was sagen die anderen Spieler über den Pokerspieler Ronaldo?
(Lacht.) Ich weiß nicht, ich habe noch nie gefragt. Aber ich denke, dass sie langsam ein bisschen Angst vor mir bekommen, weil ich immer spiele, um zu gewinnen. Ich bin kein Fan von großer Strategie. Ich spiele einfach, um Spaß zu haben. Und genau das macht einigen Mitspielern Sorge.

Und wenn du eine großartige Hand hast, bekommst du dann einen ähnlichen Adrenalinkick wie bei einem Tor?
Ja, es fühlt sich sehr ähnlich an. Wenn ich ein Ass kriege, denk ich mir „Nice"! Das ist dann so ähnlich wie ein Elfer im Fußball. Du musst zwar noch den Torwart überwinden, aber deine Chancen stehen sehr gut. Trotzdem muss man gut schießen, um das Tor zu erzielen. Genauso muss man auch gut spielen, um mit dem Ass zu gewinnen.

Ich habe gehört, dass in Brasilien immer mehr Leute genauso fanatisch bei Poker werden wie bei Fußball.
Das stimmt. Als ich letzten Monat in Brasilien gespielt habe, haben wir einen neuen Rekord aufgestellt. Insgesamt 16.000 Spieler haben an 32 Turnieren teilgenommen. Poker ist in Brasilien sehr beliebt. Auch viele berühmte Personen in Brasilien spielen Poker. Die Leute beginnen zu verstehen, dass Poker sich komplett gewandelt hat. Es ist nicht mehr so wie früher, als die Leute in einer Tour geraucht und getrunken haben. Heute geht es professioneller zu.

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Lass uns kurz über Fußball sprechen. Welche Teams begeistern dich aktuell am meisten?
Barcelona und Bayern München. Am meisten mag ich aber Real Madrid, weil ich dort fünf Jahre gespielt habe. Aber in dieser Saison haben sie bisher nicht gut gespielt. Hoffentlich wird sich das unter Zidane ändern.

Als Ronaldo noch kein Pokerface besaß. Foto: EPA

Hast du Druck gespürt? Zum Beispiel beim WM-Finale 1998?
Nein. Wenn du auf den Platz gehst, versuchst du einfach, so gut es geht für dein Team zu spielen. Ich kann nur für mich sprechen, aber auf dem Platz habe ich keinen Druck gespürt.

Von deiner Erfahrung als Fußballer und Pokerspieler, welche Lebensphilosophie nimmst du mit?
Ich nehme einfach alles mit. Alles hat einen Sinn und erweitert deinen Erfahrungsschatz. Poker ist meine neue Leidenschaft und ich versuche, mein Bestes zu geben. Das mach ich bei allen Sachen!

Eine letzte Frage. Letztes Jahr hast du angedeutet, dass du in Florida dein Comeback als Fußballer feiern könntest.
Ja, für mein Team (die Fort Lauderdale Strikers der zweitklassigen NASL, Anm. d. Red.). So ein Comeback ist aber sehr schwer, weil man—neben anderen Hürden—eine Menge Kilos verlieren muss. Ich bevorzuge Poker. (Lacht.) Da spielt mein Gewicht keine Rolle.