FYI.

This story is over 5 years old.

DIE SKAMMERZ ISHU

VICE Reviews

Dass ein Album bestes Album und bestes Cover in einer Ausgabe wird, ist ungefähr so selten wie ein heroinsüchtiger Schneeleopard in der Wüste.
13.2.14

BOHREN & DER CLUB OF GORE
Piano Nights
Pias Recordings
10
Es ist nicht so, als ob sich hier an der Bohrenschen Geheimformel oder dem Bandmantra („Other bands play, Bohren bore“) irgendetwas geändert hätte. Die Ruhr-Krepierer nehmen seit nunmehr knapp 20 Jahren immer wieder das gleiche Album auf und haben wohl bis zum Grauen des letzten Tages keine Weisung über sich als das Speedlimit von max. 20 bpm. Auch das Gerede von der neuerlichen Billo-Klavier-Gewichtung—geschenkt! Es zählt zu den unergründlichen Bohren-Secrets, dass dieses Album nun trotzdem klingen kann, als sei es seinen Vorgängern um Lichtjahre voraus. (Oder müsste es, um der Bandqualität gerecht zu werden, hinterher heißen?) Ich muss schon sagen, es begleitet mich seit Tagen durch miserables Klima, es lässt mich wie in einem Etherballon schwebend Supermarkteinkäufe, Wartestunden im Einwohnermeldeamt und, ja, sogar U-Bahnfahrten (all das in Berlin!) beinahe unbeschadet überstehen—alles scheint nur noch halb so schlimm! Piano Nights ist der Zivi unter den besten Platten dieses Jahres. (Und es stimmt, mit der Aussage kommt man auch schon im Januar locker durch den Lügendetektor). Bohren haben mir mit diesem Album die Lebensqualität auf ein ganz neues Level hochgejazzt und dafür möchte ich ihnen danken. VIelleicht mach ich das Ende März sogar persönlich, wenn sie auf einen Fisch nach Wien kommen.
MY DYING PRIDE

F.S. BLUMM
Up And Astray
Pingipung
2
Acht Alben zieht F.S. Blumm diese Nummer mit der liebenswürdigen Untertreibung nun schon durch—und nach 15 Jahren muss einfach mal eingewendet werden: Das war in der ersten Wiederholung schon vermessen. Das ist Hybris. Nichts anderes. Diese ewige Pastellfarbigkeit. Diese kauzigen, verkappten Melodien, die nie erwachsen werden dürfen. Saiten immer vorsichtig zupfen, niemals schlagen. Lebensentwürfe sind hier heimlich rausgekrochen. Nicht nur für ihn. Für alle. Für die Ewigkeit. Für immer. Zusammen. Werden uns niemals trennen. In einem 15-Quadratmeter-Club in Tokio werden wir uns zu dieser Dauersendung von Geplugger und Hausmusik nur mit Strickpullis bekleidet ins Nirwana schunkeln.
MORR TET

SCNTST
Self Therapy
Boysnoize
3
Musikproduktion als Selbsttherapie, das ist ein derart ausgelutschter PR-Mythos, dass ich bei einem so betitelten Album schon vor Wut schäume, bevor ich überhaupt die Play-Taste drücken kann. Es ist ja schön und gut, wenn es Leuten gelingt, sich mit Ableton Live von ihren Neurosen zu befreien, aber warum um alles in der Welt müssen sie gleich ihre Mitmenschen damit belästigen? Ich stelle mich ja auch nicht mit meinem Benzo-Bauchladen auf den Alexanderplatz und quatsche kleine Mädchen an. Na gut, der Typ hier ist selbst fast noch ein Kind, er war nach eigenen Angaben erst ein Mal in einem Club und es hat ihm nicht besonders gefallen. Wenn er wüsste, dass die Art von Krawalltechno, die er in seinem Schlafzimmer produziert, der Grund ist, warum es heute vielen Leuten in Clubs nicht besonders gefällt, müsste er sich eigentlich gleich wieder in Therapie begeben. Ein Teufelskreis.
RUTGER DRAUFHAUER

MARTERIA
Zum Glück in die Zukunft II
Four Music
8
Meister Marten setzt sich freiwillig dem Verdacht aus, den so ein Sequel automatisch wie eine Skepsis- Blähung hinter sich herzieht. Rendite-Kalkül durch Ideen-Recycling und so. Ist ja auch gerade voll en vogue im Rapgeschäft. Marteria leistet sich jedoch den respektablen Boss-Move, einfach die Teile von ZGIDZ neu aufzulegen, die ohnehin indiskutabel sind, sprich den Krauts-Future-Bumms und diesen Konzeptschwurbel von einem, der zu viel über sein Leben nachdenkt. Ansonsten macht er einfach das, was er will. Und das ist zum Beispiel: Kein Album fürs Radio aufnehmen. Sogar aus den lila Wolken kommt nur Regen. Oder: Kein Album für irgendjemanden aufnehmen, außer sich selbst. Wenn das dann die Leute kaufen, die Teil eins feierten, dann ist das das Beste, was ihnen passieren konnte, sie wissen es vielleicht nur noch nicht. ZGIDZ II bestätigt also, was wir schon von Terminator und Alien wussten—Ausnahmen bestätigen die Sequel-Regel.
JAMES COMERAN

DEICIDE
In The Minds Of Evil
Century Media
6
Bei jedem neuen Deicide-Album strahlt docherst mal die Anekdote wie Höllenglut aus dem Langzeitgedächtnis, in der ihro Grunz-Gestörtheit Glen Benton einmal ein Interview in Wutschaum ablehnte, weil der unwürdige Pressewurm (Dank seiner Berufswahl allein im Zweifel, dieselbe Luft atmen zu dürfen) zu allem Überfluss auch noch mit dem Namen Christian vorstellig wurde. Heiliger Geist, weiche! Das war irgendwann in den Neunzigern, Deicide galten als blutgesättigte Speerspitze des Florideath und nahmen ihre Rolle so ernst, dass es einer (Achtung!) himmelschreienden Komik nicht ent- behrte. Dasselbe gilt nun wieder für dieses neue Album, das man mit nostalgisch glänzenden Augen empfängt, das aber dem eigenen verdorbenen Oeuvre natürlich nicht mal die kleinste Bremsspur eines irgendwie andersartigen Teufelsfurzes ins ätzende Bouquet zu blasen vermag.
YEEZUS KRYZD

QUENUM
Face to Face
Serialism
6
Wenn du in den letzten zehn Jahren einen Fuß in einen Technoclub gesetzt hast, dürftest du ziemlich sicher mit dem Track „Orange Mistake“ vertraut sein, den Quenum einst mit seinem Kumpel Luciano aufgenommen hat. Vermutlich eins der am meisten gespielten Stücke der letzten Dekade, wenngleich es natürlich nur Nerds beim Namen kennen, die den ganzen Tag bei Beatport abhängen und sich Notizen machen. Aber hör es dir einfach bei Youtube an, es wird ziemlich sicher endorphingeschwängerte Backflashs auslösen und dich zum Weinen bringen. Auf Quenums jetzt erschienenen Album finden sich elf Stücke, die alle ganz OK, aber nicht so gut wie „Orange Mistake“ sind. Irgendwie ist es mit diesen ganzen Techno-Longplayer der letzten Zeit ein bisschen wie mit Pornofilmen. Man muss schon ein ziemlich seltsamer Typ sein, um sie sich in ganzer Länge reinzufahren.
DETEKTIV LOOPIN

GEBRÜDER MARX
Kramuri
Reich und Schön/Hoanzl
7
Die Gebrüder Marx machen Wienerlied. Ein dickes Fuck You an alle Velvet Underground- und Stooges- Verschnitte dieser Welt. Mit ihrem tatsächlich großartigen Anti-Wien-Song „Hätt‘ ma, kennt‘ ma, mochma oba ned“ haben sie übrigens den Protestsongcontest gewonnen. Warum großartig? Mit nur einer Zeile wird die allgemeine Haltung des grantelnden, bürokratischen Wiener Verhinderers getroffen, erklärt, gehasst. Bei den weiteren Zeilen muss man als Zuhörer lachen, und bei der letzten Zeile—der Pointe—wird alles wieder umgekehrt. Das ist das typische Wienerlied-Schema (mitschreiben, das wird Ende des Jahres abgeprüft!). Gut, Wienerlied ist jetzt nicht das Coolste in der Zielgruppe 16 - 29, trotzdem spürt man den Zeitgeist in diesem verstaubten, versoffenen Genre. Kramuri ist ein schönes, gesundes und vor allem nicht vollkommen bescheuertes Lebenszeichen des Wienerlieds. Endlich gibt’s den Nino aus Wien auch für Erwachsene.
FUTKANISTER

KING ELECTRIC
Remixology Vol. 1
Top10 Records
8
Remixen ist unerklärbar, überflüssig, ein langweiliges Verwässern von Mischpultnerds für Mischpultnerds. Wer ehrlich ist, gibt zu, dass Remixe auch nur Versuche anderer Menschen sind, einen Song besser zu machen. Oft wird aber die ursprüngliche Dynamik zerstört und bloß mit einem Kickdrum-Beat, ähnlich einem Herzschrittmacher, künstlich am Leben erhalten. So weit mal zu meiner generellen Abneigung gegenüber Remixes, die man natürlich auch getrost als unwissendes Besserwissertum eines Vor-kurzem-erst-30-gewordenen-Obergscheit abtun kann und soll. Diese Remixes-12“ von King Electric präsentiert jedenfalls 6 verschiedene Spielarten ihres ohnehin schon facettenreichen Funks, den wir seit ihrem Debüt im Herbst 2012 sehr gut leiden können. Die Dynamik bleibt erhalten, der Gewinner ist die Vielfalt und die Hits sind Emufuckas Tokio-Version von „Commit Yourself“ und das Nas Mashup. Laut, bassig und so fett wie 14 Snickers.
TIXO

DANTON EEPROM
If Looks Could Kill
infiné/Rough Trade
3
Danton ist so ziemlich der douchieste Name, den ich mir vorstellen kann. Noch douchier, als „douchy” im Deutschen zu verwenden. So douchy ist der. Und außerdem sind pseudo-arty Falten Teil des Cover Artworks von If Looks Could Kill und die Lieder tragen Titel wie „Melodrama in Cinerama”, „Hex Tape” und „All American Apparel”. Danton, willst du, dass ich aus Rage einen Herzinfarkt bekomme? Du machst langweiligsten Synth-Pop, gemischt mit langweiligerem House, und wirst in deinem Pressetext als „Dandy” beschrieben … also, ja.
THE DYING DEAD

PRADER & KNECHT
Millions Of Pieces
Irascible Records
7
Deine Beziehung ist am Ende. In Millionen Elementarteilchen, zerteppert am Grund des Lebens. Alles Glück wird dir aus den verkrampften, ins Leere greifenden Fingern gerissen und verschwindet am Ende des Tunnels. Das sinnspendende Licht war nur eine Spiegelung. Du kannst der umspülenden Tiefe nun vergeblich zu entschwimmen versuchen oder du kannst durch sie hindurchtauchen. Auf diesem Trip hast du am besten eine Flasche Rotwein ohne Boden und eine CD von Prader & knecht dabei.
AHAB LAGERKNECHT

MARIJUANA DEATHSQUADS
Oh My Sexy Lord
Memphis Industries/Indigo
8

Geh’ zum Plattenschrank und hol’ dir jeweils eine Platte von Dinosaur Jr., von den Raveonettes, den Breeders und eine von Jay Reatard. Wirf alle vier mit Anlauf aus dem Fenster. Dann leg’ diese 12” auf und freu’ dich darüber, dass es noch Musik gibt, die so klingt wie alle vier vorher genannten zusammen, best of four worlds gewissermaßen, und die trotzdem irgendwie originell und neu ist—nämlich in allen Belangen ein bisschen kaputter und unkalkulierter. Nach sechs Tracks in ungefähr 15 Minuten gehst du dann runter zur Straße und sammelst deine Platten wieder auf, falls du tatsächlich zu den Leuten gehörst, die kritiklos alles machen, was die bekloppten Typen von VICE ihnen sagen.
DEEP KLAUS

CHUCK RAGAN
Live At Skaters Palace
Uncle M/Cargo
6

Die Geige klingt wie ein betrunkener Moskito. Das passt auch gut zum Sänger Chuck Ragan, der vor allem zu Beginn des Albums wie ein angesäuselter Verwirrter mit launischem Zahnersatz klingt. Ich habe Hot Water Music 1998 im schon längst geschlossenen TU-Club in Wien gesehen, doch HWM-Chuck lässt sich mit dem heutigen Einzelgänger-Chuck nicht mehr vergleichen. Seit er sich solo einen Namen gemacht hat, versucht er, abwechselnd nach IRA-Rebelsongs und melancholischem US-Country zu klingen. Wer die Originalvorlagen kennt, wird Chuck wohl eher milde belächeln. Wie ZZ Tops Auftritt in Zurück in die Zukunft 3, irgendwie. Nüchtern betrachtet ist die Produktion prima und wer Fan von Chuck Ragan ist, wird dieses liebevoll gestaltete Release mögen. Vinyl only, Doppelvinyl noch dazu —der Moskito an der Geige sollte aber den Tequila vom Rider streichen. ERWIN VAN ZANDT

Als besonderes Schmankerl haben wir diesmal ein paar druckfrische ANIMAL HOUSE 7"s  im marbled Vinyl aus dem Hause HIRNTRUST für euch, holt sie euch mit dem Betreff "IN HIRN WE TRUST" an win@vice.at!