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Ich habe versucht, in Kuba einen Plattenladen zu finden, und bin in einem Santéria-Ritual gelandet

Die Öffnung des Inselstaates lockt Cratedigger aus aller Welt an. Die stehen allerdings vor ungewöhnlichen Hürden.
12.7.16
All photos by the author.

Im Mai habe ich zum ersten Mal Kuba besucht. Ich wollte bei der ersten Ausgabe des MANANA-Festivals in Santiago dabei sein. Ich wusste bereits, dass Kuba eine reichhaltige Musikgeschichte hat, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Aber durch den Tripp konnte ich die bedingungslose Begeisterung der Insel für zeitgenössische Musik und Technologie nun höchstpersönlich erfahren. Eine Begeisterung, die auch durch die Tatsache, dass stabiler Internetzugang für die meisten Kubaner noch neu bzw. nicht vorhanden ist, nicht geschmälert wird. Doch vor diesem Hintergrund gab es etwas, das mich an der Musikszene Kubas komplett überrascht hat: Es gab weit und breit keinen einzigen Plattenladen.

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Sicher, ich wusste von Seriosha's Record Shop in Havana, dem Gilles Peterson 2010 einen öffentlichkeitswirksamen Besuch abgestattet hatte. Ich hatte auch gehört, dass Kuba derzeit ein einziges, staatlich betriebenes Label namens EGREM hat—so wie einst Amiga in der DDR—und die meisten Schallplatten, die es gibt, alte, ramponierte Pressungen dieses Labels sind. Santiago, so verriet mir das Internet, war jedoch so etwas wie eine Vinyl-Geisterstadt—obwohl es die zweitgrößte Stadt des Landes ist. Ich erfuhr von Leuten, die ich in der Stadt traf, dass der Grund dafür ist, dass es nur noch wenige funktionierende Plattenspieler gibt und die Kosten einer Reparatur oder eines Neukaufs für die meisten Kubaner nicht erschwinglich sind. Mein AirBnb-Gastgeber erklärte mir zum Beispiel, dass die meisten Einheimischen, die Musik hören wollen, entweder CDs hören oder USB-Träger mit neuer Musik kaufen.

Trotzdem weigerte ich mich, zu glauben, dass ich von meiner Reise nach Kuba ohne eine Erinnerung an die großartigen neuen Klänge, die ich dort aufsog, in Vinyl-Form zurückkehren würde. Schließlich war dies eine musikalische Brutstätte voller importierter Autoklassiker und charmanter alter Gebäude—mit Sicherheit hatten sie irgendwo ein paar Kisten vergessener Platten.

'Den Platten droht hier wirklich das Aussterben. Wir haben keinen Weg, neue zu bekommen, und es kommen immer weiter Touristen und kaufen sie.'—Yessel

Ein paar Tage bevor das Festival begann, fing ich an herumzufragen: „Discos?", „Vinilos?", „Tienda de música?" In meinem erbärmlichen, gebrochenen Spanisch sprach ich Einheimische an. Meine Bemühungen erwiesen sich tagelang als nutzlos, bis ich auf ein paar örtliche Rumba-Musiker stieß—Bargaro und Yessel—die während der Feierlichkeiten zum 1. Mai bei ein paar Bieren in einem Musiksaal plauderten.

Durch meinen Spanisch sprechenden Reisebegleiter Brian erfuhr ich zu meiner Freude, dass die beiden nicht nur wussten, wo es Schallplatten zu finden gibt, sondern uns sogar persönlich begleiten würden, um welche zu kaufen. Der einzige Haken war, dass wir sie auf einem kleinen Abenteuer zu einer örtlichen Santería-Zeremonie begleiten mussten, die irgendwo in einem Sozialbau stattfand. Die Santería ist eine auf Kuba verbreitete Vermischung von Katholizismus und westafrikanischen Religionen, bisweilen finden sich auch Voodoo-Elemente in der Praxis. Sie erlaubte es den damaligen Sklaven vor Jahrhunderten weiterhin zu ihren alten Göttern zu beten, während sie zugleich christlichen Riten folgten.

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Nachdem ich Bargaro und Vessel erzählt hatte, dass ich Journalist aus den USA bin, baten sie darum, dass wir Fotos der Zusammenkunft machen. Ich dachte, dass sie mehr Aufmerksamkeit für ihre Religion erreichen wollten, aber schnell wurde mir klar, dass sie, wie viele Kubaner, neugierigen Besuchern wie mir einfach ein wenig ihrer Kultur vermitteln wollen.

Ich ging in mich. Wollte ich mit zwei Fremden zu einem kubanischen Sozialbau fahren, um mir ein religiöses Ritual anzusehen, von dem ich sehr wenig wusste, und das nur für ein paar zerkratzte Schallplatten? Ich dachte daran, was meine Mutter wohl sagen würde und sagte dann zu. Brian bot heldenhaft an, mitzukommen.

Zwei Tage später trafen wir Bargaro und Yessel auf dem von Bäumen gesäumten Plaza de Cespedes im Zentrum der Stadt. Sie warteten mit einer kleinen Tasche mit Platten auf uns—vielleicht ein Zeichen des guten Glaubens vor der anstehenden Reise. Wir riefen ein paar Motorrad-Taxis heran und auf dem Weg zu Yessels Wohnung machten wir Halt auf einem Markt voller Hühner, Hähnen und mysteriösen Kräuter-Heilmitteln, um Fotos zu machen. Hinter den Dächern der Stadt konnten wir die Berge sehen, in denen sich Castros Truppen vor vielen Jahrzehnten während der Revolution zusammenfanden.

Yessels Wohnung lag in einem historischen Künstlerviertel Santiagos—das laut meinen Gastgebern eine Brutstätte für Rumba-Trommler und Salsa-Tänzer ist—und war ziemlich spärlich eingerichtet. Laut eigener Aussage lebte er erst seit einem Monat dort. Es war ein Ein-Personen-Haus mit einem Metalldach und einem kleinen Badezimmer. Darin befanden sich ein Bett, ein elektrischer Wassererhitzer, ein paar Stühle und eine alte Stereoanlage. Die Wände waren voller religiöser Ornamente und Hochzeitsfotos von ihm und seiner Frau, die, wie ich erfuhr, als Krankenschwester in Venezuela arbeitete. Nachdem er uns reingebeten hatte, verließ er den Raum und kam mit einer großen Tasche voller Platten wieder, die laut ihm einer Frau in der Nachbarschaft gehörten. Als ich durch die verstaubten Salsa- und Son-Alben des staatlichen Labels Egrem und dem mittlerweile inaktiven Sub-Label Areito blätterte, sprangen ein paar Kakerlaken aus den Hüllen. Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, sprach ich mit Yessel und Bargaro über das Leben in Kuba und darüber, warum es so schwer zu sein scheint, in der Stadt Platten zu finden.

Yessel

Bargaro und Yessel haben ihr Handwerk in ihrer Jugend in Santiago gelernt, wo die drei großen Rumba-Stile—Guaguanco, Colombia und Yambu—entstanden sind. Wie viele andere der kubanischen Musiker, die ich in Santiago getroffen habe, verdienten die beiden ihr Geld damit, staatlich genehmigten Beschäftigungen nachzugehen—in ihrem Fall Trommelunterricht in einem örtlichen Musiksaal an den Wochenenden—und nebenbei Rumba- und Salsa-Unterricht für Reisende zu geben. Manchmal halfen sie auch, Plattengeschäfte zwischen Ausländern und Einheimischen zu vermitteln—keine ungewöhnliche Einkommensquelle in Santiago, wie sie mir sagten, und eine, die vielleicht teilweise dafür verantwortlich ist, dass so wenige Platten auf der Insel zu finden sind.

„Die Einheimischen wissen, dass sie die Platten nehmen und versuchen müssen, sie zu verkaufen", so Bargaro. „Einige ältere Leute hatten früher Plattenspieler und haben uns die Alben vorgespielt, als wir Kinder waren, doch [die Plattenspieler] sind lange weg—die meisten [Leute] haben sie weggeworfen oder sie sind einfach kaputt gegangen. Es ist schwer, sie heute zu kaufen; niemand kann sie sich leisten." Er erklärte außerdem, dass einige andere Einheimische, die er kennt, ihre Platten an die örtliche Bibliothek verkauft haben, die sie aufbereitet und letztendlich ebenfalls an Reisende verkauft hat.

Yessel (links), Brian (Mitte), Bargaro (rechts)

„Den Platten droht hier wirklich das Aussterben", fügte Yessel hinzu. „Wir haben keinen Weg, neue zu bekommen, und es kommen weiter Touristen und kaufen sie. Es ist nicht schwer, sie zu verkaufen—es ist hier eine gute Methode, Geld zu machen, wenn du kannst."

Nach unserer Unterhaltung kaufte ich 40 Platten für jeweils einen Peso und fühlte mich ohne Frage ein wenig zwielichtig, da ich zu dem Aussterben beitrug, das Yessel beschrieben hatte. Aber als Bargaro ging, um die Frau zu bezahlen, der die Platten gehört hatten, und mir anschließend erzählte, dass sie wortwörtlich vor Freude in die Luft gesprungen war, als er ihr das Geld gegeben hatte (Zum Vergleich: Der Tagesdurchschnittslohn in Kuba beträgt rund 20 Pesos.), fühlte ich mich ein wenig besser.

Nach unserem Besuch bei Yessel riefen wir wieder Motorrad-Taxis. Zwischen Zügen an einer filterlosen Zigarette murmelte Bargaro die Adresse unseres nächsten Ziels in das Ohr meines Fahrers, der sich eilig in Richtung der Santeria-Zeremonie aufmachte und mich auf dem Sitz um mein Leben fürchten ließ.

Letztendlich erreichten wir etwas, das aussah, wie ein endloses Meer aus riesigen Betonklötzen. Als wir die Wohnanlage betraten—deren Gebäude einfach von 1 bis 9 durchnummeriert waren und an dessen hell-gestrichenen Wände sich gelegentlich politische Botschaften fanden—führten die Jungs uns zu einem Bretterverschlag, um dort ein paar kalte Biere zu kaufen. Sie erklärten mir, dass einige der neueren Teile des Komplexes von der Regierung Venezuelas gebaut wurden, das seit langer Zeit ein ökonomischer und politischer Verbündeter Kubas ist. Davor spielten Kinder auf Gras, Dreck und Beton Fussball, während alte Männer im Schatten entspannten.

Wir gingen in eines der Gebäude, stiegen vier Treppen hoch und betraten ein kleines Einzimmer-Apartment, in dem wir von einer Menge Leute begrüßt wurden, von denen viele Freunde von Yessel und Bargaro waren, sowie von einem Priester. Eine ältere Frau mit silbernen Haaren—offensichtlich die Matriarchin des Hauses—begrüßte Brian und mich mit einem Kuss. Sie alle hatten sich hier für eine Zeremonie zusammengefunden, die als Cajon de Muertos bekannt ist, ein traditioneller Santeria-Brauch, der sich um die Huldigung eines igbodu (Altar) dreht, einen Schrein, der mit blauen, weißen und roten Tüchern dekoriert ist.

Der lässig gekleidete männliche Santero, der Priester, leitete die Zeremonie, während die Teilnehmer abwechselnd vor dem Altar knieten. Als ich an der Reihe war, wurde ich vom Priester angewiesen, etwas Kokosnusswasser auf meine Stirn zu reiben (was als Segnung des Kopfes angesehen wird), dann ließ er eine kleine Glocke ertönen, bevor ich ein paar Pesos als Spende für die nächste Zeremonie in einen Korb warf. Vor mir befanden sich eine riesige Torte mit Glasur, ein paar ungeöffnete Flaschen Rum und ein paar Kekse—alles Gaben an eine Gottheit, deren Namen ich nicht mitbekommen habe. Eine Frau in ihren Zwanzigern war von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet und als ich andere fragte, was mit ihr los war, sagten sie mir, dass sie an einem Ritual namens Asiento teilnahm, der Besteigung des Throns. Soweit ich die Einheimischen verstand, war es im Prinzip eine Taufe für Erwachsene.

Während der Zeremonie hauten drei Trommler in zeremonieller Kleidung wild auf Conga-Trommeln und ein jüngerer Mann sang heiter Ruf-Antwort-Songs im Yoruba-Dialekt Lucumi, einer Art haitianischem Dialekt. Einige Leute machten mit ihren Smartphones Videos des Tanzes, während kalte Biere kreisten und der ganze Raum stundenlang ununterbrochen groovte, sprang und klatschte. Von Weitem hätte man das Treiben sicherlich für eine nachmittägliche Grillparty halten können.

Lediglich einmal legten die Feierlichkeiten eine Pause ein, da jemand eine SIM-Karte auf dem Boden gefunden hatte—aufgrund der Knappheit von mobilen Daten ziemlich kostbar in Kuba—was den ganzen Raum dazu brachte, ihre Feierlichkeiten kurz zu unterbrechen. Anschließend wurde ein Abendessen aus Schweinefleisch, Reise, Gemüse und kalten Nudeln mit einer weißen Soße serviert. Bargaro und Yessell stellten uns einigen ihrer Freunde vor—ebenfalls Rumba-Musiker. Selbst als amerikanische Fremde haben wir uns total willkommen gefühlt.

Die Sonne begann zu sinken und Brian und ich beschlossen, dass es Zeit war, die Reise nach Hause anzutreten. Wir verabschiedeten uns von Bargaro und Yessel, die wir zwei Tage später am ersten Tag des MANANA auftreten sehen sollten, und riefen uns zwei Motorrad-Taxis, um zurück zu unserem AirBnb-Appartement zu fahren.

Als ich hinten auf dem klapprigen Motorrad saß—meine Tasche mit staubigen alten Platten in meinen Rucksack gestopft—dachte ich über die Erfahrungen der letzten zwölf Stunden nach. Jeder Plattensammler wird dir sagen, dass dich dieses Format immer wieder fertig macht—ob es nun dein Konto in die Miesen treibt oder du dir den Rücken kaputt machst, weil du überall eine Tasche voller Vinyl mit hinschleppst—und in einer heißen kubanischen Stadt umherzuwandern, um Platten zu kaufen, war da sicherlich keine Ausnahme. Aber wie jeder erfahrene Sammler dir ebenfalls bestätigen wird, liegt die Schönheit des Plattensammelns in der Suche und den Geschichten und Persönlichkeiten, die dir auf dem Weg begegnen. Bei einem DJ-Gig in Brooklyn spielte ich vor Kurzem endlich einen meiner kubanischen Funde—ein funkiges Salsa-Album von Los Van Van. Das Publikum tanzte ausgelassen, als jemand zu mir kam und fragte: „Mann, wo hast du das denn her?" Ich musste einfach schmunzeln.

Besonderer Dank gilt Brian Merlano für das Übersetzen.

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