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Ist Aids überhaupt noch ein Thema? Und Safer Sex uns wichtig?

Tinder und Grindr bescheren uns Sex auf Abruf. Unsere Lieblingspartys heißen zum Beispiel "Pornceptual", Chemsex ist ein Trend. Nur über Geschlechtskrankheiten reden wir nicht so gerne.

von Natalie Mayroth
01 Dezember 2016, 11:18am

Als ich in München aufgewachsen bin, hatte ich immer den gleichen Satz in den Ohren: "Am Spielplatz und in der Wiese keine Spritzen anfassen". Dass die piksen, wusste ich als Kind, doch warum ich davor gewarnt worden bin, habe ich lange nicht verstanden. Heute lebe ich in Berlin, "Hauptstadt der Syphilis", zwischen tausenden Tinder- und Grindr-Nutzer und -Nutzerinnen, zwischen Chlamydien und Darkrooms, zwischen ungeschütztem Sex, Drogen und gehypten, sexpositiven Parties wie "Gegen", "Pornceptual" oder "Herrensauna". Und irgendwo dazwischen stellt sich die Frage: Ist Aids überhaupt noch ein Thema? Und ist Safer Sex uns wichtig?

Eine Praxis. Im Wartezimmer sitzt ein junger Mann. Beim Wasserlassen brennt es bei ihm. Er möchte eine Tablette, damit es wieder weggeht. Er bekommt ein Paket. "Ein Paket, das auch Aufklärung enthält", sagt Dr. Martin Viehweger, Berliner HIV-Schwerpunktarzt. Seine Arbeit besteht aus Prävention, nicht nur der Testung oder Behandlung von Geschlechtskrankheiten.

"Wir gehen davon aus, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland leicht ansteigt, doch ganz genau lässt sich das nicht sagen", so der Arzt. Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts haben sich in Deutschland im vergangenen Jahr etwa 3.200 Menschen neu mit dem Virus infiziert. Ende 2015 lebten rund 84.700 Menschen mit HIV in Deutschland von denen 12.600—rund 15 Prozent—nichts von ihrer Infektion wussten. Am stärksten betroffen sind homo- und bisexuelle Männer, die 70 Prozent der Neuinfektionen ausmachen. In Berlin leben derzeit etwa 17.000 positive Menschen.

Bei uns in Wien ist es nicht unbedingt besser um die Krankheit bestellt: Im Jahr 2015 wurden 428 neue HIV-Diagnosen festgestellt. Insgesamt haben sich in Österreich bisher rund 12.000 bis 15.000 Menschen mit HIV infiziert. Etwa die Hälfte der Betroffenen lebt in Wien, etwa zwei Drittel davon sind Männer, ein Drittel Frauen. Quelle: aids.at.

"Deutsche Männer schlafen nicht gerne mit Kondomen"

"In dem Moment, in dem Menschen Grenzerfahrungen machen—dazu gehören Parties und Drogen—wird man toleranter gegenüber Grenzerfahrungen in anderen Bereichen", sagt Viehweger im Gespräch. Durch das Internet kann man sexuelle Nischen aufmachen und sexuelle Kultur lebt in Clubs. Neue Datingpraktiken und Drogenkonsum haben eine Auswirkung auf die Rate von sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI). Die Frage ist, ob darüber aber auch gesprochen wird.

Federico*, 27, ist Kunststudent. Er nutzt zwar Tinder, doch wegen Geschlechtskrankheiten mache er sich keine großen Sorgen. So aktiv sei er dann doch nicht. HIV/Aids seien zwar für ihn präsent, aber eher in Form von Plakatwerbung in den U-Bahnhöfen. Hanna*, 33, teilt eine ähnliche Erfahrung: "Queere Frauen sind in der weder in der Öffentlichkeit noch in Clubs so sexuell aktiv wie Männer. Es gibt Communities, die mehr darüber sprechen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in Berlin viel über STIs gehört habe", sagt die aus San Francisco Stammende. In den Staaten werde anders darüber gesprochen. Und Marta*, 27, machte ungewohnte Erfahrungen in Deutschland: "Als ich Single war, fand ich, dass die deutschen Männer nicht gerne mit Kondomen schlafen", sagt sie. Dass sei ihr in Spanien, England oder den USA nicht so sehr aufgefallen.

Frederico sagt, er nutze zwar Tinder, doch wegen Geschlechtskrankheiten mache er sich keine großen Sorgen. So aktiv sei er dann doch nicht.

Rasanter als HIV steigen andere Schmierinfektionen wie Papillomviren (verantwortlich für Gebärmutterhalskrebs), Krätze, Filzläuse, Hepatitis C, Tripper, Chlamydien oder Syphilis an. Die Lustkrankheit von vorgestern, hat sich in den letzten 10 Jahren erheblich ausgebreitet, besonders unter Männern, die Sex mit Männern haben (MSM)—in bei uns, Deutschland, Westeuropa und den USA. Sie beginnt mit schmerzlosen Geschwüren und kann unbehandelt innere Organschäden hervorrufen.

Mit Überschriften wie "Berlin ist Hauptstadt der Syphilis" verpasse man dort allerdings eine Chance, Menschen für diese Themen zu sensibilisieren, Awareness zu schaffen, so Viehweger. Ähnlich sieht Viehweger das Thema Chemsex und den Fall um den Grünen-Politiker Volker Beck, bei dem 0,6 Gramm Crystal Meth gefunden wurde und der deshalb aus seinen Fraktions- und Parlamentsämtern zurücktrat.

Sex und Drogen: Körper anders spüren

Sex und Drogen gehören für viele Menschen heute zusammen. Unter ihnen steigt die Zahl der mit-Hepatitis C-Infizierten. Das Virus ist nicht nur durch den intravenösen Drogengebrauch übertragbar, sondern auch durch geteilte Röhrchen beim Sniffen. Für Klaus*, 33, ist Sex, bei dem Gras, Poppers oder G (GHB) ins Spiel kommt, eine Bewusstseinserweiterung. "Der Orgasmus ist intensiver", sagt er. Für ihn ist es der Reiz, etwas Neues auszuprobieren, Körper anders zu spüren. Dennoch hat er Angst vor Stigma, wenn er Partnern gegenüber seine sexuellen Wünsche äußert. "Du kannst in den Club gehen, tanzen und eine Pille nehmen, du musst es aber auch nicht." Und so sieht er es auch mit Sex. MDMA dagegen eigene sich nicht, wenn es mehr als Gruppenkuscheln sein soll. "Dennoch musst du die Droge kontrollieren, und nicht die Droge dich", sagt Klaus.

Zugenommen haben in letzter Zeit Überdosierungen vom auch zum KO-Tropfen taugenden G, die tödlich enden können. "Es ist wirklich schlecht, aber das Gefühl ist wirklich gut, wenn man es richtig nimmt", erzählte Partyveranstalterin Geovane bereits vor einem Jahr gegenüber VICE. "Man muss sich viel um die Leute kümmern und teilweise anderthalb Stunden in der Toilette verbringen, weil Leute zusammenbrechen und niemand es sehen darf." Berliner Clubs und Partyreihen sprechen sich gegen "Liquid Extasy", wie G auch genannt wird, aus. Bei der "Gegen" wurde sie vor Kurzem verboten. Aber auch in Städten wie Leipzig ist die Droge am Kommen.

Und es gibt Chemsex, Sex auf Crystal Meth, vor allem in der schwulen Szene beliebt. (Die Verbreitung unter Heteros ist geringer, sie greifen eher auf Ketamin oder Kokain zurück.) Chemsex findet im Privaten statt, auf Gruppensexparties. Man verabredet sich zum Sex, Tina, wie das Crystal Meth auch genannt wird, wird intravenös konsumiert oder geraucht. Eine Szene, die wächst. Das Magazin Zittywidmete ihr im Februar eine Titelgeschichte. In Großbritannien fürchtet man durch die Kombination von harten Drogen und ungeschütztem Verkehr eine zweite HIV-Welle. Im April fand zum Thema ein ChemSex-Forum statt, das im September 2017 nach Berlin kommen soll.

"Let's Talk About Sex and Drugs"

In der Hauptstadt Deutschlands saßen bereits vor einiger Zeit einige Schwerpunktpraxen, darunter die von die von Christiane Cordes und Martin Viehweger, mit Initiativen wie manCheck und der Berliner Aids-Hilfe sowie mit Betreibern von Clubs wie dem Boiler, SchwuZ und Berghain an einem Tisch, um darüber zu reden, wie Aufklärung im Bezug auf Drogen und Sex besser aussehen kann. Ein Schritt in diese Richtung ist die Reihe Let's Talk About Sex and Drugs, Berliner Nachfolger von Let's Talk About Gay Sex and Drugs aus London. Sie will Menschen einen geschützten Raum geben, um über ihre persönlichen Erfahrungen mit Sex und Drogen zu sprechen. Dazu lädt die Travestiekünstlerin Pansy Paker in regelmäßigen Abständen ein. Letzte Woche etwa fand die Gesprächsrunde im Musik und Frieden statt. Man bildet sich gegenseitig fort.

Annabelle*: "Wir sagen unseren Freundinnen: Immer mit Kondom!" Foto von der Autorin.

Und auch wenige hundert Meter weiter macht man sich so seine Gedanken über Safer Sex, Drogen und Feiern. "Wir reden nie groß über HIV, aber wir sagen unseren Freundinnen: Immer mit Kondom! Wir haben einen Freund und fühlen uns sicher, weil wir mit niemand anderen sexuellen Kontakt haben", sagen Annabelle*, 20, und Ingrid, 21*, die ich vorm Matrix treffe. Über Marijuana wissen sie Bescheid, aber über härtere Drogen nicht. Aufklärung fand in der Schule statt.

"Vielleicht liegt es daran, dass wir noch relativ jung sind und nicht zu den Menschen gehören, die sich jedes Wochenende jemand neuen ran holen," sagt Agata*, 18. Sie kommt aus Brandenburg. AIDS ist auch bei ihr kein Thema, und Drogen nur indirekt. "Über die Schule hat man leichten Zugang zu Gras, Pilzen, aber auch Synthetischem. Man weiß, wer, wie, wo ran kommt. Es ist fast leichter, als es nicht zu nehmen."

Berlin will Aids beenden

Das heißt dennoch nicht, dass HIV/Aids damit weniger bedrohlich wären. Berlin hat sich gerade selbst zur " Fast-Track City" erklärt. Bis 2030 will man die "Aids-Epidemie" in der Stadt beendet haben. Jens Petersen, Mitarbeiter der Berliner Aids-Hilfe e.V. sieht auf dem Weg dahin allerdings noch weit mehr Handlungsbedarf. "Wir könnten mehr Tests anbieten, wenn wir mehr Personal hätten." Ein Schnelltest auf HIV-Antikörper kann innerhalb einer halben Stunde eine Infektion zwölf Wochen nach dem letzten Risikokontakt ausschließen. Immer mehr Leute lassen sich testen. Und das ist wichtig, denn hohes Risiko geht von den Menschen aus, die nichts über ihre Krankheit wissen.

"Das große Sterben hörte 1996 mit der Einführung der antiretroviralen Kombinationstherapie auf", erklärt Petersen. HIV-positive Menschen haben heute, wenn sie ihre Immunschwäche rechtzeitig behandeln, eine fast normale Lebenserwartung. Sogar eine Geburt mit einer HIV-positiven Mutter kann unter medizinischer Betreuung gut verlaufen und das Risiko einer Mutter-Kind-Übertragung von HIV eingedämmt werden.

Dass eine HIV-positive Person nicht gefährlich für die Gesellschaft ist, ist ein Schlüsselthema.

Doch es muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. "Viele Leute, mit denen wir in Clubs über Aufklärung sprechen, haben Angst vor einer oralen Infektion, doch der Hauptübertragungsweg bleibt die Penetration, das heißt über Anal- oder Vaginalverkehr ohne Kondom," sagt Simone*. Er engagiert sich bei manCheck, einem Gesundheitsteam für schwulen Sex. Vor vier Jahren hat Simone selbst von seiner positiven Diagnose erfahren. Heute ist seine HI-Viruslast im Blut dank der medizinischen Behandlung unter der Nachweisgrenze und er kann den Virus nicht übertragen. "Dass eine HIV-positive Person nicht gefährlich für die Gesellschaft ist, ist ein Schlüsselthema."

Die Angst vor HIV ist zurückgegangen, "weil die Leute nicht mehr fürchten müssen, innerhalb weniger Jahre zu sterben, wie es in den 80ern der Fall war", findet Martin*. "Doch nach wie vor gibt es eine Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen und es ist nach wie vor nicht leicht, sein Coming-out zu haben." Martin ist 29, beschreibt sich als sexuell aktiven schwulen Mann. Ein Ex-Freund von ihm hat sich angesteckt und dann geoutet, doch viel hängt vom Freundeskreis ab. "Die queere Szene schreibt sich auf die Fahne, dass Solidarität sowohl für Minderheiten als auch untereinander eine große Rolle spielt, doch wenn es ums Daten geht oder wie es wäre, mit einem HIV-positiven Mann zusammen zu sein, gibt es noch viele Vorbehalte."

Kann PrEP zu mehr sexueller Freiheit bei gleichzeitiger Prävention führen?

Seit Oktober 2016 ist in Deutschland Truvada, eine Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) zugelassen. Sie schützt HIV-Negative vor einer Ansteckung. In Deutschland kostet die Dauermedikation 820 Euro pro Monat. "HIV ist kein Todesurteil mehr, dennoch ist es meine Verantwortung, auf mich achtzugeben, und ich mache das, in dem ich PrEP nehme", sagt Pansy von "Let's Talk About Sex and Drugs". Sie spürt aber auch die Vorurteile: "Auch hier gibt es HIV-Shaming. Wenn du Truvada nimmst, wirst du (für andere) zur Truvada-Hore", obwohl man sich und andere damit schützen will.

Pansy bietet mit ihrer Veranstaltung "Let's Talk About Sex and Drugs" der queeren Community einen Safe Space, um über Sex zu reden. Foto mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

Die Aids-Hilfe empfiehlt PrEP jenen Menschen, die Probleme mit Kondomen haben, also Menschen, die ohnehin kondomlosen Sex haben würden. PrEP ist aber auch für Menschen, die einem erhöhten Risiko durch einen HIV-positiven Partner oder durch den Beruf als Sexarbeiterin ausgesetzt sind. Angesichts der hohen Kosten für die Therapie suchen manche Auswege und beziehen illegal Präparate, die in vielen Ländern günstiger als in Deutschland sind.

Und es bleibt wichtig festzuhalten: Aids ist kein schwules, es ist ein weltweites Problem. Auch bei Frauen mehren sich die HIV-Infektionen, die häufig erst spät erkannt werden. Sie werden "Late Presenter" genannt, da Ärzte oft nicht mit einer HIV-Infizierung rechnen, bis sie dann doch entdeckt wird.

Von 1983 bis Ende 2012 wurden österreichweit 3.792 AIDS-Erkrankungen diagnostiziert. Von den Betroffenen sind bis Ende 2012 bereits 1.986 Personen verstorben—ein Grund, zu reden.

Wer häufig Sex mit wechselnden Geschlechtspartner*innen hat, dem wird empfohlen sich jedes halbe Jahr auf übertragbare Infektionen untersuchen zu lassen. Ein HIV-Test kann man in Wien anonym und kostenfrei bei der Aids Hilfe machen.

*Name von der Redaktion geändert.

Header: Imago. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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