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Wir wollen euch nicht enttäuschen, aber die FIFA wird korrupt bleiben

Blatter ist endlich weg, doch das korrupte System, das er aufgebaut hat, bleibt. Und den Europäern werden so schnell auch keine Eier wachsen.
3.6.15
Foto: imago

Gestern Abend konnte man die Erleichterung bei Millionen Fußballfans förmlich spüren. Endlich ist er weg. Es war kein großer Abgang, den Sepp Blatter hinlegte. Auch wenn der Rücktritt überraschend kam, so war es die Erklärung am Ende keineswegs: „Ich fühle nicht, dass ich das Mandat der gesamten Fußballwelt habe—von Fans, Spielern, Clubs, den Leuten, die Fußball leben, atmen und lieben, so wie wir es alle bei der Fifa tun." Spontane Frage: Hat sich die Fußballwelt seit Freitag, als sich Blatter staatsmännisch hat wiederwählen lassen, so sehr verändert?

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Oder könnte es vielleicht auch hier dran gelegen haben?

BOMBSHELL: Letter from South Africa FA to FIFA instructing $10m payment to Warner WAS addressed to Jerome Valcke pic.twitter.com/b0yKBPRAcA
— Martyn Ziegler (@martynziegler) 2. Juni 2015

Wieder war es die New York Times, die einen Brief veröffentlichte, dem zufolge FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke eine Schmiergeld-Zahlung von 10 Millionen Euro an den Ex-FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner zu leisten habe, der sich im Gegenzug für die WM in Südafrika einsetzte. Valcke gilt als einer der engsten Vertrauten Blatters und ist sein Mann fürs Grobe. Es ist unmöglich für Blatter, glaubhaft versichern zu können, dass er nichts damit zu tun hatte. Und selbst wenn er diese Zahlung nicht in Auftrag gegeben hatte, muss er wissen, was in seinem Haus vor sich geht.

Wie amerikanische Medien berichten, wird das FBI auch gegen Blatter ermitteln. Nach normalem Menschenverstand ist der Rücktritt also mehr als logisch, doch irgendwie hatte man sich schon damit abgefunden, dass der alte Mann alles aussitzen würde.

Nun ist er also doch weg und gefühlt liegen sich alle in den Armen. Wir sollten wirklich erleichtert sein, doch die Vorstellung, dass sich grundlegend etwas in der FIFA ändern wird, ist schlicht und einfach utopisch. Zum einen legt Blatter sein Amt nicht sofort nieder. Irgendwann zwischen Dezember 2015 und März 2016 soll ein neuer FIFA-Präsident gewählt werden, bis dahin wird Blatter Präsident bleiben, wenn ihn das FBI bis dahin nicht einkassiert hat.

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Der 79-Jährige wird dafür sorgen, dass seine afrikanischen und asiatischen Verbündeten in der FIFA weiterhin Gehör finden werden. Wahrscheinlich wird er jemanden in Position bringen wollen, der die Strukturen in der Organisation nach seinem Muster weiterführen kann. Denn darauf ist ja die gegenwärtige FIFA aufgebaut: Stimmen von den Seychellen oder Antigua zu kaufen, damit wichtige Entscheidungen—wie etwa die WM-Vergabe nach Katar—geschickt gelenkt werden können.

Als einer der Favoriten für die Präsidentschaftsnachfolge gilt der kuwaitische Scheich Ahmed Al-Sabah. Er ist ehemaliger OPEC-Boss und aktueller Präsident des Asiatischen Olympischen Komitees. Sein Stellverteter dort ist übrigens einer der größten Heroindealer der Welt. Der neugewählte Vorstand ist voll von diesen zwielichtigen Personen, die das System Blatter an ihre Verbände weitergeben.

Eigentlich sollte es die UEFA richten, der Verband mit den meisten registrierten Fußballern. Doch wer hat den aktuellen FIFA-Skandal ins Rollen gebracht? Eine Nation, deren Sporterlebnis sich aus Hot-Dog-Mampfen und Cheerleader-Bespaßung speist. Es brauchte nur eine einzige motivierte amerikanische Justizministerin, um mal eben Blatter zu Fall zu bringen, während die UEFA wie ein pubertärer Junge mit Ladehemmung daneben stand.

Man könnte meinen, dass die stolzen Fußballnationen Rückgrat gezeigt hätten, um jetzt—in seiner schwersten Stunde—Blatter endgültig von der Klippe zu werfen. Die Sache ist nur die: Auch in der UEFA gibt es genug Länder, die Dreck am Stecken haben und so schnell nicht für Veränderungen sorgen werden. Die russischen und spanischen Verbandspräsidenten sind große Freunde Blatters, kein Wunder also, dass die WM 2018 an Russland ging. Selbst Platini hatte für die Vergabe der WM an Katar gestimmt, weil sein Sohn dort einen guten Job bekommen hat.

Und wie peinlich war eigentlich die Rolle des DFB? So verstörend wie Wolfgang Niersbachs Kommentar nach der Wiederwahl Blatters am Samstag:

Ich kenn's aus politischen Wahlkämpfen, äh, dass aus Wahlkampfgegnern, äh äh, über Nacht Koalitionäre in in der Regierung werden. Der Vergleich, äh, stimmt vielleicht nicht unbedingt, aber, äh, ich rede für mich persönlich und auch für den DFB, ähm äh äh, unser Standpunkt war ihm bekannt und trotzdem, äh, ist die Beziehung, äh, in Ordnung.

Sicherlich war die Beziehung in Ordnung, vor allem wenn man sich fragt, wie die WM 2006 nach Deutschland gekommen ist. Und das ist ja das eigentlich Schlimme daran, niemanden interessiert es in Deutschland, wie wir die WM bekommen haben. Wir denken an Odonkor, Fanmeilen und Spickzettel in Torwart-Stutzen. Am Ende ist die Faszination des Fußballs zu machtvoll und die Interessen, die mit ihm verknüpft sind, zu groß, als dass wir wohl jemals wieder einen komplett fairen Sport erleben werden.