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Popkultur

Schmerz und Strafe sollen dich von deinem Drogenproblem heilen

Amerikanische Teenager, die kiffen oder rebellisch gegen ihre Eltern sind, können schnell in Internaten landen, um geheilt zu werden. Disziplin, Schmerz und Folter sind hier bewährte Behandlungsmethoden.

von Matt Shea
24 Mai 2013, 10:35am


Josh Shipp, Moderator von der Serie Teen Trouble. (via)

Es gibt ja schon so einige gestörte Reality-TV-Serien über Housewives, Schönheitswettbewerbe für Kinder  oder Teen-Moms, die sich mit den seltsamsten Problemen irgendwelcher Leute beschäftigen. In den USA gibt es jetzt Teen Trouble—das schlägt in eine ähnliche Kerbe. Hier schickt ein Typ namens Josh Shipp „gefährdete“ Teenager in alternative „Entzugskliniken“, wo sie gezwungen werden, enormen emotionalen und physischen Missbrauch durchzustehen, bevor sie in die Gesellschaft zurückkehren dürfen.

Der Moderator Shipp ist der klassische Fernsehtherapeut: keine wirkliche Qualifikation, ein riesiges Ego und eine Vorliebe für Geld. Auch er zieht Unterhaltungsfernsehen wirklicher Wissenschaft und ernsthafter Psychologie vor. „Ich bin ein Experte für das Verhalten von Teenagern“, tönt er im Intro. „Mein Ansatz ist düster, mutig und direkt!“

Tatsächlich ist die Sendung um einiges düsterer als die typische Nachmittagsserie. Selbst wenn die dort angewandten Methoden nicht immer aggressiv und/oder tödlich sind, können die pseudowissenschaftlichen Methoden, die sie „liebevoll streng“ nennen, zu etlichen psychologischen Problemen führen. Spätfolgen wie PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Angstattacken, Depressionen und Drogensucht sind keine Seltenheit. Maia Szalavitz, Autorin und Neurowissenschaftlerin, hat mir von Horrorgeschichten, die sie über diese strengen Erziehungsmethoden gehört hat, berichtet. 

„Die Klassiker sind Nahrungs- und Schlafentzug, öffentliche Demütigung und Schläge. Das Verbot, auf Klo zu gehen, führt dazu, dass sich viele Kinder in die Hose machen. Oft müssen die Kinder traumatische Situationen aus ihrem Leben nachspielen, etwa Vergewaltigung“, erzählt sie mir.


Ein Kind im „Family First Growth Camp“ muss einen Autoreifen tragen und wird angeschrien, bis es zusammenbricht.

Szalavitz erzählt mir weiter: „In der Mount Bachelor Academy fand man während einer Untersuchung Bettlaken, die während einer solchen Nachstellung verwendet wurden. Auf einem stand: ,Ich mache alles mit. Spritz mir deine Wichse auf die Titten.' Ganz ehrlich, das ist keine Therapie.“ 

Diese Methoden sind wahrscheinlich auf einen Anti-Drogen-Kult namens „Kirche von Synanon“ aus den 60ern zurückzuführen. Ihre Methode bestand darin, Junkies zu entführen und sie durch Schläge und Demütigungen zu „rehabilitieren“. „Ich habe herausgefunden, dass so gut wie alle momentan existierenden Programme mit diesen harten Methoden von ehemaligen Synanon-Mitgliedern gegründet wurden. Oder aber von Leuten, die diese Methoden erst bei Synanon gelernt haben“, erzählt mir Szalavitz.

Frühere Patienten haben ihre Erfahrungen in der Vergangenheit mittlerweile auf reddit oder anderen Seiten geteilt. Ich habe einige davon kontaktiert, um mehr zu erfahren, und schnell festgestellt, dass die heutigen Behandlungszentren immer noch eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Kult haben.

Ein Opfer dieser neuen Methoden ist auch Nick Quinn geworden, den seine Eltern eines Nachts aus seinem Bett gezerrt und ins Aspen Education’s Outback-Programm in Utah verfrachtet haben. Und das nur, weil seine Eltern ihn beim Grasrauchen erwischt hatten. „Morgens um 4.30 Uhr standen plötzlich zwei Typen mit Handschellen vor mir. Sie haben sich mein Handy und meine Brieftasche geschnappt und mir gesagt, dass sie es mir auch schwer machen können, wenn ich jetzt nicht freiwillig mitkomme. Ich dachte, die wollen mich kidnappen. Das Nächste, an das ich mich erinnere: Ich sitze in einem großen, weißen Truck auf dem Weg zum Flughafen“, erzählt er mir.

Kurz nach der Ankunft gab man ihm neue Klamotten und eine Überlebensausrüstung, er wurde festgebunden und für acht Wochen in die Wildnis verfrachtet. Bei nächtlichen Minustemperaturen nahm man ihm die Stiefel weg, um seine Flucht zu verhindern. Für ein bisschen Grasrauchen scheint das eine etwas übertriebene Methode zu sein.


Nick Quinn 

Nach dieser Tortur schickte man ihn in ein anderes Institut, wo man ihn für weitere sieben Monate festhielt. „Ich hatte wirklich Glück, dass meine Eltern mich rausgeholt haben. Sie behalten die Kinder so lange wie möglich da, um das Geld zu kassieren. Letztendlich haben meine Eltern so um die 150.000 Dollar gezahlt.“

Nick musste die gleiche „Therapie“ durchmachen, von der mir schon andere Patienten berichtet hatten. Eine „Therapie“, die laut zahllosen Experten zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen kann. Laut Szalavitz ist es das Hauptziel, die Kinder psychisch kleinzukriegen, um ihnen eine Gehirnwäsche zu verpassen: „Diese Taktiken klingen deswegen so sehr nach verstärkten Verhörtechniken, auch bekannt als Folter, weil es sich dabei um die perfekten Methode handelt, die Kinder zu brechen, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen.“

Mittlerweile, Jahre später, hat Nick mit einer Angststörung und wiederkehrenden Albträumen von seiner Zeit in „Therapie“ zu kämpfen—und er raucht immer noch Gras. Verständlicherweise bereuen seine Eltern mittlerweile, ihn dort hingeschickt zu haben. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass scheinbar mehr Schaden verursacht als verhindert wurden. Ein Vorgang, der im Nachhinein bei vielen Problemkindern, die Zeit in solchen Camps verbracht haben, zu beobachten ist.

„So ziemlich alle Kinder, die etwas Ähnliches durchgemacht haben wie ich, sind von der Schule geflogen“, erzählt mir Nick weiter. „Viele werden wieder süchtig. Wenn du rauskommst, hast du plötzlich all diese Freiheit und weißt nicht, was du mit ihr anstellen sollst. Du verlierst danach einfach die Kontrolle, verstehst du?“

Aria Leonard hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie erzählte mir von ihrer Mutter, die nicht mit Arias Freunden „einverstanden war“, weil sie anders waren—schwarz, schwul etc. Nach einem 2.000 Dollar teuren Besuch bei einem „Erziehungsberater“ wurde Aria mit Depression und Drogenabhängigkeit diagnostiziert. Ihre Eltern erzählten ihr, sie müsse auf ein „Internat“.

Erst nachdem ihre Sachen konfisziert und sie komplett durchsucht wurde, dämmerte ihr, dass dies kein normales Internat war.


Aria Leonard vor ihrer Therapie

„Direkt nach meiner Ankunft ging es in die Gruppentherapie. Die Leute fingen an, über Drogen, Sex und Alkohol zu reden. Dann heulten sie alle rum. Ich war verwirrt und wusste nicht, ob da nicht vielleicht ein Fehler gemacht wurde. Dann fragten sie mich, welche Drogen ich genommen hatte, um dort zu landen. Ich beteuerte, dass ich noch nie Drogen genommen habe, noch Jungfrau war und auch nicht gewalttätig. Doch niemand glaubte mir.“

Aria wurde zu sinnloser harter Arbeit gezwungen. Sie musste riesige Bäume fällen und sie für eine halbe Stunde über den Boden schleifen. Nachts sollte sie einer Wand gegenüber sitzen und immer wieder Sachen aufschreiben wie: „Ich bin eine Schlampe“ und „Ich bin nicht gut genug“.

Wie die meisten Opfer dieser Problemkindindustrie wurde sie gezwungen, sich in zahllosen Sitzungen komplett zu offenbaren—eine Art psychotischer Beichtstuhl. „Du musstest alle schlimmen Sachen aufschreiben, die du jemals getan hast. Der Schwerpunkt lag aber auf den sexuellen ,Verfehlungen'. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine großen Erfahrungen damit gemacht, aber sie glaubten mir einfach nicht. Letztendlich habe ich mir dann einfach Sachen ausgedacht“, sagt sie.

Aria musste die gleichen emotionalen Zusammenbrüche wie Nick durchstehen. Während einer als „Einsicht“ bekannten Prozedur wurden den Teenagern der Gang zur Toilette, Nahrung und Schlaf für drei bis fünf Tage verweigert. Außerdem mussten sie in Rollenspielübungen ihren eigenen Tod darstellen. So ähnlich wie in diesem bizarren Video hier.

Aria blieb 18 Monate in der Einrichtung. Genau wie Nick wurde sie danach mit Angststörungen und Depression diagnostiziert und kämpft noch heute gegen die Albträume ihrer Erfahrungen an.


Liz besuchte insgesamt 39 verschiedene Behandlungseinrichtungen und berichtet von Missbrauch und vielfacher Vergewaltigung. Vergewaltigungsanschuldigungen sind keine Seltenheit in den Einrichtungen. Da die Kinder sich aber mitunter etliche Jahre unter Kontrolle der Angestellten befinden, kommt es so gut wie nie zur Anklage.

„Der übermäßige Gebrauch von Bestrafung und demütigenden Methoden ist nicht nur nicht hilfreich, sondern auch besonders traumatisierend für die jungen Menschen“, sagt mir der Kinderpsychologe Professor Robert Friedman. „Genauso wie die Herangehensweise, die Kinder ohne jegliche Vorbereitung mitten in der Nacht zu wecken und weit weg zu bringen.“

Doch nicht nur die traumatisierenden Methoden machen dieses Geschäftsfeld so fragwürdig. Für die Diagnose gilt das Gleiche. „Was genau ist ein Problemkind?“, fragt sich Szalavitz. „Allein die Idee, dass wir Kinder mit Asperger-Syndrom, Heroinsucht, Depressionen und extremen Störungen in ein Programm mit starren, straff organisierten Ablaufplänen stecken und denken, dass das dann hilft, ist doch völlig absurd.“

„Amerikaner haben diese abwegige Idee, dass das Konsumieren von Drogen und Abhängigkeit ganz allein auf Vergnügungssucht und das Ablehnen der Eltern zurückzuführen ist. Sie denken nicht daran, dass die Leute mit wirklich ernsten Drogenproblemen meist nur einen Weg suchen, ihren Schmerz zu betäuben. Ihre Grundidee basiert darauf, den Leuten mit Schmerzen noch mehr Schmerzen zuzufügen, um sie zu heilen“, erzählt sie weiter.

Fernab der eigentlichen Absicht ist diese Form der Therapie nicht nur absolut sinnlos und veraltet, sondern auch grausam und schädlich. Jedes emotionale Trauma, das diese Kinder durchleben, kommt noch zu dem Gefühl hinzu, von ihren Eltern verstoßen zu werden.

Während diese Praktiken natürlich abstoßend sind, ist die dahinterstehende Industrie in den USA  äußerst mächtig und geübt darin, Anschuldigungen unter den Teppich zu kehren. 

Erika Brown vom Forbes Magazine schätzte den Wert im Jahre 2002 auf etwa 2 Milliarden Dollar allein in den USA. Seit damals steigt diese Zahl stetig. Aufgrund ihrer starken republikanischen und christlichen Wurzeln existiert die Industrie in verschiedenen Formen übrigens schon seit den 60ern. Viele Programme lassen sich bis zu Straight, Incorporated zurückverfolgen: Die von Nancy Reagan und George H.W. Bush favorisierte Anti-Drogen-Kampagne, die erst in den 90ern wegen mehrerer Missbrauchsklagen eingestellt wurde.


George Bush Sr. macht sich für Straight, Incorporated stark.

Heutzutage wächst und gedeiht die Industrie, unter anderem dank der Förderung von Mitt Romneys Firma Bain Capital, der er zwar nicht mehr als CEO vorsteht, von der er aber immer noch profitiert. Der größte Name in diesem Business, Aspen Education, gehört zur CRC Health Group, die Bain Capital 2006 gekauft hat und viele Institute in Josh Shipps Show stellt. Seither kam es in solchen Einrichtungen sogar zu Todesfällen, hauptsächlich durch mangelnde Versorgung. Sogar das amerikanische Außenministerium bewirbt die Programme für Teenager auf seiner Internetseite

Nachdem ich ihn auf diese Probleme aufmerksam gemacht habe, tut Josh Shipp sie als eine unglückliche Wahl des Personals in einigen der Einrichtungen ab. „Es ist nicht unüblich, dass Besitzer, Personal und Management dieser Einrichtungen oft wechseln“, erzählt mir Shipp. „Eltern sollten sich nur mit Vorsicht an diese Programme wenden und vor allem keine Angst davor haben, die richtigen Fragen zu stellen.“


Mitt Romney (via)

Professor Friedman erzählt mir, dass „Gruppen wie Aspen Education momentan versuchen, Beweise für die Wirksamkeit ihrer Methoden zu finden. Die Experten, die sie dafür anheuern, sind allerdings alles andere als unabhängig. Das Ganze ist viel mehr Marketing als ehrliche Bewertung.“

Nichtsdestotrotz kommt diese Form der „Therapie“ aus einem alten Amerika. Einem Amerika, dessen Gesellschaft sich ständig von moralischem Verfall bedroht sieht. In diesem Amerika können nur Ideale wie Abstinenz und harte Arbeit jemanden wieder auf den Weg der christlich-republikanischen Rechtschaffenheit bringen. Viele ziehen Fernsehprediger und das Konzept der „liebevollen Strenge“ bewährten Methoden der Wissenschaft und moderner Psychologie vor. 

Da, wo wir Experimentierfreudigkeit und das Verschieben von Wahrnehmungsgrenzen sehen, sieht dieses Amerika Sünde und soziale Korruption, die es der Gesellschaft schleunigst auszutreiben gilt. Normalen Teenagern wird gesagt, wie falsch und wertlos sie eigentlich sind, nur um sie danach fertig zu machen und zu misshandeln. Das alles mit dem erklärten Ziel, aus ihnen „wiedergeborene“ Erwachsene zu machen. Währenddessen werden die Konten ihrer Eltern geplündert, um die reichen, alten Säcke noch reicher zu machen. (Obwohl die Rezession die Branche etwas eingedämmt hat, ist ein Kind laut CRC-Gesundheitslisten bei den Freiluftprogrammen noch 438,96 Dollar, und bei den Heimprogrammen noch 257,87 Dollar pro Tag „wert“.)

Trotz der Tatsache, dass einige Entzugskliniken nach kleineren Untersuchungen ihr Personal wechseln mussten, wächst das Gewerbe stetig weiter. Das liegt daran, dass all diese Einrichtungen die gleichen Methoden nutzen, die gleichen Wurzeln haben und von den gleichen Leuten finanziert werden. Daher stellt sich abschließend nur eine Frage: Warum gab es bisher keinerlei Versuch seitens der Regierung, die Behandlungszentren zu regulieren? Denn solange das nicht geschieht, werden Kinder und Teenager dort leiden müssen.

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