Die norditalienische Gegenrevolution: Wie Bergamo die Serie A aufmischt

Der ewige Fahrstuhlverein steht auf Platz 5. Einer Horde junger Wilder, die sich auf Instagram unter der Gürtellinie beleidigen, und einer Kader-Revolution nach dem Bilbao-Prinzip sei Dank.

von Markus Hofmann
28 April 2017, 10:25am

Foto: Imago

Die Serie A der letzten Jahre lässt sich zugespitzt ungefähr so zusammenfassen: Fußball-Nobodys steigen genauso schnell wieder ab, wie sie aufgestiegen sind (Frosinone, Carpi, Cesena etc.), Roma landet vor Lazio, Fiorentina spielt eine gute und Napoli eine super Saison, Meister wird am Ende aber trotzdem Juventus Turin. Irgendwo dazwischen – aber meistens darunter – ordnen sich dann noch die beiden dauerenttäuschenden Mailänder Mannschaften ein. Wirkliche Überraschungen sind rar, außer vielleicht Sassuolos sechster Platz in der letzten Saison und die Erkenntnis, dass der Zuschauerschwund in Bella Italia ein Fass ohne Boden zu sein scheint. Dieses Jahr schickt sich eine Mannschaft an, die Phalanx der alteingesessenen Mannschaften zu durchbrechen: Atalanta Bergamo. Die stehen aktuell auf dem fünften Platz – und damit vor Inter, Milan und Fiorentina sowie in Schlagdistanz zu Lazio. Ihr Erfolgsrezept? Eine Bande junger Wilder, die sich auf Instagram unter der Gürtellinie beschimpft; ein ehemaliger Jugendtrainer von Juventus Turin; einer der besten Verteidiger der Liga, der schon jetzt Juve gehört; und vor allem eine Kader-Philosophie, die den italienischen Fußball gerade auf den Kopf stellt.

Atalanta Bergamo – dessen bescheidener Spitzname La Dea ("die Göttin") ist, in Anlehnung an Atalanta, eine Figur der griechischen Mythologie – spielt nach schwachem Saisonbeginn schon seit Monaten oben mit. Zwischenzeitlich, als man Sieg um Sieg holte, wurden sogar Leicester-Rufe laut, doch dafür spielt die Konkurrenz, allen voran der AS Rom und natürlich Juve, eine viel zu starke Saison. Dennoch winkt dem Klub aus Norditalien, der heute Abend gegen Juventus spielt, die fünfte Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb seiner Vereinsgeschichte – und die erste seit 27 Jahren.

Damit war nicht unbedingt zu rechnen, wenn man sich die jüngere Geschichte des Vereins anschaut. In den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends war die Göttin nicht viel mehr als eine Fahrstuhlmannschaft par excellence: Aufstieg in die Serie A 2000, Abstieg 2003, Aufstieg 2004, Abstieg 2005, Aufstieg 2006, Abstieg 2010. Seit dem direkten Wiederaufstieg 2011 spielen die Schwarzblauen zwar erstklassig, doch mehr als ein 11. Platz ist seitdem nicht rausgesprungen. Das wird sich dieses Jahr definitiv ändern, den achten Platz hat man fünf Spieltage vor Saisonschluss praktisch sicher. Doch mit nur einem Punkt Rückstand auf Lazio – die auf dem fünften Platz stehen, der zur direkten Europa-League-Qualifikation berechtigt – sollte der Blick vielmehr nach oben gerichtet sein. Und für diesen Traum gibt die Mannschaft alles. Aber was sind die Gründe für den Höhenflug der Norditaliener?

Was macht Trainer Gasperini anders?; Foto: Imago

Die vielleicht einleuchtendste Erklärung: Die Mannschaft ist ein Haufen junger Wilder, in deren Reihen gleich zwei frischgebackene italienische Nationalspieler zu nennen sind: Der von Juve ausgeliehene Mittelfeld-Spieler Leonardo Spinazzola (24) und vor allem Stürmer Andrea Petagna (21), der das Fußballspielen beim AC Mailand gelernt hat und neben fünf Buden auf acht Vorlagen kommt. Der Name Petagna kommt auch bei einem zweiten entscheidenden Erfolgsfaktor ins Spiel: Denn zusammen mit Alejandro Gómez bildet er ein kongeniales Sturmduo. Der 29 Jahre alte Argentinier ist der Top-Scorer seiner Mannschaft (14 Tore, 9 Vorlagen) und ein ausgezeichneter Techniker mit viel Spielübersicht. Diese Übersicht hat er auch im letzten Heimspiel gegen Bologna unter Beweis gestellt, als er den knapp im Abseits stehenden Andrea Conti – ein 23-jähriges Atalanta-Eigengewächs mit 6 Toren und 4 Vorlagen auf dem Konto – mit einem Traumpass bediente:

Hinter dem Erfolg der jungen Mannschaft steckt eine ausgezeichnete Teamchemie, die vor allem von den jungen Spielern in den sozialen Medien ausgelebt wird. Oder eben vom Stürmerduo Petagna-Gómez. Die hatten sich Ende Dezember ein Scharmützel auf Instagram geliefert. Dem vorausgegangen war ein Post von Petagna, in dem er schrieb: „Morgen Abend letzte Partie des Jahres vor den Ferien." Diese Aussage fand "Papu Gomez" wohl ziemlich redundant, denn er setzte folgenden beißenden Kommentar unter den Post: "Wirklich, das wusste ich gar nicht. Tausend Dank für die Information" (rot markiert, oben). Das konnte Petagna wiederum nicht auf sich sitzen lassen und schoss (über das Ziel hinaus) zurück: "Lutsch meinen Schwanz, du scheiß Schlumpf" (rot markiert, unten). Petagnas Pöbel-Post war ursprünglich auf Italienisch, im Nachhinein entschied er sich aber für die bei seinen Fans wohl weniger verständliche spanische Übersetzung.

Foto: Screenshot/Instagram/andreapetagna

Auf dem Instagram-Post sieht man übrigens Petagna seinen Teamkollegen Mattia Caldara abklatschen. Und der junge Mann (22) ist ein weiterer Erfolgsgarant der Göttin: Denn Caldara ist der Dreh- und Angelpunkt von Atalantas Abwehr. Dazu ist er für einen Verteidiger auch noch verdammt torgefährlich, wie seine 7 Ligatore beweisen. Kein Wunder, dass sich Juve schon längst seine Dienste gesichert hat – ihn aber bis zum Sommer 2018 auf Leihbasis weiter in Bergamo spielen lässt.

Bei so vielen jungen Spielern braucht es natürlich einen Trainer, der mit der Jugend gut umgehen und sie führen kann. Was uns direkt zu Gian Piero Gasperini bringt. Gasperini hat zwischen 1994 und 2003 fast zehn Jahre im Nachwuchsbereich von Juventus Turin als Trainer gearbeitet, bevor er bei verschiedenen Serie-A-Klubs anheuerte. Sein bevorzugtes System ist das 3-4-3, inspiriert von einer Ajax-Trainingseinheit, der er vor vielen Jahren mal beiwohnte. Seine langjährige Erfahrung als Jugend-Coach war auch einer der Gründe dafür, dass ihn Bergamos Präsident Antonio Percassi vor Beginn der Saison verpflichtet hat. Gemeinsam haben sie eine Vision, die im italienischen Fußball schon verloren gegangen schien: jungen italienischen Spielern, am besten auch noch aus der Region, das Vertrauen zu schenken, statt auf überteuerte Spieler aus dem Ausland zu setzen. In einem langen Interview mit der renommierten Corriere della Sera meinte Gasperini, dass Atalanta eine nationale Vorbildrolle einnehmen könne: "Unser Beispiel kann einem lebendigen und vielversprechenden Jugendsektor in Italien, wo alle Fußball spielen, Mut machen. Das Potenzial ist riesig, es liegt an uns, diesen Schatz endlich zu heben." Und weil Gasperini gewillt ist, genau diesen Schatz zu heben, indem er auf junge Norditaliener setzt, nennt ihn sein Präsident einen "Revolutionär." In der italienischen Presse wurden deswegen auch schon Vergleiche zu Athletic Bilbao gezogen, die bekanntermaßen nur Basken einsetzen. Auch wenn bei Bergamo nur 8 Spieler aus der Region im Kader stehen, so bedeutet das für den italienischen Fußball fast schon eine Gegenrevolution.

Zu guter Letzt sind dann noch Atalantas Fans zu nennen. Die zählen zu den leidenschaftlichsten Anhängern der Serie A (auch wenn genau diese Leidenschaft manchmal in Hooligan-Gewalt umschlägt) und unterstützen ihr Team in beeindruckender Manier, wie etwa nach dem Sieg beim Lokalrivalen aus Bologna im letzten November:

Noch feuriger ging es nach dem sensationellen 2:0-Auswärtssieg in Unterzahl beim SSC Neapel zu. Beide Tore schoss Caldara, er nahm auch die Instagram-Story auf, die aus dem Teambus heraus die 3.000 Fans zeigt, die die Straßen Bergamos nach der Ankunft der Mannschaft säumten.

Dem italienischen Fußball ist eigentlich nur zu wünschen, dass der Mut zur eigenen Jugend mit einem Startplatz in Europa belohnt wird. Und dass sich die anderen Serie-A-Klubs daran ein Beispiel nehmen.