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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Popkultur

Der VICE Guide zu den dunklen Seiten des Internets

Wer schon mal den Save-Search by Google abgestellt hat und Facebook hinter sich gelassen hat, wird feststellen, dass es unglaubliche Untiefen im Internet gibt. Wir erklären sie euch.

von VICE Staff
04 April 2012, 1:10pm

HINWEIS: Wenn ihr etwas illegales im Internet anstellt, dann geht das auf eure Kappe und wir haben nichts damit am Hut. Also lest euch diesen Artikel durch, aber haltet eure kleinkriminellen Anwandlungen im Zaum.

Wer schon mal den Save-Search by Google abgestellt hat und Facebook hinter sich gelassen hat, wird feststellen, dass es unglaubliche Untiefen im Internet gibt. Wenn du nicht zu den Digital Natives gehörst, liest du wahrscheinlich eh kein VICE, aber nur für den Fall, dass du dich zufällig hierher verirrt hast, sind hier ein paar Beispiele, die zeigen wie einfach es ist mit dem Internet und dem Gesetz umzugehen


BitTorrent
 
Wenn du nicht willst, dass die Musikindustrie dich hart in den Arsch fickt, mit ihrem Lieblingsabmahnanwalt, dann solltest du heutzutage lieber nicht wahllos irgendwelche Sachen über BitTorrent runterladen. Während die Filmindustrie eher gemächlich klagt, holt sich vor allem die Musikindustrie ziemlich einen dabei runter, auch  Zwölfjährigen mit fünf Jahren Freiheitsentzug zu drohen. Problem ist, dass die Musikindustrie ja irgendwie nachweisen muss,  dass du dir das neue Album von Justin Bieber auch wirklich runtergeladen hast. Um sicherzugehen, dass es auch verfügbar ist, und um dir zu beweisen, dass du es warst, lädt deshalb die Musikindustrie das Zeug einfach selber hoch. Wenn die Falle zuschnappt, bist du dabei. Also kann einem prinzipiell nix passieren, wenn man die richtigen Files bei BitTorrent runterlädt–denk dran, es gibt ja auch legale Files für Torrent. Ob die Methode der Musikindustrie rechtlich fragwürdig ist? Ich bin kein Rechtsanwalt, aber mein Moralverständnis sagt mir: „Ja“. Aber wer will sich schon mit denen auf einen Rechtsstreit einlassen? Im Internet ist ja sowieso alles eine rechtliche Grauzone, warum sollte also die Musikindustrie es selbst so genau nehmen. Anstiftung zur Straftat ist gar nicht so schlimm, wenn man selbst nachher ordentlich zurück klagen kann. Mittlerweile gibt es auch jede Menge Verbrecheranwälte (ist das ein Pleonasmus?), die dich abmahnen, obwohl du überhaupt nichts getan hast. Deswegen sollte man in solchen Fällen nicht nur deshalb den Anwalt einschalten, anstatt einfach etwas zu unterschreiben und irgendeinem Hanswurst Geld zu schicken, sondern auch, weil selbst die Anwaltskosten im Normalfall geringer sind als das, was die Musikindustrie von dir will.
 

Streaming
 
Fernsehen braucht doch heute eh keiner mehr, wahrscheinlich musstest du nicht einmal Lügen, als das letzte Mal die GEZ-Drückerkolonne bei dir vor der Tür stand und du „Ich habe keinen terrestrischen Empfänger“ gesagt hast. Ab 2013 musst du sowieso zahlen, egal ob du gelogen hast oder nicht, dann wird nämlich die Haushaltsabgabe eingeführt. Wenigstens brauchst du dich dann für 17,98 € monatlich nicht mehr von der GEZ belästigen zu lassen, und deren Mitarbeiter können endlich einen Job mit mehr Würde ausüben. Aber wer braucht schon einen Fernseher, wenn er einigermaßen gut Englisch spricht (eine Voraussetzung für Digital Natives) und weiß, dass Serien sowieso ein halbes Jahr früher in den USA ausgestrahlt werden. Wer auf die Qualität scheißt, kann auf einschlägigen Seiten den gesamten Serienbestand seit Anbeginn des Kabelfernsehens konsumieren. Rechtlichen Ärger haben dafür bisher nur die Betreiber bekommen, den aber ziemlich massiv–für „leacher“ ist in Deutschland die Grauzone ziemlich groß. Mir ist kein Fall bekannt, in dem jemand in Deutschland fürs Anschauen bestraft wurde. Aber sei dir bewusst: Jede Menge Jobs in der Unterhaltungsindustrie werden durch dein verantwortungsloses Verhalten vernichtet. Ich hoffe, du kannst mit dieser Schuld leben, wenn Brad Pitt und Angelina Jolie sich keinen neuen unterirdischen Freizeitpark bauen können. Nach Angaben der Copyright-Mafia wurden in den letzten Jahren mehr Jobs vernichtet, als es überhaupt in der Branche gibt. Jetzt weißt du, wie schlecht es um die Film- und Musikindustrie steht. Dass es auch eine Pornovariante von YouTube gibt, weiß sogar meine 12-jährige Cousine. Dass alles, was es dort zum Streamen gibt, grauenhafter Fetisch-Shit und verpixelt ist, hast du sicher auch schon gemerkt. Die Möglichkeit Pornos in halbwegs guter Qualität streamen zu können, ist in einer Generation bei der jeder zweite kinox.to in der Lesezeichenleiste hat, eher eine Frage des „Wo“ und nicht, „ob“ das geht. Ich würde euch ja gern ein paar Tipps geben, aber ich will ja nicht, dass jeder hier in der Redaktion mich für einen Verbrecher hält.


Mask your IP

Wer entweder einen Sicherheitsfimmel hat oder einfach Videos auf YouTube anschauen will, „für die die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden“, hat die Wahl seine IP-Adresse zu verstecken. Das verschleiern der eigenen IP ist vollkommen legal, es kann dir ja auch in Deutschland niemand verbieten, dich unter falschem Namen vorzustellen. Einziger Nachteil ist, dass deine Internetverbindung dadurch langsamer wird, da du dein Internet prinzipiell per Umweg über einen anderen Computer konsumierst. Es gibt deswegen sogar mittlerweile ein Add-on für Firefox, mit dem du nur in wichtigen Fällen automatisch deine IP verschleierst, damit dein Internet nicht unnötig verlangsamt wird. Das Ganze funktioniert natürlich auch super fürs legale Streaming. In Amerika gibt es vielen Content, der offiziell und legal online gestellt wird. Weil aber die Firmen noch bergeweise Bargeld durch den Rechteverkauf an europäische Firmen verdienen wollen, verbieten sie das Anschauen der Inhalte für Nicht-US-Bürger. Manchmal ist auch die Preispolitik der GEMA schuld, so wie im Fall von grooveshark.com. Im Internet kann man deinen Wohnort relativ leicht über die IP-Adresse ausfindig machen, denn die ist immer einem bestimmten Land bzw. Stadt zugeordnet. Wenn du also deine IP allgemein verschleiern willst, damit du dich mit solchen Sachen nicht rumärgern musst, kannst du das auch manuell machen. Ich überlass das Erklären aber mal lieber dem Profi. Weitere Proxy-Listen findest du hier. Folgst du seinem Rat, kannst du endlich wieder grooveshark.com oder pandora.com benutzen. Hast du einen etwas ausgeprägteren Sicherheitsfimmel und traust Facebook und Co. nicht, kannst du sogar noch mehr machen, als einfach nur deine IP-Adresse verstecken. In Wahrheit sammeln große Firmen natürlich nur Daten von dir, um dir immer den besten Service bieten zu können, nicht damit sie Werbeagenturen dein Surfverhalten für Marketingzwecke verkaufen können. Was von beidem wirklich stimmt, liegt im Ermessensspielraum der Firma und in deinem Vertrauen ins Gute im Menschen. Falls du dein blindes Vertrauen nicht gern in Multimillionen-Dollar-Firmen legst, kannst du zumindest verhindern, dass sie dein Surfverhalten analysieren. Mit Ghostery kannst du stoppen, dass man dein komplettes Internetsurfverhalten ausspioniert, wenn du schon nicht verhindern kannst, dass Sony deine Kreditkartendaten aus Versehen verliert.


Free Stuff

Wenn du es noch nicht gemerkt hast, im Internet gibt’s überall alles umsonst. Chris Anderson erklärte uns bereits in seinem Buch Free: the Future of a Radical Price, warum das so ist. Die meisten Dienste im Internet finanzieren sich über ein paar wenige Leute, die das Premiummodell in Anspruch nehmen oder werden sowieso von irgendwelchen  begeisterten Spinnern in ihrer Freizeit programmiert, weil sie denken, dass sie etwas besser als ein Konzern machen können—womit sie allzu oft Recht behalten. Vor allem durch die ganzen Open-Source-Software-Projekte gibt es einen neuen Mitbewerber, der ganz neue Maßstäbe gesetzt hat, wer kann schon mit kostenlos konkurrieren. Wie schlecht kann etwas schon sein, das umsonst ist? Wie viel besser muss mein Produkt sein, um bei einem existierenden, vergleichbaren Open-Source-Projekt Leute dazu zu bewegen, Geld für eine Vollpreis-Software auszugeben—der Welt des alten Kapitalismus stehen harte Zeiten bevor. Heute in der Remix-Kultur ist es eh schwer zu sagen, ob man sich gerade strafbar gemacht hat. Ich lade mir immer wieder Musik bei musigh.com runter und frage mich schon lange, ob und wer sich vielleicht dabei Strafbar macht, wenn man bedenkt, dass es dort oft Remixe von bekannten Künstlern gibt. Vielleicht ist es aber auch nur eine riesige Promotionmaschine und ich bin ihnen total auf den Leim gegangen. Ich weiß, dass ich gerade gesagt habe, im Internet ist alles kostenlos: Musik, Software, Unterhaltung und Kommunikation. Aber wenn du irgendwo das Wort „kostenlos“ liest, dann ist es mit Sicherheit reiner Betrug. Kostenlos ist so etwas wie ein Signalwort für Bullshit. Alles, was kostenlos im Internet ist, macht keine Werbung damit. Und bitte mach auf keinen Fall den Fehler bei Google irgendwelche Wörter mit „Free“ zu kombinieren, wer so etwas macht, legt auch sein Geld bei einem Pyramidenspiel an. Wenn ich das Wort kostenlos im Internet lese, dann steuere ich automatisch in die andere Richtung. Mach das am besten auch, dann kriegst du weniger Abmahnungen per E-Mail (die sowieso rechtliche zweifelhaft sind. Vor allem an Privatpersonen.) und musst auch nicht ständig irgendwelche Trojaner von deinem Rechner entfernen.


Got Problem?

Wenn mal wieder dein Drucker spinnt und behauptet, das Tintenpatronen-Reinigungsfach wäre voll oder einen anderen erfundenen Hokuspokus, mit dem dich die Herstellerfirma dazu kriegen will, einen neuen Drucker zu kaufen, fühlt man sich verarscht, oder? Diese Verbrechermethode nennt man in euphemistischer Ingenieurssprache „geplante Obsoleszenz“. Wenn du dich nicht gerne von großen Firmen verarschen lässt, bist du damit nicht allein. Logischerweise steht weder in der Anleitung des Druckers, wie man das Reinigungsfach leert, noch hilft dir da die kostenpflichtige Kundenhotline weiter. Apple war sogar so dreist, beim iPod einen Akku einzubauen, der nur 8-12 Monate hält und keinen Ersatz anzubieten, sondern verwies lieber darauf, dass man sich doch einen neuen iPod kaufen solle. Hier hilft es bloß, sich von verärgerten Tech-Geeks im Internet helfen zu lassen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen im Internet, die dir erklären, wie du dieses oder jenes Obsoleszenz-Problem lösen kannst. Egal ob dich dein Drucker zwingt, die Patronen unnötig früh zu wechseln oder du deinen iPod-Batterie selbst wechseln willst. Das Internet hat prinzipiell immer die richtige Antwort für dich auf Lager. Egal ob du wissen möchtest, ob man von Oralsex schwanger werden kann oder wie man eine Layer-Mask bei Photoshop erstellt, irgendwer da draußen hat sich diese Frage auch schonmal gestellt. Gib’s einfach auf, so einzigartig bist du nicht. Aber mach dir die Profanität deiner Probleme einfach zunutze. So brauchst du nicht wochenlang warten, bis jemand in einem dubiosen Forum endlich antwortet, sondern die Lösungen liegen meist bereits auf dem Präsentierteller parat. Such einfach ein paar eindeutige Wörter in der Suchmaschine deines Vertrauens, und Voilá—Problem gelöst!
 

4chan.org

Der Spiegel beschrieb 4Chan einmal folgendermaßen: „Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens.“ Klarer hätten wir das auch nicht formulieren können. Aber für euch rollen wir das ganze nochmal von vorne auf. Das einzige Produkt von 4Chan, das der durchschnittliche Internet-User kennt, weil es sogar bis zu Facebook rübergeschwappt ist, nennt sich Lolcats. Die Idee ist einfach zu beschreiben: Irgendein Witzbold modifiziert ein Foto von seiner unglaublich niedlichen Katze per MS-Paint, versieht es mit einer Bildunterschrift und schickt es an all seine Freunde. Die Idee ist weder neu, noch kreativ. Bereits 1870 lebte der Fotograf Harry Pointer seine Katzenobsession in Postkartenform aus und diese fand durch 4Chan.org seinen Weg ins Internet. Das ganze Phänomen nennt sich Meme und wurde bereits 1976 vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins beschrieben, als eine Idee oder Verhalten, das sich in einer Gesellschaft von Person zu Person verbreitet. Bei 4Chan wurde es professionalisiert und anonymisiert, behinderte Scheiße zu posten, der sich als Meme tarnt. Schuld daran ist ein Typ, der sich moot nennt und die Idee aus Japan geklaut hat. Klar, hätte man ja gleich drauf kommen können, dass sich so eine behinderten Kacke nur ein paar verrückte Japaner ausdenken konnten, als sie gerade eine Pause mit ihrer Replika-Liebespuppe machen mussten, weil ihr Penis wund war. Moot, im wahren Leben als Christopher Poole bekannt, wurde aufgrund harter Betrügereien von seinen 4Chan-Freunden 2009 zum Gewinner der TIME100 gewählt. Peinlich für die New York Times? Nein. Peinlich für uns ALLE! Wenn du 4Chan nicht kennst, kann man das wahrscheinlich als Glücksfall abtun. Aber wenn du jetzt gleich rüber klickst, dann mach dich bei deinem ersten Besuch auf Nacktbilder, Rassismus und jede Menge blödes Gelaber gefasst. Up-to-Date über überflüssige Internet-Memes bleibst du besser auf anderen einschlägigen Seiten.


The Dark Internet

Das Ganze, was du im Internet für illegal hältst, ist eigentlich Kinderkacke. Solange du es über eine Adresszeile erreichen kannst, die man einfach so in den Browser eingibt, kommst du auf Seiten, die im besten Fall irgendwelche Dinge anbieten, die gegen das Copyright oder das Jugendschutzgesetz verstoßen. Dass es im Internet auch einen Großmarkt für Kreditkartennummern, Hitmen for Hire, Kinderpornografie und den Großeinkauf beim Drogenkartell geben muss, könnte man sich eigentlich denken. Wie genau der Markt funktioniert, weiß ich auch nicht. Aber auch im Internet gibt es diesen dubiosen Stadtteil mit den dunklen Gassen, die nach Pisse riechen, wo du einfach alles kriegen kannst. Während Seiten wie 4Chan.org und piratebay.se an der Grenzen der Legalität agieren, brauchst du dich beim Dark Internet gar nicht erst der Illusion hinzugeben, dass es hier mit rechten Dingen zugeht. Diese Orte findest du auch nicht mit Google, selbst wenn du den Safe Search deaktiviert hast. Wenn du irgendetwas finden willst, dann musst du die Adresse kennen und die besteht aus einer wahllosen Zahlen- und Buchstabenkombination. Das Deep Web kann man nur über einen speziellen Browser namens TOR (The Onion Router) öffnen, der auf Firefox basiert. Am besten du gehst erst mal über das Hidden Wiki rein. Von dort aus steht dir der ganze verkrustete Dreck in der vor Eiter triefenden Wunde des menschlichen Daseins zur Verfügung. Dieses Wiki ist prinzipiell eine Liste aus Adressen, die dich immer Tiefer rein führen, der Abgrund scheint bodenlos. Bei dem, was du hier machst, solltest du wirklich vorsichtig sein, nicht dass du aus Versehen etwas extrem Illegales tust und man dich dabei erwischt, weil du einfach überhaupt keine Ahnung hast. TOR verschleiert zwar deine Identität, aber darauf würde ich mich nur verlassen, wenn du dich wirklich gut auskennst. Und wenn du dich auskennen würdest, hättest du bereits bei der Überschrift aufgehört zu lesen. 100% sicher ist es auf keinen Fall, also pass auf, was du tust, im Fall, dass du es wirklich ausprobierst. Das hier soll keine Aufforderung sein!

Wenn ihr mehr über freies Internet wissen wollt, dann schaut euch hier unsere Dokumentation Free the Network an!

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