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Rudis Brille

Das Land, sein Volxheinzi und seine Wutbürger

Gabalier ist der Spiegel des Österreichertums: Stets Opfer, nie Täter, immer unzufrieden.

von Rudi Wrany
04 August 2016, 12:10pm

Foto via Flickr | Robin Böttcher | CC BY-ND 2.0

Der Sommer ist langweilig. Ich sag das mal so provokant, denn er ist ja leider—im negativen Sinne gar nicht langweilig. Leider passieren zu viele Dinge, die wir in unserer Quality Time-Blase seit Jahrzehnten nicht mehr gewohnt sind: Attentate, Amokläufe, Putschversuche, Verhaftungswellen und Demonstrationen für Diktatoren. Auch Föhnwellen, die Präsident werden wollen und weitere Unannehmlichkeiten prägen die—durch Unwetter oft verhaute—angeblich schönste Zeit des Jahres. Und was unsere Clublandschaft betrifft, musste ich mir unlängst von einer Neunzehnjährigen sagen lassen, dass Wien tot sei.

Nun, so arg würde ich es nicht sehen, die Sauna müht sich redlich, kämpft aber immer noch mit dem Image. Die Forelle renoviert und ist geschlossen. Hades ist zwar offen (entgegen früherer Ankündigungen), doch verbreitet der Clubname HYPE nicht gerade wohliges Frösteln.

Kurzum: Alles wirkt abgestanden, lasch, fahl: Weißhemden dominieren die Afterwork-Hangouts, Techno und House versinken in Beliebigkeit zwischen Ibiza und Gänsehäufel. Drum'n'Bass-Feste boomen weiterhin. Doch kommt man sich beim Anblick der—durch nervöse Zuckungen und Gesichtsdisco gebeutelten, postpubertierenden—Kleinkinder in der Schlange vor den Clubs dann doch deplatziert vor und ins Vestibül gehen zur Impulstanzzeit einfach ALLE, was einige zu viel sind.

Und dann noch diese Stimmung im Land: Unzufriedenheit wohin man blickt, einstige Clubstammgäste verkommen in ihren Vorstädten zu geifernden Kirchtagsmätressen und alle haben Angst: Angst vor dem "Aus dem Hause gehen". Am Ende dieser Skala des kalten Bauern kommt dann er: ER, der die Stimme der Verzagten, der Unterdrückten, der Einfachen, der Anständigen, der Aufrechten, der "echten" Österreicher ist. Das Organ der Patrioten, am Ende aber doch das der Idioten: Andreas Gabalier, die Lederhose der Nation, hat es also wieder getan.

Nicht bei uns, nein. Bei unseren Stammesverwandten in München vor gefühlt zwei Millionen Atemlosen hat er ausgeholt. Zum Rundumschlag gegen das Land, das vom Bach weggespült wird, gegen die Zustände, die er aber nicht näher erklären kann. Er fühlt sich als Warner und Mahner des Dunklen, das er selbst verbreitet und erntet dafür Applaus, wohin man hört.

Gut. Zugegeben, er macht es gescheiter als sein Extremsportler-Pendant Felix Baumgartner, der durch die Stratosphärenturnübungen sein Gehirn etwas zu gut durchlüftet haben dürfte und einfach nur mehr Schwachsinn von sich gibt. Gabalier trifft den "Nerv" des einfachen Wutbürgers und strapaziert meine dabei. Kaum ein Musiker hat sich so offen ins rechte—für viele das richtige—Eck gestellt wie er. Kritik an ihm ruft sofort und refelexartig "er traut sich was und hat recht"-Würgereaktionen hervor.

Ein Shitstorm jagt den nächsten und symbolisiert nur allzu offenkundig, worauf wir uns in den nächsten Jahren gefasst machen müssen: Es wird ein Kampf. Gegen das Fremde, gegen das System, gegen Menschen aus anderen Kulturen. Es wird ein Weg zurück in die Nationalstaatlichkeit, in das "Mir san mir"-Gefüge, das mittlerweile zu viele der EU vorziehen.

Gabalier ist der Spiegel des Österreichertums: Stets Opfer, nie Täter, immer unzufrieden, bieder, kleinkariert, einfache Lösungen und Antworten suchend. Die einfachen Lösungen sind immer die besten: "Nein" ist nunmal die einfachere Antwort als ja. Am Ende bleiben nur die Opfer.

Ein medientechnischer Kollateralschaden an der Gabaliersache, war am Ende das von BILD gestreute Gerücht, er würde von den Hells Angels beschützt, einer durchaus zweifelhaften Gruppierung, die nicht gerade durch das Abhalten von Kaffekränzchen ihren Unterhalt verdient, zumindest tauchten Bilder mit den gar nicht so lieben Engeln an den Absperrgittern auf—jedoch war es dann am Ende nicht mehr als Clickbait.

Der Mann hat aber offenbar Probleme damit, sein Haus zu verlassen. Man könnte spöttisch fragen: Warum bleibt er nicht eine zeitlang drin? So 20 Jahre vielleicht? Warum bleibt er nicht eine zeitlang in seiner Bude und verschont uns einfach mit seinen Ergüssen? Nun, nein, das wird er nicht tun, denn er ist zu erfolgreich. Seine Konzerte sind innerhalb von Sekunden ausverkauft und ehrlich gesagt: Würde der Typ einfach seine Publicity auf die Musik beschränken, die man nicht mögen muss, aber akzeptieren kann, wäre das Utopie.

Da hatte Gabi wohl bisserl Angst, seine engelsgleichen Haberer haben ihm das Handerl gehalten. Foto via Flickr | Roy Lister | CC BY 2.0

Meinetwegen möge man es dem "Volxbeglücker" sogar gönnen, doch sein Bedürfnis zwischen "Ich bin verliiiiiiebt" und sonstigem Schmonzes stets seine politischen oder sexistischen Meinungen preiszugeben, machen ihn zum gefährlichen Handlanger. Er wird zum Sprachrohr all jener neoliberalen und rechtskonservativen Witzfiguren, die alsbald unsere Welt beherrschen werden (Zweckpessimismus). Andreas Gabalier ist kein Islamexperte, er ist ein Volxrocker.

Hansi Hinterseer und Helene Fischer sind das auch, die halten wenigstens den Rand. Doch Gabalier wird uns wohl nie den Gefallen tun, mit Felix Baumgartner eine WG in der Schweiz zu gründen. Eher singt er im Schweizerhaus, wenn es Norbert Hofer im dritten Anlauf dann doch schaffen wird, Bundespräsident zu werden. Weil "wir" alle Angst haben. Die Angst wird uns dann von ihm genommen. Wie? Das kann uns freilich keiner sagen.

Hoffentlich geht dieser Sommer bald vorüber, Andreas Gabalier fährt mit den Hells Angels auf Urlaub und Donald Trump wird auch bitte nicht Präsident der USA. Aber dann wache ich auf und alles war nass. Und der böse Traum war zu Ende.

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