Zu Gast beim Roma-Verein, den andere Klubs boykottieren

Zu Gast beim Roma-Verein, den andere Klubs boykottieren

Roma Decin ist ein tschechischer Fußballklub. Dem oft die Gegner „Wir sind keine Rassisten, wir mögen nur keine Zigeuner": Die Gegner von Roma Decin schlucken lieber 0 Punkte und treten gar nicht an, als gegen „verfickte Zigeuner” zu spielen.
23 September 2016, 2:08pm

„Ich bin nicht rassistisch", quakt die Dorfbewohnerin trotzig in meine Richtung, während sie ihre Mannschaft nach vorne brüllt. „Aber Leute sollten einfach weiß sein."

Ihre Freunde kichern, die umherstehenden Fans nicken zustimmend und einer der Spieler der gegnerischen Mannschaft setzt dem Ganzen noch die Rassismus-Krone auf. „Geht arbeiten, ihr verfickten Zigeuner", brüllt er, bevor er auch noch den letzten Funken von Menschlichkeit verliert: „Hitler sollte sich um euch kümmern!"

So sieht ein typischer Spieltag für den FC Roma Decin aus, einen Amateurverein aus Tschechien. Die Mannschaft—deren Trainer und auch die meisten Spieler der Roma-Minderheit angehören—sind fast jede Woche rassistischen Beleidigungen ausgesetzt.

Wenn der Gegner überhaupt erst antritt.

Während der Saison 2014/2015 haben sich gleich mehrere Teams geweigert, gegen den FC Roma Decin anzutreten. Stattdessen haben sie lieber null Punkte und eine Geldstrafe in Kauf genommen, um bloß nicht in einem Stadion anzutreten, das zu „Problemen" führen würde. Das Kuriose daran, wie eine aktuelle Doku erzählt: Aufgrund der vielen Spielboykotte wäre die Mannschaft fast aufgestiegen. So sah es zumindest noch um Weihnachten aus, als man mit nur einem (eigenen) Sieg auf Platz vier der Tabelle stand. Eine Märchengeschichte à la Leicester City blieb am Ende aber aus.

Doch das wirklich Tragische—und Alarmierende—an der Geschichte ist nicht der verpasste Aufstieg, sondern die Tatsache, dass der tschechische Fußball ein eklatantes Rassismusproblem zu haben scheint.

„Wo in der Welt boykottiert bitte eine Mannschaft eine andere aus solchen Gründen?", fragt Trainer Pavel Horvath entrüstet, nachdem schon wieder eine Mannschaft abgesagt hat. „Es ist halt einfacher, 1500 Kronen (rund 55 Euro, Anm. d. Red.) zu zahlen, als uns die Hände zu schütteln!", meint Pat, der etwas pummelige Torwart der Mannschaft.

Die Trainer mancher Vereine behaupten, dass ihr Boykott nicht rassistisch motiviert sei. Stattdessen verweisen sie auf einen Vorfall aus dem Jahr 2011, als der Verein—der damals noch FC Decin hieß—an einer Schlägerei nach Spielende beteiligt war, in deren Folge der Schiedsrichter ins Gesicht geschlagen wurde. Diese Art von Gewalt würde sie angeblich davor abschrecken, beim FC Roma Decin anzutreten.

Doch ist das nicht nur eine Ausrede? Kaum vorstellbar, dass Schalke-Fans nicht mehr nach Berlin fahren, weil es irgendwann mal zwischen ihnen geknallt hat.

„Rassismus ist ein echtes Problem in der Tschechischen Republik", sagt Rozalie Kohoutova, der die Reportage zusammen mit Tomas Bojar auf die Beine gestellt hat. „Auch wenn er manchmal unterschwellig auftritt, kann er sehr gefährlich sein. Die meisten Leute sagen: ‚Wir sind keine Rassisten, wir mögen nur keine Zigeuner.' Sie sagen, dass sie nicht in ihrer Nähe wohnen wollen oder nicht möchten, dass ihre Kinder mit ihnen auf eine Schule gehen... Häufig wissen sie nicht einmal warum."

Diese strikte Trennlinie zwischen Roma und Nicht-Roma wird im Film immer wieder deutlich—und gilt nicht nur auf dem Platz. In einer Szene verweigert der Barkeeper einer Gruppe von Roma-Spielern Getränke, weil sie über keine „Clubkarte" verfügen. Trotz der Tatsache, dass andere Gäste bedient werden—Nicht-Roma, versteht sich—, die auch keine solche Karte haben.

Laut einer Umfrage von STEM Agency aus dem Jahr 2013 beschreiben 69% der Tschechen ihr Verhältnis zu Roma als negativ. Warum fühlen mehr als Zweidrittel des Landes so?

Pat (im Stuhl) ist der Torwart des FC Roma Decin.

Eine genauso aussagekräftige wie traurige Antwort darauf gibt es von Pats Arbeitskollegen, selber kein Roma. Während er einen Müllsack auf den Truck lädt, fragt ihn Pat, warum er eigentlich so die Roma-Community anfeindet. Er überlegt kurz und meint dann: „Alles, was sie machen, ist uns bestehlen und zuschlagen."

Diese Einstellung ist leider kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil, sie fasst ziemlich genau die vorherrschende Stimmung in der tschechischen Bevölkerung zusammen. Die Roma-Community ist unbeliebt, gilt als gefährlich und hat den Ruf, nur die Hand aufzuhalten. Da passt es nur zu gut, dass die Premiere des Films—die ursprünglich im Stadion von Bohemians 1905 gezeigt werden sollte—abgesagt wurde, weil rechte Fans anderer Prager Vereine die Organisatoren bedroht haben.

Mit grünem Känguru auf der Brust: Die kiffenden Ultras von Bohemians Prag

„Tschechen werden zu Rassisten erzogen", antwortet Pat auf den Kommentar seines Freundes. „Sie werden als Neugeborene gleich in einer Decke mit Hakenkreuz eingewickelt."

Der Film zeigt aber auch, dass die Roma indirekt auch zur Trennung beitragen. Während sich die Spieler des FC Roma Decin vor dem Anpfiff gegenseitig heißmachen, brüllen sie—wie bei einem Schlachtgesang—Cikáni! Cikáni! („Zigeuner"). Und auch ihre Kommentare nach dem Spiel sind Zeugnis einer Wir-gegen-sie-Mentalität.

Die Fans—rund zwei Dutzend an einem guten Tag—spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Während einige der Gästefans brüllen, dass alle Leute „einfach weiß sein sollten", beschimpfen wiederum Roma-Anhänger die Nicht-Roma-Spieler. Als ein paar Jungs, Mitglieder der Roma-Jugendmannschaft, zur Unterstützung ihres Teams Cikáni rufen, dreht sich ein älterer Herr zu ihnen um und rügt sie: Hier spiele keine Rasse, sondern der FC Roma Decin.

Wie sieht also die Zukunft für den Roma-Klub aus? Und wird die tschechische Bevölkerung jemals mehrheitlich sagen können: ‚Nein zu Rassismus?'

„Es ist schwierig", sagt Kohoutova. „Die Roma sind so eine Art Blitzableiter für die Unzufriedenheit der Menschen. Doch in letzter Zeit wurden sie in dieser Rolle von den Flüchtlingen im Land abgelöst."

Pavel und Pat sehen das anders. Während sie durch ihre Gegend fahren und auf zahlreiche Muslime treffen, sagen sie, dass sie in der gesellschaftlichen Hackordnung noch hinter den Muslimen stehen.

„Wir sind die Letzten auf der Liste!", stöhnt Pavel.

Pat korrigiert ihn umgehend: „Wir sind nicht mal mehr auf der Liste! Die zugewanderten Muslime haben uns ganz von der Liste gedrängt."