Tech

Warum die Obstbauern vom Bodensee mit Hagelkanonen auf Wolken schießen

Auch wenn die Effektivität von Hagelkanonen umstritten ist, werden sie in der Landwirtschaft gern eingesetzt. Wir haben uns mit einem Obstbauern unterhalten, der seine schwäbischen Nachbarn mit einer solchen riesigen Kanone beglückt.

von Theresa Locker
20 November 2014, 8:00am

​Alle Bilder: ​Randy Tischler / MOTHERBOARD

In diesem Sommer haben wir im tiefsten englischen Hinterland den  ​Entwickler der neuesten DIY-Hagelkanone Europas auf seinem Werkhof besucht. Nach unserem Artikel über die Vortex-Kanone des britischen Metallbastlers Hadrian Spooner nutzten unsere stets wohlinformierten Leser die Gelegenheit, um uns über die gigantische Hagelkanone eines Obstbauern aufzuklären, die am Bodensee die Nachbarschaft mit regelmäßigen Schalldetonationen beglückt.

Wir fühlten uns angenehm verstanden in unserem Nischeninteresse—und setzten uns umgehend mit Andreas Mainberger, dem Betreiber der Kanone aus Kressbron-Poppis, in Verbindung. Nachdem er seine diesjährige Obsternte beendet hatte, lud er uns nur allzu gerne für einen Rundgang über seine 14 Hektar Land ein. „Ich 'zeige' ihnen dann auch gerne meinen Schnapsschrank", versprach er fröhlich schwäbelnd am Telefon und beantwortete damit gleichzeitig unsere Frage, wie er die Installation der krachend lauten Kanone wohl seinen Nachbarn schmackhaft gemacht hat.

Dann knallt es eben alle 17 Sekunden für eine halbe Stunde. Das ist sicher nicht vergnügungs-steuerpflichtig.

Als einer von neun Bauern aus seinem direkten Umkreis hat sich Mainberger für den Kauf einer Kollektiv-Hagelkanone entschieden, die nicht nur in seiner Region für einigen Gesprächsstoff sorgt, sondern angeblich auch seine Birnen, Zwetschgen, Kirschen und zwölf verschiedene Apfelsorten vor der Zerstörung durch Hagelschlag schützt. Auf unserer Tour erklärte uns Mainberger, dass seine Kanone immer noch günstiger sei als die konventionelle Alternative der Hagelnetze.

Mainberger vor seiner Hagelkanone. Alle Bilder: Randy Tischler / MOTHERBOARD

Schon vor 150 Jahren versuchten Menschen, das Wetter mit Hagelkanonen zu manipulieren. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob die Methode tatsächlich hilft. Heute feuert man die riesigen Vortex-Kanonen aus drei Hauptgründen ab: Zum Spaß (wie im britischen Elfenland), als  ​nichtletale Waffe zum Vertreiben von Demonstranten (daran forschen unter anderem Fraunhofer-Institut und US Militär) oder eben, wie in Poppis, in der Landwirtschaft.

​Bei einem Gewitter donnert es doch auch.

Während wir mit dem Traktor über die Hügel tuckern haben wir Mainberger gefragt, wie gut seine ungewöhnliche Schutzmaßnahme bisher funktioniert, wie beliebt man sich im beschaulichen schwäbischen Hinterland mit einer Kanone macht, die alle 17 Sekunden laute ringförmige Druckluft in den Himmel ballert, und wo er seine Hagelkanone überhaupt herbekommen hat.​

MOTHERBOARD: Hallo Herr Mainberger! Wie kommt man eigentlich auf die Idee, mit Kanonen auf Wolken zu schießen?

Mainberger: Wir hatten 2008 einen großen Hagel, der uns einen Totalschaden beschert hat. Das ist ein Riesenproblem für unser Obst, denn verdellte Früchte kann ich nur als zweitklassige Aktionsware loswerden oder Saft und Schnaps daraus machen. Gerade die Kirschen leiden. Aber mindestens genauso schlimm ist, dass meine Hagelnetze dadurch beschädigt worden sind. Meine 14 Hektar stecken zu großen Teilen unter diesen Netzen. Wenn es aber zehn Minuten hagelt, dann liegt da tonnenweise Eis drauf, die das Netz belasten und einreißen lassen. Dann sind die Netze futsch, und so ein Ding kostet mit der Verankerung und allem drum dran rund 15.000 Euro—pro Hektar.

Oh, das ist nicht gerade ein Schnäppchen.

Genau, deshalb habe ich mich mit neun Landwirten zusammengesetzt, die hier in der Nachbarschaft auch Obst anbauen und wir haben überlegt, was wir zum Schutz der Früchte noch tun könnten. Irgendwann haben wir dann nach Möglichkeiten gesucht, um den Hagel von vornherein zu verhindern.

Mainberger mit seinem Fuhrpark, den er zur Arbeit auf seinem Hof nutzt

Und wie soll das gehen?

Die Hagelkanone zielt in den Himmel. In der Kanone explodiert ein Propangasgemisch, und das löst eine Druckwelle in Richtung der Wolken aus. Diese Schallwelle soll die Schichten der Gewitterwolken durchmischen, so dass das Wasser darin nicht in die Frostzone der Wolken gerät und noch flüssig vom Himmel kommt. Es regnet dann im Idealfall auch nur kleinere Tropfen, der Regen wird sozusagen zerschossen.

​Funktioniert das denn?

Ich sag mal so: Es hat auch schon in die Hagelkanone gehagelt. Also, der wissenschaftliche Beweis steht da noch aus. Aber ich glaube schon, dass das eine gute Investition war, selbst wenn die Kanone den Hagel nur etwas abschwächen sollte.

Es ist wahrscheinlich auch schwierig, so etwas nachzuweisen.

Ja, genau, da gehen die Meinungen auseinander. Letztlich geht es uns ja auch darum, die teuren Hagelnetze zu schützen. Einmal habe ich aber in Kressbronn am Feuerwehrhaus gestanden—in Kressbronn steht noch eine Hagelkanone—, als der Himmel plötzlich ganz gelb geworden ist. Als die Kanone abgefeuert wurde, hat man einen richtigen Trichter im Himmel gesehen, der nicht vom Hagel betroffen war. Also zeigt uns eigentlich die Erfahrung, dass es funktioniert.

​Die Propangasflaschen mit denen die Detonation angefeuert wird.

Blick von der Anhöhe, auf der die Hagelkanone installiert ist, auf die nächstgelegenen Häuser.

​Wieviel kostet eine Hagelkanone und wo bekommt man sowas her?

Wir haben ungefähr 10.000 Euro gezahlt und die Hagelkanone gebraucht gekauft. Neu wäre uns das zu teuer gewesen, obwohl es meines Wissens noch ein oder zwei Hersteller in den Niederlanden gibt, die die Kanonen neu produzieren. Aber für unsere Zwecke ist eine gebrauchte Kanone super. Ich habe da so ein paar Connections zu anderen Bauern in der Po-Ebene gehabt und sie letztlich mit einem Tieflader aus Italien hergebracht.

Wo steht die Kanone jetzt?

Die Positionierung auf dem Feld war dann gar nicht so einfach. Da mussten wir uns nicht nur zu neunt einig werden, sondern auch alle möglichen Abstände einhalten: Zum nächsten Haus, zur nächsten Straße, dann hat der Umweltschutz natürlich auch noch etwas mitzureden. Das Ding ist ja wahnsinnig laut. Jetzt steht die Kanone jedenfalls in der Mitte unserer Felder. Es wäre zu aufwändig, sie zu bewegen, weil sie schon ziemlich groß ist: 13 Meter in der Höhe und zwei Meter Durchmesser oben.

​ ​

​Mainberger und sein Vater vor einer lokalen Schnappsbrennmaschine.

Streitet ihr euch darum, wer die Kanone bedienen darf?

Wir alle haben gleichberechtigt Zugriff darauf, sonst gäb es ganz schnell böses Blut. Stell dir vor, einer vergisst es mal und dann ist die ganze Ernte im Eimer! Wenn irgendwer von uns auf dem Hügel steht und sieht, dass der Himmel sich gelb verfärbt, dann machen wir sie klar. Denn dann wird es sehr wahrscheinlich ein Unwetter geben.

Und ist es teuer, die Kanone zu betreiben?

Nö. Zur Wartung und zur Gaslieferung kommt immer mal jemand vorbei, aber bedienen können wir sie alleine. Da ist so eine Gaskammer drin, wo das Propangas in Flaschen reinkommt. Und davon haben wir noch so viele, das reicht für ein ganzes Jahr. Ich würde mal sagen, der Betrieb kostet uns pro Landwirt im Jahr 1500 Euro. Das ist ein Bruchteil dessen, was ein Hagelschaden anrichten kann.

Die Kanone in ihrer vollen Pracht.

Sprechen Ihre Nachbarn noch mit Ihnen?

Also, was die Menschen in der Umgebung angeht, gibt es beide Tendenzen: Manchmal kriege ich Anrufe, wenn sich der Himmel verdunkelt, da fragen mich die Leute: „Warum schießt ihr denn noch nicht?" Und dann gibt es natürlich auch Leute, die sich beschweren, dass ihr Geschirr im Schrank klappert, wenn das Ding losgeht.

Aber wenn das existenzbedrohend ist und der Verbraucher nun mal gerne perfekte Früchte für den allergünstigsten Preis haben möchte, dann muss man das Geballer eben aushalten, damit ich meine Lohnkosten decken kann. Letztlich knallt's an Silvester auch ähnlich lange—und da ruft auch niemand bei der Pyrotechnik-Industrie an und stellt deren Existenz in Frage.​


Herr Mainberger demonstriert an der Bedienkonsole die Hagelkanone. Fast könnte man meinen, er hätte Spaß am Ballern. ​

Und mehr Müll bleibt auch übrig. Wie sieht das denn nachts aus?

So oft hagelt es zum Glück nicht in der Nacht, aber das ist natürlich ein Restrisiko. Wir mussten uns ja vor dem Betrieb eine Genehmigung besorgen und rufen als Teil dessen immer morgens beim Wetterdienst an, um nach den Aussichten zu fragen.

Gibt es sonst noch irgendwelche außergewöhnlichen Ernteschutzmethoden, die sie kennen und sich als Alternative überlegen würden?

In Stuttgart gibt es einen Hagelflieger. Das ist ein kleines Flugzeug, das die Wolken mit einem Silberionengemisch impft, um Hagel zu vermeiden. Das wäre natürlich toll, aber dann müssten auch immer ein bis zwei Piloten zur Stelle sein—viel zu aufwändig. In Stuttgart Fall hat Mercedes-Benz die Anschaffung gesponsert, weil sich dort so viele Neuwagen auf dem Werksgelände befinden, dass Mercedes die nicht alle unter ein Dach stellen kann.

Als letzten Ausweg gibt es dann noch Hagelschlagversicherungen. Aber die sind fast unerschwinglich geworden, seitdem das Land die Zuschüsse gestrichen hat. Ich muss darauf 15 oder 20-prozentige Prämien zahlen. Stell dir vor, du hättest einen VW Golf für 30.000 Euro und müssten jedes Jahr 4.500 Euro Versicherungsprämien darauf zahlen! Und wenn dann wirklich etwas passiert, werden die unbeschädigten Früchte gezählt und von der Versicherungssumme abgezogen. Daher ist die Kosten-Nutzen-Rechnung bei der Kanone noch ziemlich gut.

Also wird weiter für die Äpfel geballert. Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!

Kein Problem, danke. Und vielleicht nochmal eine Anmerkung zu den Leuten, die sich wegen dem Krach belästigt fühlen: Bei einem Gewitter donnert es doch auch. Und dafür haben wir dann schöne Kirschen und Äpfel aus der Region.