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​Der Tasci-Transfer offenbart Bayerns Jugend-Problem

Der Transfer von Serdar Tasci zum FC Bayern wurde vielfach kritisiert und belächelt. Der Verein fand jedoch keine bessere Alternative—auch weil sich seit Jahren keine Jugendspieler mehr bei den Profis festspielen.

von Benedikt Niessen
02 Februar 2016, 4:25pm

Foto: Imago

Die Not beim FC Bayern München ist groß. Für den Rekordmeister geht es in der Rückrunde in die entscheidende Phase der Mission Triple-Gewinn. Die Mannschaft gleicht aber vor allem in der Defensive einem Feldlazarett: Nach den Verletzungen von Jérôme Boateng, Javi Martinez und Medhi Benatia bleibt mit Holger Badstuber nur ein gesunder Innenverteidiger übrig. Kurz vor Transferschluss folgte daher eine Überraschung: Die Münchner leihen Serdar Tasci von Spartak Moskau aus. Bei Medien und Fans folgte Spott auf der einen und Unverständnis auf der anderen Seite.

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge erklärte vor wenigen Tagen noch gegenüber Sky, dass eine Notlösung in der Abwehr keine Option sei: „Wir haben uns schon nach Boatengs Verletzung mit dem Transfermarkt intensiv beschäftigt. Qualität ist nicht auf dem Markt." Jetzt kommt Tasci und Sportvorstand Matthias Sammer lobt ihn eben dafür: „Er ist in der Lage, uns mit seiner Qualität und Erfahrung sofort zu helfen." Eigenschaften, die beim Rekordmeister intern niemand erfüllen konnte—auch weil es an Alternativen aus der Jugend fehlt.

Tasci ist ein international erfahrener Spieler, der sowohl Liga als auch Sprache kennt und ehemaliger Nationalspieler ist. Doch ist Tasci alles andere als ein Königstransfer. Der 28-Jährige, der zweieinhalb Jahre in Moskau unter dem Radar spielte, wirkt nicht gerade wie eine Verstärkung um die Champions League zu gewinnen. Russische Experten warfen ihm wenig konstante Leistungen bei Spartak vor, die in den letzten beiden Spielzeiten der Premjer-Liga nur den sechsten Rang erreichten. Zudem hat er seit Beginn der russischen Winterpause Anfang Dezember kein Pflichtspiel mehr gemacht und braucht eine gewisse Anlaufzeit. Da es aber an hochklassigen Optionen fehlte, war er die bestmögliche Wahl. Dass die Bayern überhaupt in Zugzwang geraten sind, ist neben dem unglücklichen Verletzungspech auch ein hausgemachtes Problem.

Eine interne Lösung aus der eigenen Jugend war scheinbar nie eine Option für die Münchner. Das offenbart das fehlende Vertrauen der Bayern-Bosse in die eigene Jugendarbeit. Diese ist beim verwöhnten Branchenprimus schon über Jahre das große Problemkind. Während Barca, Chelsea und Co sowohl bei Profis als auch beim Nachwuchs das Nonplusultra sind, gehört die Bayern-Jugend nicht mal zu den Verfolgern dieser Weltspitze. Die Münchner U23 gurkt in der viertklassigen Regionalliga Bayern herum, während in der 3. Liga die Zweitvertretungen von Mainz 05, dem VfB Stuttgart und Werder Bremen spielen. Die U19 landete in der UEFA Youth League hinter Dinamo Zagreb, Arsenal London und Olympiacos Piräus abgeschlagen auf dem letzten Platz. Das Problem ist nicht nur den Bossen, sondern auch den Profis bewusst.

„Nicht jammern"—Badstuber watscht zu bequeme Bayern-Jugend ab


Neben Holger Badstuber kritisierte auch Kapitän Phillip Lahm vor ein paar Tagen öffentlich den Bayern-Nachwuchs. Von „Bequemlichkeit" und „fehlendem Antrieb" sprachen die ehemaligen Bayern-Nachwuchskicker. Seit David Alaba im Jahr 2011 aus Hoffenheim zurückkehrte, konnte sich kein Eigengewächs mehr im Profikader durchsetzen. Der Rekordmeister wirkte ratlos: Das Trainer-Personal im Nachwuchsbereich wurde in den letzten Jahren immer wieder ausgetauscht, junge Talente wie Sinan Kurt oder Joshua Kimmich mit viel Geld von anderen Teams abgeworben. Die guten Leistungen blieben aber ebenso aus, wie auch die in den Profikader drängenden jungen Wilden. Die Baustelle Nachwuchsbereich rutschte im Jahr 2015 noch weiter auf der Agenda nach oben und der Rekordmeister lässt sich das einiges kosten.

Für die Eroberung des europäischen Jugendfußballs begann der Verein im Oktober unter anderem den Bau eines Nachwuchsleistungszentrums für 60 bis 70 Millionen Euro. Das Personal wurde zudem wieder ausgetauscht und neue Trainer eingestellt. Der stille Boss im Hintergrund: Ex-Präsident Uli Hoeneß, der seit über einem Jahr im offenen Vollzug als „Assistent der Abteilungsleitung Junior Team" für die Münchner arbeitet. Last-Minute-Transfers wie der von Serdar Tasci für die Breite des Kaders sollen in Zukunft von der Jugend aufgefangen werden.

Meisterschaftskonkurrent Borussia Dortmund suchte diesen Winter etwa ähnlich dringend nach Alternativen für die dünnbesetzte Offensive. Da sie jedoch unter Zugzwang keine idealen oder zu bezahlbaren Spieler fanden, zogen sie die Offensivtalente Felix Passlack und Christian Pulisic zu den Profis hoch und verzichteten auf einen Last-Minute-Transfer. Auch der FC Schalke bringt Jahr für Jahr Jugendspieler zu einem Debüt in der Bundesliga oder gar in der Champions League. Leroy Sané und Max Meyer werden schon jetzt von einigen Topclubs gejagt. Der FC Bayern hat natürlich weitaus mehr Klasse im Kader und auch andere Ambitionen, doch käme keines der Abwehrtalente aus den aktuellen FCB-Nachwuchsmannschaften für die Profis nur ansatzweise in Frage. Das Heranführen der Jugend an die Profis ist durch das Dauerziel Champions-League-Sieg beim FCB sicherlich schwerer als noch vor fünf Jahren. Dennoch: Andere Top-Teams schaffen diesen Spagat jedoch weitaus besser—wie etwa der Barcelona mit Talente wie Sandro oder Munir El Haddadi.

Der Bayern holte stattdessen für eine hohe Leihgebühr (kolpoltierte 2,5 Millionen Euro) Serdar Tasci, der im Sommer vielleicht gar nicht mehr gebraucht wird. Aber Qualität und Erfahrung sind bei ihm eben auch weitaus höher als in der eigenen zweiten oder dritten Reihe. Sein Wechsel birgt zudem wenig Risiken für den finanzstarken Klub und er verbreitert den Kader. Wenn der ehemalige VfB-Spieler an seine Leistungen zu Anfang seiner Karriere anknüpft, kann er den Bayern vielleicht sogar bei den Erfüllungen ihrer Titelträume helfen. In Zukunft hofft der Rekordmeister aber solche Hilfe aus den eigenen Reihen und dem neuen Leistungszentrum zu bekommen.

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