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Was die Entwicklung unserer Sprache im Internet über uns aussagt

Unsere Wortwahl wird immer simpler. Also, von Tonalität her. Warum das nicht immer dumm sein muss und „seim Handy" eines Tages korrekt sein könnte.

von Franz Lichtenegger
27 März 2016, 4:00am

Collage via VICE Media

Es tut sich was von Sprache her. Dort, wo inzwischen wahrscheinlich mehr als die Hälfte unserer zwischenmenschlichen Kommunikation stattfindet—im Internet—, zeichnet sich schon seit einiger Zeit ein neuer Sprachtrend ab; und ich rede hier nicht etwa vom ominösen „Verfall der deutschen Sprache" durch OMG, Emojis oder Anglizismen.

Alle paar Wochen schwemmen Facebook, WhatsApp und Twitter wieder neue Floskeln an, die auf den ersten Blick irgendwie ungewöhnlich, fast schon stumpf erscheinen und wohl genau deshalb auch so viel Spaß machen. Die meisten Phrasen und Schreibweisen verbreiten sich daraufhin wie ein Lauffeuer und binnen kürzester Zeit bildet das halbe Internet nur noch Sätze mit „von-her"-Konstruktion und möglichst wenigen Artikeln.

Ist voll gut von Formulierung her. Und auch, wenn man zwar nie mit absoluter Gewissheit sagen kann, wo pseudo-trendige Ausdrucksformen ihren tatsächlichen Ursprung haben, dürfte das „von-her"-Gerüst anfänglich vom Komiker „Teddy" Teclebrhan kommen, der mit seiner Figur „Antoine" und dessen „Angelo Merte?" bereits viel Aufmerksamkeit erlangen konnte und in seinem Sprachstil vollkommen auf den Genitiv scheißt („Teddy sein Laden"). Dass der Dativ dem sein Tod ist, ist ja schon seit 2004 und Bastian Sicks Buch weitgehend bekannt, wurde aber seither (vor allem im lustigen Teil des Internets) eher selten behandelt.

Aktuell scheint es aber immer mehr so, als laufe nicht nur der Genitiv Gefahr, abgeschafft zu werden, sondern auch die Aussprache von Lauten. Ein Possessivpronomen im Dativ wie „seinem" wird beispielsweise immer öfter mit „sein", manchmal auch einfach mit „seim" abgekürzt: „Er redet mit sein/seim Bruder". Dieses Weglassen von Lauten bezeichnet man in der Linguistik als Elision.

Ich merke das selbst, wenn ich schnell Sätze wie „Nimm dein Laptop mit" schreibe und Nachrichten wie „Ja vllt, außer ich hab kein Bock" bekomme. Und obwohl mir bewusst ist, dass es falsch geschrieben ist, lese ich es irgendwie flüssiger. Im Gesprochenen passt es ja sogar irgendwie—die wenigsten sprechen „seinem" zur Gänze aus. Das ist einfache Sprachökonomie.

Könnte ein Satz wie „Hab ich auf meim Handy" eines Tages als orthografisch korrekt gelten? Jürgen Spitzmüller vom Institut für Sprachwissenschaften der Universität Wien befasst sich mit der Sprache der neuen Medien und schließt die Möglichkeit nicht aus. Aus „tuet" wurde schließlich auch irgendwann „tut", dem „Manne" wurde das Dativ-e gestrichen und „hab" anstatt von „habe" liest man auch ab und zu. Generell sei Orthografie sehr konservativ: „Sie konserviert Varianten, die im Gesprochenen schon lange nicht mehr Usus sind—oder höchstens hyperkorrekt wegen der schriftlichen Variante manchmal noch verwendet werden."

Vor ein paar Jahren war das Wörtchen „nais" ein ähnliches Phänomen—2008 wurde jedenfalls der erste deutschsprachige Tweet veröffentlicht, in dem die eingedeutschte Schreibweise als Ersatz für den Anglizismus „nice" verwendet wurde. Das war ganze sechs Jahre, bevor „nais" zum ersten Mal in Zusammenhang mit Money Boy zum Einsatz kam.

Von Money Boy selbst wurde es übrigens, zumindest auf Twitter, nie verwendet. Trotzdem würde man die Schreibweise heute wohl eher als „Money-Boy-Sprech" bezeichnen—ebenso wie man den exzessiven Einsatz von diesen Demonstrativpronomen und die Verwendung der Ziffer 1 als Substitut für unbestimmte Artikel instinktiv erst mal auf ihn und seine Fans zurückführen würde. Dass diese Methode ursprünglich ganz einfach dazu diente, die begrenzte Zeichenanzahl auf Twitter einhalten zu können, wird dabei schnell vergessen. Mit der Zeit konnte man die 1 dann auch in bester „Sk8er Boi"-Manier mit Worten kombinieren, die auf „-ein" enden (k1, m1, d1, s1).

Aber bevor alle 1 Ausraster von Vereinfachung her bekommen, keine Angst: Niemand verwendet Sprache ernsthaft so. Zumindest noch nicht.

Laut Jürgen Spitzmüller hat es stilistische Abwandlungen wie „1 Party" allerdings schon immer gegeben: „Das Internet macht hier ganz sicher zu einem großen Teil eine Form der Schreibvariation einfach nur sehr viel sichtbarer." Generell gäbe es heute aber auch mehr schreibende Menschen als etwa Mitte des 20. Jahrhunderts—und wo mehr Schreiber sind, da gibt es auch mehr Variation.

Neben Elisionen und vielen Einsen erfreut sich auch der Gebrauch des Wortes „Bruder" aktuell großer Beliebtheit. Würde es mir für gewöhnlich in den Sinn kommen, jeden Menschen der Welt „Bruder" zu nennen? Nein Bruder, nie im Leben, aber von der Idee her ist das schon super. Abgesehen davon hab ich k1 Bock darüber nachzudenken, ob das eine gute Idee ist oder nicht und überhaupt sind Satzzeichen eigentlich überbewertet

Aber bevor alle 1 Ausraster von Vereinfachung her bekommen, keine Angst: Niemand verwendet Sprache ernsthaft so. Zumindest noch nicht. Es ist ein Scherz, und noch dazu einer, der richtig gut sein kann—von Spaß her. Die Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" hat sich diesen Sprach-Code bereits im vergangenen Jahr angenommen und zählt mittlerweile beinahe 120.000 Fans. Das Prinzip ist das gleiche, nur eben maßlos übertrieben und teilweise bis zur Unleserlichkeit verzerrt.

Wenn wir also weiterhin auf Satzzeichen verzichten, Ziffern als phonetisches Substitut verwenden, Laute verschlucken und Anglizismen droppen, dann mag das vielleicht für klassisch ausgebildete Germanisten und Feuilleton-Fans einfältig und nicht besonders eloquent klingen—aber trotzdem ist es 1 Entwicklung. Und Sprache, geschrieben wie gesprochen, entwickelt sich nonstop. Weil sie eben auch (und vor allem) 1 Werkzeug ist und nicht nur ein System, dem wir uns unterordnen. Von Nutzen her.

Von Twitter her auch dabei: @FranzLicht