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Derbyfiasko, die X-te: Warum auch das Nordderby zum Vergessen war

Die misslungene HSV-Choreo war noch das kleinste Übel. Schon wieder litt die Atmosphäre bei einem Derby wegen Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei. In Hamburg haben es diesmal alle vermasselt.
25.4.16
Foto: Imago

Eine verkorkste Choreo, ein Wasserwerfer-Einsatz und kollektive Heimreisen—so liest sich die ernüchternde Bilanz des Nordderbys. Denn allen voran die sonst so hitzige Derby-Atmosphäre im Stadion litt unter einigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans vor dem Spiel. Während der HSV nämlich den Rivalen aus Bremen auf dem Platz tiefer in den Keller schoss, stellten die Werder-Fans auf den Rängen den organisierten Support ein. Das lag aber nicht an der Niederlage, sondern an der Abwesenheit der meisten Ultras. Die waren vorher in eine Kontrolle der Hamburger Polizei geraten.

Sehr bitter, welcher Willkür der Polizei man ausgesetzt ist! Dementsprechend schlecht war auch die Stimmung im Block #derby #werder #HSVSVW
— isabel (@DieIsa02) 23. April 2016

Auf dem Hinweg zum Spiel wurden vier Fanbusse verschiedener Werder-Ultragruppen kontrolliert. „Wir hatten den Hinweis, dass in diesen Bussen Teilnehmer von Ultragruppierungen zum Spiel fahren und fanden bei der Kontrolle diverse verbotene Gegenstände", erklärt Polizeisprecher Holger Vehren auf Nachfrage von VICE Sports. Bei den Gegenständen habe es sich um Passivbewaffnung, Vermummungsgegenstände, KO Sprays und Pyrotechnik gehandelt. Daraufhin wurden alle Werder-Fans in den Bussen mit einem Aufenthaltsverbot bestraft und zurück nach Bremen geschickt. Die Fanszene von Werder Bremen kritisierte das Vorgehen der Polizei scharf. „Es ist eine krasse Sache, dass eine Fanszene so rausgezogen wird, obwohl es bis dahin auf der Anreise überhaupt keine Zwischenfälle gab", sagte Daniel Behm vom Bremer Fanprojekt zu Spiegel Online. „Es macht den Anschein, dass die Polizei die Ultras nicht beim Spiel haben wollte."

Dem Vorwurf einer willkürlichen Kollektivstrafe widerspricht der Polizeisprecher: „Da sich im Bus einige bekannte Personen aus der Datei Gewalttäter Sport befanden und wir die sichergestellten Gegenstände keiner einzelnen Person zuordnen konnten, kam es zu dieser Präventivmaßnahme." Laut Faszination Fankurve erreichte nur die Bremer Ultragruppe „Caillera" das Volksparkstadion, welches sie aber aus Solidarität für die anderen Gruppen wieder verließ.

Die Stimmung auf Hamburger Seite war—auch wegen des 2:1-Derbysiegs—wesentlich besser. Doch auch die HSV-Fans gerieten vor dem Spiel mit der Polizei aneinander. Rund 800 HSV-Anhänger hatten sich für einen geplanten Fanmarsch zusammengefunden. „Nach wenigen Minuten wurden Dosen und Böller auf die Beamten geworfen und es wurde mehrfach Pyrotechnik gezündet", erklärt Polizeisprecher Vehren. „Weil die Fans danach ein aggressives Verhalten zeigten, wurden zwei Wasserwerfer hinzugezogen. Anschließend wurde der Marsch aufgelöst."

Beteiligte Fans berichteten hingegen, dass der Marsch lediglich wegen des Abbrennens von Pyrotechnik gestoppt wurde. Zudem sollen Beamten auch Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt haben und unbeteiligte Fans seien auch eingekesselt worden. „Über solche unkonkreten Vorwürfe—etwa aus dem Internet—können wir nichts sagen. Jedoch ist keine Anzeige gegen einen Beamten an diesem Wochenende bei uns eingegangen", erklärt Vehren.

Mein Statement#elbgaustraße #fanmarsch #hsv #svwhsv pic.twitter.com/FZSLHxrHkf
— rauheSee (@rauheSee) 23. April 2016

Im Stadion wurde die Stimmung der Hamburger Fans ein weiteres Mal gedämpft. Die HSV-Ultragruppe „Poptown" präsentierte eine große Choreo aus der ein großes „HSV" herausstechen sollte. Leider verfing sich die Folie des „H", was für ein „ASV" und jede Menge Spott im Internet sorgte.

#HSV-Choreo vor #Anpfiff #HSVSVW #Bundesliga @sport1 pic.twitter.com/9vzqltKCpp
— Nico Pommerenke (@NicoPommerenke) 22. April 2016

Das Spiel zwischen HSV und Werder ist eines der letzten großen Derbys in Deutschland, bei dem das Gästekontingent noch nicht verkleinert wurde. Dennoch wurde nun auch dieses Nachbarschaftsduell nicht wie gewohnt von zwei stimmungsvollen Fanlagern untermalt. Nach den Boykotten rund um das Rheinderby zwischen Gladbach und Köln, dem Fehlen der Dortmunder Ultras im Revierderby auf Schalke oder den zahlreichen ausgesperrten Fans beim Ost-Duell zwischen Magdeburg und Dresden sind die Vorkommnisse am Freitag ein weiteres negatives Kapitel der aktuellen Fanproblematik.

Die Schuld wird sich dabei von Fans, Verbänden und Polizei häufig gegenseitig munter zugeschoben. Eine vernünftige Lösung, bei der sich alle Parteien auch selbst hinterfragen, scheint sich immer weiter zu entfernen. Und somit auch stimmungsvolle Derbys…

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