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Steht Israel dem Aufstieg von arabischstämmigen Fußballern im Weg?

Munas Dabbur ist der Star unter den israelisch-arabischen Fußballspielern. Doch auch er hat unter dem ständigen Spagat zwischen Politik und Sport zu leiden.

von Raphael Gellar
10 April 2015, 2:15pm

Foto: Raddad Jbara

Munas Dabbur, 22, ist das Gesicht einer goldenen Generation von israelischen Fußballprofis arabischer Herkunft. Aktuell spielen fünf von ihnen für die israelische U21-Auswahl und gehören zu den talentiertesten Spielern ihrer Altersklasse. Und genau das wird von arabischstämmigen Spielern auch gefordert: Wollen sie für die Landesauswahl spielen, müssen sie deutlich mehr draufhaben als ihre jüdischen Kollegen.

Dabbur ist mehr als nur gut genug. Er ist von Maccabi Tel Aviv, dem besten Verein in der ersten israelischen Liga, zu den Grasshoppers Zürich gewechselt. Seit seiner Ankunft avancierte Dabbur zu einem der besten Stürmer in der Schweizer Super League und wurde schon zweimal zum besten Spieler des Monats gewählt. Laut transfermakt.de soll Werder Bremen an ihm interessiert sein.

Dabbur glaubt, den rasanten Aufstieg von israelischen Spielern arabischer Herkunft erklären zu können.

„„Wir israelischen Araber glauben zunehmend an unser Spiel und daran, dass wir unsere Träume verwirklichen können", so Dabbur im Interview mit VICE Sports. „„Viele Nachwuchsspieler kriegen mit, wie israelische Araber bei sehr guten Vereinen unterkommen, und glauben vermehrt, dass sie es auch packen können."

Dabbur erklärte weiter, dass israelisch-arabische Spieler in der Vergangenheit viel weniger Aufmerksamkeit bekommen hätten.

„„Erst seit Kurzem werden wir von Scouts, großen Vereinen und den Medien beachtet. Sie wissen nämlich, dass wir die Zukunft sind."

Ahmed Abed, ein weiteres großes israelisch-arabisches Talent, das für den israelischen Spitzenklub Ironi Kiryat Shmona im Mittelfeld spielt, ist davon überzeugt, dass es auch schon früher viele israelisch-arabische Talente gegeben hat, nur dass diese Spieler nicht genügend an sich und ihr Talent geglaubt haben.


Ahmed Abed (rechts) nach seinem spielentscheidenden Tor in der Nachspielzeit. Foto von Raddad Jbara

Abed hätte im Alter von 17 Jahren beinahe selber die Fußballschuhe an Nagel gehängt, weil er glaubte, dass es für ihn im Fußball keine Zukunft—geschweige denn ausreichend Geld—geben würde. Darum begann er, an der Universität von Haifa zu studieren, und arbeitete zudem noch auf dem Bau. Nach einem Jahr ist Abed—auf Druck seiner Familie und Freunde—dann doch wieder auf den Platz zurückgekehrt. Sein jüngster Erfolg sollte auch den zahlreichen israelisch-arabischen Talenten Mut machen, die schon in den Startlöchern stehen.

Doch nicht jeder teilt die Meinung, dass wir aktuell eine goldene Generation von Talenten erleben.

„„Ich würde aus genau einem Grund nicht von einer ‚goldenen Generation sprechen wollen", so Fadi Mustafa, Herausgeber und Produzent von Israels einziger arabischsprachiger Fußballsendung. „„Ich denke, wir könnten noch viel mehr Spieler der arabischen Minderheit in der ersten Liga oder auch in unserer Nationalmannschaft sehen. Es gibt insgesamt viele Araber, die es nicht schaffen, in jüdischen Mannschaften einzutreten. Oft sind sie einfach nur zufrieden, bei irgendeinem größeren Verein unterzukommen."

In der Tat spricht einiges dafür, dass ohne die kontroverse Politik Israels die „„goldene Generation" noch viel mehr Glanz ausstrahlen könnte. Die 1,5 Millionen Israelis arabischer Herkunft sind im israelischen Sportbereich deutlich unterrepräsentiert. So gibt es etwa nicht einen einzigen erstklassigen israelisch-arabischen Basketballspieler. Auch in Israels Handballliga sind kaum israelisch-arabische Spieler vertreten. Und die meisten Israelis arabischer Herkunft werden sagen, dass es ihrer Meinung nach nicht einen gesellschaftlichen Bereich gibt, in dem sie nicht unterrepräsentiert sind.

Ahmad Tibi, ein bekannter Knesset-Abgeordneter, der meist kein Blatt vor den Mund nimmt, glaubt, dass man dieses Phänomen mit dem Klassenbegriff erklären könne.

„„Fußball ist der Sport der Armen", sagt Tibi. „„In den arabischen Dörfern gibt es fast keine Sportplätze, Sporthallen, Schwimmbäder oder andere Anlagen, die finanzielle Unterstützung bräuchten. Da bleiben am Ende nicht viele Sportarten übrig. Am einfachsten ist es dann noch, einen Ball und vier Steine zur Torbegrenzung aufzutreiben."

Ein weiterer Grund, warum so viele israelische Araber Fußball spielen (obwohl sie auch hier unterrepräsentiert sind), besteht darin, dass sie dadurch ihr Ansehen in der Gemeinschaft steigern wollen. Mustafa erklärt, dass in der arabischen Kultur Respekt und Ansehen eine wichtige Rolle spielen würden, manchmal noch wichtiger als Geld. Also träumen viele davon, eines Tages so erfolgreich zu werden, dass sie—mit dem Respekt einer ganzen Nation im Rücken—auch abseits des Platzes genauso gut wie Juden behandelt werden.

Ein israelisch-arabischer Journalist, der anonym bleiben möchte, hat erklärt, dass, seitdem Dabbur in der Schweiz zu einem Star geworden ist, die israelischen Medien und auch die Öffentlichkeit Dabbur als einen der ihren aufgenommen haben.

Zahi Armali, der als der beste israelisch-arabische Fußballer aller Zeiten gilt, glaubt, dass heutige israelisch-arabische Spieler nur deswegen „„200 Prozent" geben müssen, weil sie Araber sind.

„„Angesichts der jüngsten israelischen Politik werden es wohl viele israelisch-arabische Spieler schwer haben, eines Tages für die israelische Nationalmannschaft auflaufen zu können", so Armali weiter.

Mit der jüngsten israelischen Politik ist das sogenannte Nationalstaatsgesetz gemeint, wonach Israel—einmal mehr—als rein jüdischer Staat definiert werden soll, weswegen wohl auch Arabisch seinen Status als gleichberechtigte Amtssprache verlieren würde. Die arabische Minderheit ist verständlicherweise entsetzt über den Gesetzesvorschlag, der ihrer Meinung nach die israelischen Araber des Landes erst recht zu Bürgern zweiter Klasse degradieren würde. Viele israelisch-arabische Spieler singen schon heute nicht die Nationalhymne, wenn sie für die israelische Nationalmannschaft spielen.

„„Ich vermische nicht gerne Politik und Fußball, sondern bin einfach nur glücklich, mit der Mannschaft Fußball spielen zu können", sagt ein sichtlich verlegener Dabbur.

Spieler der arabischen Minderheit fühlen sich beim Thema Nationalhymne oft sehr hin und her gerissen. Sie wissen, dass sie von den arabischen Medien kritisiert werden, sollten sie bei der israelischen Hymne mitsingen. Wenn sie aber nicht mitsingen, wird sich wiederum die israelische Presse darüber mokieren. Dieser Zwiespalt spiegelt gut die diffizile Rolle vieler israelisch-arabischer Spieler wider. Dabburs Talent macht ihn zwar zu einem Liebling der Medien, er bleibt aber unwiderruflich ein israelisch-arabischer Medienliebling.

Diese goldene Generation sieht sich der unfairen—sowie unmöglichen—Aufgabe gegenüber, den Drahtseilakt zwischen Sport und Politik hinzubekommen. Ob die Politik Israels dafür sorgen wird, dass sich auch israelisch-arabische Spieler wie zu Hause fühlen können, liegt nicht in ihrer Hand. Alles, was Dabbur und seine Kollegen machen können, ist (gut) Fußball spielen.