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Reisen

Auf einem Keks-Frachter in Piratengewässern

Die erhöhte Präsenz von Kriegsschiffen hat geholfen den Golf von Aden etwas sicherer zu machen, aber wir hatten Sandwichplätzchen im Wert von 30.000 Dollar geladen.
15.6.12

Die Bamadhaf Shipping Company in Aden ist angeblich das einzige Unternehmen, das Passagierverkehr aus dem Yemen auf Frachtschiffen arrangieren kann. Ihr Gebäude befindet sich in einer baufälligen, zugesprayten Seitenstraße abseits der apokalyptisch anmutenden Hauptgeschäftsgeschäftsstraße von Adens Mu’alla Viertel. Als ich dort ankam, säumten tausende grauer Steine die Straße vor dem Gebäude; Überbleibsel einer Anti-Regierungsdemonstration, um die sich die Regierung noch nicht hatte kümmern wollen. Auf einem großen roten Schild an einer Stange stand: „Ha’il Walid Ha’il Martyr Street, der jüngste Märtyrer des Südens.“ Zwei Frauen in schwarzen Abayas besetzten das Büro von Bamadhaf. Sie sagten mir ihre Namen seien Salma und Naima. Salma trug saphirblaue Kontaktlinsen und sprach ein wunderschönes Englisch. Frachtschiffe fahren nicht jeden Tag ab, erklärte sie mir. Ich hing also noch eine Woche in Aden herum, bevor ich mir einen Platz nach Somaliland auf einem Schiff sichern konnte. Das Schiff sollte 115.000 Kilo Kekse transportieren.

Berbera, der Hafen, zu dem ich unterwegs war, ist mit Mogadishu ebenso wenig vergleichbar wie Erbil mit Bagdad. Berbera ist die größte Küstenstadt des sezessionistischen Somaliland, das sich gänzlich vom Rest Somalias abgrenzt: dort gibt es eine andere Währung, eine eigene Regierung, andere Visa und eine gänzlich andere Auffassung von Rechtsstaatlichkeit.

Der Name des Bootes war Al Medina. Es war vollgepackt mit kalkartigen Abu Walid Sandwichplätzchen im Wert von 30.000 Dollar. Um an Bord zu kommen, musste Adens Hafengeneral zustimmen. „Er kann nicht nein sagen“, sagte Naima. „Dazu hat er kein Recht.“

Der Hafengeneral empfing mich in einem lichtdurchfluteten Raum im höchsten Stockwerk eines Gebäudes, das wie die Brücke eines Schoners aussah. Er trug eine komplette Marineuniform – weiß mit goldenen Knöpfen. Ein Offizier stand an seiner Seite. Nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen hatte, dachte er einen Moment lang nach.

„Nein“, sagte er gleichgültig.

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Sechs Wochen zuvor war ein überladenes, in Somalia gebautes Schiff gekentert und direkt vor dem Hafen gesunken. Da der jemenitischen Regierung die Hilfe und Partnerschaft mit den USA sehr am Herzen liegen, konnten sie es nicht riskieren, mich als US-Staatsbürger im Meer ertrinken zu lassen. Ich verstand seine Entscheidung und verabschiedete mich.

Wieder unten auf den Docks traf ich in einem überhitzten Raum einen Mann, der wie Harvey Weinstein aussah und mit dem asthmatischen Keuchen von Jabba the Hutt sprach. Er erzählte mir, er arbeite für eine Agentur, die mir eine Freigabe verschaffen könnte. Ich unterschrieb eine eidesstattliche Erklärung, die ihn von jeder Verantwortung freisprach, sollte ich auf der Reise verunglücken. Er versicherte mir zwar, die Bitte weiterzureichen, die Erfolgsaussichten waren jedoch gering.

Dann hatte ich eine Idee: da die ganze Geschichte ja sowieso illegal ist, könnte ich ebenso gut anfangen Leute zu bestechen. Innerhalb einer Stunde hatte Naima die Sache gelöst: 100 Dollar für das Ticket und noch mal 100 Dollar als Schmiergeld.

Ich wechselte einen frischen 100 Dollarschein in kleine jemenitische Scheine. Jedem, den ich auf dem Weg vom Auto zur Takelage des Schiffes traf, drückte ich einen kleinen Teil in die Hand. Am Eingang zum Hafen, zeigte meine Kontaktperson einem Mann in Uniform meinen Ausweis, der sogleich die international bekannte „Was-zur-Hölle-soll-das?“- Geste machte.

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Meine Kontaktperson drückte ihm 1000 Rial in die Hand (etwa 4,50 Dollar): Was zur Hölle ist was?

Das Schiff, das mich mitnehmen sollte, kam nicht an. Irgendetwas stimmte mit dem Motor nicht. Wir warteten die ganze Nacht und kauten dabei Khat, um uns die Zeit zu vertreiben. Am nächsten Tag war das Schiff endlich da. Die Al Medina war mahagonifarben, vielleicht 35 Meter lang und mit einer Abdeckplane aus Leinwand bespannt, die über das ganze Schiff gespannt war. Die jemenitische Flagge wehte am Heck. Ich konnte das Schiff in etwa 20 Sekunden durchlaufen. Wir hielten einige Minuten, nachdem wir die Küste verlassen hatten und eine fette orangene Sonne sank in den Hafen von Arden. „Problem“, sagte Hari, der kenianische Ingenieur. Am Ende dieses grauen Tages gab sich das Schiff endlich der weinroten See hin und wir trieben in den engen Golf, den einige Seeleute "pirate alley" nennen. Ich kotzte für drei Stunden heftig von der Reeling. Es war mein Geburtstag.

Die Luft am Golf von Aden ist wirklich gut im späten Januar, das perfekte Wetter, um zu schlafen. An Bord gab es Handyladegeräte und Anschlussbüchsen für iPod-Lautsprecher. Wir schissen in den Ozean durch einen mannsgroßen, an einer Seite des Schiffes angebrachten Kübel, dessen Boden abgeschnitten worden war. Mit der schäumenden See unter sich war es anfangs beängstigend. Wir wechselten uns nachts mit der Wache ab. Nachdem mein erste Schicht zu Ende war, rollte ein anderer eine Matratze auf dem Boden aus und sagte mir, ich solle schlafen. Noch vor Tagesanbruch wurde die jemenitische Flagge mit der rot-weiß-grünen von Somaliland getauscht, auf der ein schwarzer Stern und das islamische Glaubensbekenntnis abgebildet sind: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Zur Morgendämmerung erwachte ich in afrikanischen Gewässern.

***

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Die erhöhte Präsenz von Kriegsschiffen hat geholfen den Golf von Aden etwas sicherer zu machen. Das Risiko auf einem Dhau wie dem Al Medina angegriffen zu werden ist gering. Piraten versuchen immer noch große Tanker in der Meerenge zwischen Jemen und Djibouti zu entern, aber die einzigen drei erfolgreichen Entführungen 2012 geschahen mehr als 250 Kilometer entfernt von der offiziellen Route.

Die Mehrheit unserer zehn-Mann-Crew stammte aus Kenia, Tansania, Somalialand und Somalia. Einer von ihnen, Jirani, ließ mich das Schiff eine Weile steuern. Nervös schien das keinen zu machen. Ein paar versammelten sich um mich, um mich beim Steuern zu beobachten. Es war anstrengender als ich dachte. Nur zwei Zentimeter in Uhrzeigerrichtung können entweder eine riesige oder gar keine Wirkung haben. Doch die Wellen trieben uns sanft und unregelmäßig nach Djibouti.

Wie ich so auf der lindgrünen Kapitänsbank saß, meine Füße am Steuerrad, spürte ich den Drang auf das Gaspedal zu drücken. Wir hatten nur sieben Knoten drauf. Ich jogge schneller. Hari bemerkte den Geschwindigkeitsanstieg und drosselte das Gaspedal wieder. Die See ist nicht glatt, sagte er. Wenn wir nur ein wenig schneller fahren würden, klatscht das Boot vielleicht gegen die Wellen und zerbirst.

Wenn ich auf meine Reise durch die pirate alley zurückblicke, dann war das wohl der gefährlichste Moment.

Wir erreichten Britisch-Somaliland in weniger als 22 Stunden. Die Ogo-Gebirgskette fiel schräg zur Küste hin ab. Sie schien löwengelb im Winternebel. Am östlichen Ende des Hafens von Berbera verklumpten schwerfällige Schiffswracks mit rostenden halb-gesunkenen Schiffen – wie Autoteile in Camden, New Jersey.

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„Willkommen!“, strahlte Hari.

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